12.01.2017, 15:16 Uhr

Microsoft flirtet mit Linux und Open Source

Microsoft will weiter wachsen und macht selbst vor einer Annäherung an den einstigen Erzfeind Linux nicht Halt. Von der Liaison soll sowohl Redmond als auch die Open-Source-Welt profitieren.
Das Windows-Betriebssystem läuft derzeit weltweit auf über 400 Millionen Geräten. Und bereits acht von zehn der weltgrössten Unternehmen nutzen Microsofts Cloud-Dienst Azure.
Im Markt für Datencenter-Lösungen, Cloud- und High-Performance-Computing (HPC) hat allerdings weiterhin das Open-Source-Betriebssystem Linux eine marktbeherrschende Stellung inne. So hat es seit November 2015 kein einziges Windows-System in die Top-500-Liste der weltweit stärksten Supercomputer geschafft.Bis zum Amtsantritt des derzeitigen Microsoft-CEOs Satya Nadella galt das Linux-Ökosystem dem Software- und Cloud-Anbieter als Erzfeind. Steve Ballmer, Nadellas Vorgänger, sah Microsofts Geschäftsmodell durch quelloffene Lösungen bedroht. Er pflegte Linux medienwirksam als Krebsgeschwür zu bezeichnen. Nadella steuert offensiv auf eine 180-Grad-Wende zu.

Schrittweise Annäherung

Die Annäherung Microsofts gegenüber der Open-Source-Gemeinde zeichnete sich bereits seit einiger Zeit ab. So hatte das Unternehmen zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Linux-Spezialisten Canonical einen Teil von Ubuntu Linux einschliesslich der Kommandozeilenschnittstelle Bash auf Windows portiert. Hiermit lässt sich ein Linux-Subsystem für Windows direkt in Windows 10 installieren. Mit dem beachtlichen Volumen seiner quell­offenen Beiträge auf GitHub, der Linux-Verwaltungsplattform für Software-Code, hatte Microsoft sowieso längst die Spitzenposition erobert. Der Schwerpunkt dieses Engagements lag vor allem auf Verbesserungen für den hauseigenen Hypervisor Hyper-V. Für ein Unternehmen, das seine Marktführerschaft einst ausschliesslich auf proprietären Lösungen aufgebaut hatte, ist dieser Einsatz im Open-Source-Bereich bemerkenswert. Die wirklich grosse Überraschung kam dann aber im November letzten Jahres, als der Konzern die IT-Industrie mit einem bedeutenden Schachzug vor vollendete Tatsachen stellte: Zum Entsetzen grosser Teile der Linux-Gemeinde trat Microsoft der Linux Foundation als Platinum-Mitglied bei. Diese Ehre lässt sich der Konzern immerhin eine halbe Million Dollar pro Jahr kosten. Zu dem erlauchten Kreis zählen insgesamt nur elf Unternehmen – und diese dürfen die Richtung für so wichtige Initiativen wie das Blockchain-Projekt Hyperledger vorgeben. Microsoft habe in den letzten Jahren eine Menge zu Linux beigetragen, meint Jim Zemlin, leitender Geschäftsführer der Linux Foundation. Der positive Nebeneffekt sei gewesen, dass Microsoft immer besser gelernt habe, mit der Open-Source-Gemeinde zusammenzuarbeiten – um immer mehr Anwendern ein Nutzererlebnis auf Mobilgeräten und in der Cloud bieten zu können, das althergebrachte Arbeitsweisen nachhaltig transformiert, betont Zemlin. Ohne eine enge Kooperation mit der Linux Foundation würde Microsoft in einer Welt, die zunehmend von Big Data und dem Internet der Dinge dominiert wird, tatsächlich nicht allzu weit kommen – zumindest nicht schnell genug. Immerhin gilt es, stetig wachsende Datenmengen im Petabyte- und teilweise sogar schon im Exabyte-Bereich zu handhaben – und davon sind Microsofts bestehende Lösungen, zurzeit jedenfalls, noch weit entfernt. Nächste Seite: Mobile first, Cloud first

