«Security ist unser solides Fundament für die Cloud»

Was der Microsoft-Cloud fehlt

CW: Was fehlt im Cloud-Portfolio von Microsoft?
Kurth: AWS hat einen grossen Vorsprung gehabt, weil sie viel früher auf dem Markt waren mit ihren Offerings. So haben sie schon allein deshalb viele Marktanteile gewinnen können, weil sie schlicht die Einzigen waren. Heute betreiben sie ein riesiges Netzwerk und haben damit viel Erfahrung, was bei Kundenentscheidungen sicherlich auch ein gutes Argument ist.
Der zweite Wettbewerber, Google, kommt aus dem Datengeschäft. Deshalb wird ihnen bei Projekten mit beispielsweise Machine Learning mehr zugetraut. Ihre Lösung TensorFlow läuft aber auch auf Azure, sodass sie nicht mehr wirklich ein Alleinstellungsmerkmal ist. Im direkten Vergleich kann Google zum Beispiel bei der Echtzeit-Video­erkennung punkten, während wir bei Bild- und Sprach­erkennung die besseren Anwendungen haben. Dieses «Feature Game» wird allerdings niemals endgültig entschieden werden, denn sowohl in den Google-Labors als auch bei Microsoft Research wird kontinuierlich an der Verbesserung der Technologie gearbeitet. Ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal sehe ich hier nicht.
CW: Microsoft liegt im Clinch mit den US-amerikanischen Behörden wegen der Herausgabe von Kunden­daten, die ausserhalb der USA gespeichert sind. Ist der Schutz der Kundendaten ein Argument für Schweizer Anwenderunternehmen, ihre IT-Systeme in die Microsoft-Cloud zu verlagern?
Kurth: Dieser spezifische Rechtsstreit kommt in Kundengesprächen aber nur selten zur Sprache. Die Handhabung des Datenschutzes hängt sehr von der Branche ab. Banken und Versicherungen sind sehr restriktiv. Global tätige Grosskonzerne unterliegen teilweise auch den US-amerikanischen Gesetzen, sodass sie der angesprochene Rechtsstreit nur eingeschränkt betrifft.
Sehr oft fragen die Schweizer Kunden aber nach der Datenhaltung im Inland. Wenn wir ihnen Amsterdam und Dublin anbieten [wo Microsoft seine beiden europäischen Cloud-Rechenzentren betreibt], winken einige ab. Das am häufigsten genannte Argument gegen die Cloud lautet: Die Daten müssen in der Schweiz bleiben. Dabei ist es laut dem aktuell gültigen Datenschutzgesetz in vielen Fällen durchaus möglich, Geschäftsdaten in die EU zu verlagern. In der Diskussion mit Kunden stellt sich oftmals heraus, dass hinter der Blockadehaltung vor allem Jobängste stecken. Die Administratoren und IT-Entscheider befürchten, dass durch die Cloud ihre Stellen wegfallen. [Hinweis der Redaktion: Das Interview fand vor Microsofts Bekanntgabe statt, einen Schweizer RZ-Standort aufbauen zu wollen .]
“Schweizer Kunden fragen sehr oft nach der Datenhaltung im Inland„
David Kurth, Microsoft Schweiz

CW: Sie sind mittlerweile sechs Jahre bei Microsoft Schweiz. Haben Sie in diesem Zeitraum allenfalls eine Veränderung bei der Einstellung der Kunden zur Cloud beobachten können?
Kurth: Ja, sogar eine massive Veränderung. Im Vergleich zu vor fünf Jahren ist die Nachfrage nach Cloud-Lösungen in der Schweiz stark gestiegen. Für die Enterprise-Kunden ist die Cloud heute zur Selbstverständlichkeit geworden. In den nächsten Jahren dürfte sich die Cloud auch bei den KMU durchsetzen.
Microsoft hat heute teilweise ganz andere Ansprechpartner in den Firmen, neben den IT-Spezialisten entscheiden heute auch die Fachbereiche. Während die IT aufgrund von Sicherheitsbedenken teils Vorbehalte gegen die Cloud hat, sehen die Fachbereiche hauptsächlich den Geschäfts­vorteil. Dem einen kann die Cloud bei der Kundenakquise helfen, dem anderen bei höheren Abverkäufen. Die Security ist dann erst nachrangig ein Thema.


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