«Der Digitaltag soll sich als neuer Feiertag etablieren»

Start-ups und Klimafonds

CW: Start-ups haben Sie eingangs bereits kurz als Anspruchgruppe erwähnt. Wie wichtig sind Jungunternehmen für die Zukunft der Schweiz?
Bürer: Das Start-up-Ökosystem ist enorm wichtig für die Gesellschaft. Falls gewisse Industrien in den nächsten Jahren mehr Mühe hätten, geht es darum, den Jobverlust durch neue Firmen zu kompensieren.
CW: Wie steht es aktuell um dieses Ökosystem?
Bürer: Derzeit herrscht ein sehr gutes Momentum. In der Schweiz gibt es aktuell rund 2500 Start-ups, die man noch als solche bezeichnen kann. Jedes Jahr kommen 300 bis 400 neue Jungunternehmen hinzu und in Bezug auf das in Start-ups investierte Kapital liegt die Schweiz im Europavergleich auf Platz fünf.
CW: Macht diesbezüglich ein Vergleich mit China oder den USA überhaupt Sinn?
Bürer: Nein, die beiden Länder sind uns um Welten voraus.
CW: Schliesslich herrschen dort auch ganz andere Marktverhältnisse …
Bürer: Richtig. Elementar ist es für uns nun, dafür zu sorgen, dass unsere Start-ups in der Schweiz bleiben. Grossfirmen wie Novartis, UBS oder Schindler sind weltweit tätig, haben ihren Hauptsitz aber nach wie vor hier. Das soll uns auch mit den Jungunternehmen gelingen. Wir müssen unbedingt verhindern, dass sie nach der Gründung bei uns auswandern. Zudem startet gerade eine neue Welle von Unternehmerinnen und Unternehmern durch, die – wie ich behaupten würde – viel ambitionierter ist und von Vorbildern aus Grossbritannien, Israel oder den USA gelernt hat, einen ehrgeizigen internationalen Weg einzuschlagen. Als Vertreter einer Standortinitiative erhoffe ich mir natürlich, dass sie nicht nur mit einer Holding bei uns bleiben, sondern auch mit Manpower.
CW: Was hat die Schweiz zu bieten, um Start-ups langfristig zu halten?
Bürer: Hier können Start-ups Talente engagieren, die sie sonst nirgends finden. Weiterhin in die Ausbildung zu investieren, muss für uns deshalb auch künftig das A und O sein. Hinzu kommen Vertrauen in den Staat und Stabilität. Das ist unser Modell.
“Nur mit Technologie können wir langfristig unsere Klimaziele erreichen„
Nicolas Bürer
CW: Auch der Zugang zu Risikokapital ist sicherlich ein wichtiges Kriterium. Als Business Angel kennen Sie sich ja bestens in der hiesigen Investorengemeinde aus. Wie beurteilen Sie deren Zustand?
Bürer: Der Schweizer Venture-Capital-Markt ist noch nicht da angelangt, wo er sein sollte. Es gibt zwar neue Fonds – Spicehaus Partners, Wingman Ventures und Übermorgen Ventures, um nur drei von ihnen zu nennen. Das ist sehr zu begrüssen. Dann war es höchste Zeit für den Swiss Entrepreneurs Fund, der soeben mit einem Budget von knapp 200 Millionen gestartet ist. Der muss nun unbedingt vervielfacht werden – hoffentlich bald auch mit Pensions­kassengeldern. Wir sind nicht in den USA, wo 3 Prozent davon in Venturing investiert werden. Das fordere ich nicht. Aber wenige Zehntelprozent würden schon viel ausmachen.
CW: Sie wünschen sich also mehr Risikobereitschaft?
Bürer: Absolut. Man darf schliesslich nicht vergessen, dass durch die Investitionen beispielsweise zusätzliche Stellen geschaffen werden. Auch aus politischer Sicht gibt es eini­ge Punkte, die wir verbessern sollten. Zum Beispiel ist das Kontingent für Drittstaaten immer noch zu tief. Punkto Stock-Option-Programmen für Mitarbeitende sind wir derzeit ebenfalls noch im Nachteil gegenüber Staaten wie Grossbritannien oder den USA.
CW: Sie haben den Fonds Übermorgen Ventures erwähnt. Dieser will Jungfirmen unterstützen, die zur Stabilisierung des Klimas beitragen. Sehen Sie Investments in umweltbewusste Start-ups als Trend im VC-Markt?
Bürer: Es ist definitiv ein Trend, dass sich gewisse Fonds spezialisieren. Andere arbeiten dagegen industrieagnostisch. Aus meiner Sicht braucht es beide Modelle. Persönlich finde ich es sehr begrüssenswert und auch notwendig, dass Investoren beim Thema Umwelt aktiv werden. Nur mit Technologie können wir langfristig unsere Klimaziele er­reichen – etwa durch Elektroautos oder IoT-Lösungen, die dabei helfen, den Stromkonsum zu reduzieren. Das ist wiederum eine positive Seite des technischen Fortschritts.


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