Mobile first, Cloud first

Unter dem aktuellen Geschäftsführer Satya Nadella verfolgt Microsoft eine neue Unternehmensstrategie, die unter dem Slogan «Mobile first, Cloud first» bekannt geworden ist. Demnach kommt dem mobilen Markt eine genauso hohe Relevanz zu wie der Cloud-Sparte. Auf der WSJD-Live-Konferenz des «Wall Street Journals» vergangenen Oktober nahm Satya Nadella kein Blatt vor den Mund. Bereits auf dem Eröffnungsdinner gab er unverblümt zu, Microsoft habe «das Smartphone (als Trend) verpasst», und fügte hinzu: «Da gibt es keinen Zweifel dran.» Damit hat Microsoft einen weiteren guten Grund, sich in Bescheidenheit zu üben. Und das scheint dem Konzern auch ganz gut zu gelingen. Von Microsofts pragmatischer Grundhaltung zeugen unter anderem die Portierung des relationalen Datenbank-Management-Systems SQL Server auf Linux sowie ein neues Lizenzmodell.

Das Lizenzmodell von SQL Server

Mit der Portierung von SQL Server in der Version v.Next auf Linux macht Microsoft auch vor den eigenen Kronjuwelen nicht mehr Halt. Die Bezeichnung SQL Server v.Next on Linux suggeriert zwar, dass es sich bei der Software um eine native Linux-Applikation handelt, doch das ist nicht der Fall. SQL Server läuft in einem isolierten Container, den Microsoft auf den Namen Drawbridge getauft hat. Hierbei kommt ein Windows-Kernel innerhalb einer geschützten Container-Umgebung zum Zug. Diese kommuniziert mit dem Linux-Host-Betriebssystem über die Drawbridge-API.Microsoft möchte also offenbar die Relevanz der Windows-Plattform nicht infrage stellen. Vielmehr geht es dem Un­ternehmen darum, sich Marktanteile in der Linux-Welt zu sichern, ohne das bestehende Windows-Ökosystem zu schwächen.
Die Anwender von SQL Server dürfen sich auf ein neues Lizenzierungsmodell freuen. Microsoft strebt eine vollständige Funktionsparität zwischen SQL Server auf Windows Server sowie auf Linux an, aber auch zwischen den Editionen Standard, Developer und Enterprise. So müssen Unternehmen sich nicht mehr darauf beschränken, nur für die kostengünstige Standard-Version von SQL-Server zu entwickeln, da nun alle Funktionen in allen Versionen zur Verfügung stehen. Bisher achteten Firmen aus Kosten- und Praktikabilitätsgründen häufig darauf, lediglich für den kleinsten gemeinsamen Nenner der verschiedenen Editionen zu programmieren. Programmier-Code, der die kostspielige Enterprise-Edition vo­raussetzt, nutzen nur wenige Unternehmen.

Microsoft möchte in die Rechenzentren

Microsoft möchte in den Rechenzentren im grossen Stil Fuss fassen, deshalb hat das Unternehmen sein Lizenzmodell neu konzipiert. Erstmals kommt SQL Server Standard in den Genuss von Funktionen der Enterprise-Version wie In-Memory-Datenbanktransaktionen, Data Warehousing und transparente Datenbankverschlüsselung. Die Unterschiede zwischen der Standard- und der Enterprise-Version beschränken sich jetzt nur noch auf Leistungsmerkmale wie die Anzahl der erlaubten CPU-Kerne, den maximal unterstützten Speicher, die Hardware-Skalierung oder die Lizenzierung für virtuelle Maschinen. Von SQL Server auf Linux erhofft sich Microsoft zweierlei: Mittelständischen Unternehmen, die ihre IT unter Linux betreiben, wird der Einstieg ins Microsoft-Ökosystem schmackhaft gemacht. Diesem Ziel dient die erwähnte Funktionsparität. Ausserdem hegt Microsoft die Hoffnung, dass die Verfügbarkeit von High-End-Funktionen von SQL Server Enterprise in der Standard-Edition die Loyalität auf der Anwenderseite stärkt. Zurzeit ist Windows SQL Server für Linux erst als Public Preview verfügbar. Doch die praktischen Implikationen für die Unternehmens-IT sind bereits abzusehen: Mit SQL Server v.Next auf Linux hat Microsoft eine crossplattformfähige Datenbank geschaffen, die betriebssystemübergreifend sowohl in On-Premise-Umgebungen als auch in einer beliebigen Cloud läuft. Der Software-Konzern hat damit offenbar eine leistungsstarke und dabei erschwingliche Alternative zu Oracle im Sinn. Nächst Seite: Strategische Annäherung an Linux

Strategische Annäherung an Linux

Den Beitritt Microsofts zur Linux Foundation als blosse Marketingmassnahme einzustufen, wäre eine Fehleinschätzung. Denn ein vergleichbarer Werbeeffekt liesse sich zweifelsohne deutlich kostengünstiger erzielen.
Adobe Systems beispielsweise ist nur eine Silber-Mitgliedschaft in der Linux Foundation für 25.000 Dollar pro Jahr eingegangen. Mangels marktreifer Lösungen ist Adobes Unterstützung des quelloffenen Betriebssystems zudem nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Im Gegensatz dazu scheint Microsoft darauf abzuzielen, durch die strategische Annäherung an Linux die Lücken im eigenen Produktportfolio zu füllen und sich neue Kreise von Enterprise-Anwendern zu erschliessen. Microsofts Kritiker fürchten allerdings ein Déjà-vu der Strategie «Embrace, extend, and extinguish» («Annehmen, erweitern und auslöschen»). «,Malware‘ ist der passende Name für die Art und Weise, wie Microsoft seine Anwender behandelt», beschwert sich lautstark Richard Stallman, Gründer der quelloffenen Software-Bewegung GNU. Sollte Microsoft im lukrativen Markt für Datencenterlösungen, Cloud-Computing und HPC eine führende Position erzielen wollen, so sind offenbar nicht nur konkurrenzfähigere Produkte, sondern auch noch eine Menge Überzeugungsarbeit notwendig. Dennoch ist Microsoft weit davon entfernt, sich von seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen. Die neue Strategie gewinnt auch immer mehr Fürsprecher. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass etwa der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung zu den Unterstützern von Microsofts Software-Plattform  .NET gehört. Samsung ist inzwischen sogar federführendes Mitglied der Microsoft .NET Foundation, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Entwicklung von Open-Source-Anwendungen für .NET zu forcieren. Auch Google hat sich vor Kurzem der .NET-Plattform angeschlossen.

Visual Studio und .NET überzeugen Entwickler

Microsoft ist es mittlerweile gelungen, zahlreiche Linux- und Open-Source-Entwickler von seiner multisprachfähigen Entwicklungsumgebung Visual Studio und der Software-Plattform .NET zu überzeugen. Dazu zählt auch die Entwicklergemeinde von Angular, dem quelloffenen JavaScript-Framework aus dem Hause Google, die mit ihrer tatkräftigen Unterstützung der Type­Script-Programmiersprache zum Erfolg von Microsoft beigetragen hat. Als ausschlaggebend für die Unterstützung Microsofts  gilt Visual Studio, das neuerdings mit Xamarin Studio gebündelt wird. Xamarin Studio ist eine beliebte Crossplattform-Entwicklungsumgebung für Mobil­geräte, die Microsoft akquirierte, um sie als Open Source zu veröffentlichen. Mit Xamarin Studio lassen sich mobile Software-Projekte unter anderem zwischen der Windows- und der Mac-Edition von Visual Studio austauschen und grosse Teile der Code-Basis für verschiedene Zielplattformen wieder­verwenden. So können Unternehmen ihre Entwicklungskosten senken und die Release-Zy­klen von Software beschleunigen. Nächste Seite: Microsoft und der Mobilbereich

Microsoft und der Mobilbereich

Xamarin Studio könnte auch als Versuch gewertet werden, mobile Entwickler bei Laune zu halten, damit diese überhaupt Anwendungen für Microsofts mobiles Betriebssystem Windows Phone entwickeln. Angesichts der aktuellen Marktlage kann Microsoft im Mobilbereich sicherlich jede Unterstützung gut gebrauchen. Laut den Analysten von IDC sieht es auf dem weltweiten Markt für Smartphones für Microsoft desaströs aus: 85,3 Prozent entfallen auf Googles Android, 13,9 Prozent auf Apples iOS und lediglich ein halbes Prozent auf Windows Phone. Auch im Hinblick auf das jährliche Wachstum ist bei dem Schlusslicht bisher kein Silberstreif am Horizont auszumachen. Im Gegenteil: Während Android im Vergleich zum Vorjahr um 6,7 Prozent moderat zulegte und iOS zuletzt um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr schrumpfte, musste Microsoft einen Rückgang der ohnehin schon mageren Marktanteile hinnehmen, der sich nur als dramatisch bezeichnen lässt: minus 75,8 Prozent. Bei Android handelt es sich im Übrigen um eine hauseigene Linux-Distribution von Google. Und in Apple iOS werkelt mit BSD Unix ein enger Verwandter von Linux. Googles Bemühungen, Android mit dem eigenen Desktop-Linux Chrome OS aus der Chromebook-Reihe erschwinglicher Google-Laptops zusammenzuführen, um ein einheitlichtes Ökosystem an Anwendungen zu schaffen, hat Microsoft inzwischen gewiss zu denken gegeben. Eine Alternative zu Windows ist möglicherweise nur einen Download entfernt. Dabei zählen sowohl Mobilgeräte als auch Laptops zu den Stützpfeilern der Enterprise-IT, weil in vielen Unternehmen zunehmend mobil gearbeitet wird.

Unternehmen setzen verstärkt auf mobile Geräte

Einer IDC-Studie zufolge investieren Firmen in Westeuropa verstärkt in leistungsstarke Tablets und Laptops. Das obere Preissegment für mobile Produktivitätswerkzeuge verzeichnet im Jahresvergleich ein gesundes Wachstum in Höhe von erstaunlichen 66,7 Prozent. Auch die Nachfrage nach 2-in-1-Geräten – darunter auch solche mit abnehmbarem Bildschirm – weist deutlich nach oben. Von dem Trend zur mobilen Produktivität profitieren allem Anschein nach auch Microsofts Tablet- und Laptop-Produktfamilien. So sind bei Microsoft trotz des Debakels um Windows Phone im Mobilbereich noch nicht Hopfen und Malz verloren. Das starke Wachstum fördert sicherlich das Durchhaltevermögen – das sich zumindest im Fall der Tablet-Plattform Surface mittlerweile auch in barer Münze auszahlt. Zwar war das Surface der ersten Generation ein Ladenhüter und Microsoft blieb auf Geräten im Wert von 900 Millionen Dollar sitzen. In der aktuellen vierten Generation verzeichnen aber sowohl das Surface Pro als auch das Surface Book einen recht respektablen Umsatz von zusammen rund 4 Milliarden Dollar.

Microsoft goes Linux - ein erstes Fazit

Microsoft geht mit seinem Linux-Engagement sehr strategisch vor. Durch die Platinum-Mitgliedschaft in der Linux Foundation hat sich der Cloud- und Software-Konzern in die Lage versetzt, auf Software-Produkte der Linux-Gemeinde gezielt Einfluss zu nehmen. Microsofts Annäherung an Linux wird die IT in den Unternehmen nachhaltig umkrempeln, ohne dabei bestehende Investitionen in Enterprise-Software aus Redmond zu gefährden. «Microsoft goes Linux» bedeutet keinesfalls, dass das Unternehmen nun dem eigenen Betriebssystem den Rücken kehren möchte. Im Gegenteil: Microsofts Bemühungen dürften die Relevanz des Windows-Ökosystems stärken. Software-Entwickler zeigen sich mit dem neuen Kurs mehr als einverstanden. Ihre Loyalität ist ein guter Garant für die Wertbeständigkeit der IT-Investitionen von Unternehmen in das Ökosystem der Enterprise-Lösungen von Micro­soft.


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