«Wir führen Firmen zu mehr Diversität»

Recruiting-Pozess mit Mängeln

CW: Was fehlt den heutigen Recruiting-Prozessen?
Fischer: Wir stellen fest, dass die heutigen Rekrutierungsprozesse in den meisten Unternehmen ein Bias enthalten. Das sind unbewusste Denkmuster, die sich auf die Schritte im Prozess auswirken und dadurch Frauen – vor allem jene im Tech-Bereich – benachteiligen. Dabei ist es gleichgültig, ob es Männer oder Frauen sind, welche die Kandidatinnen beurteilen – wir alle unterliegen diesem Bias. Diese un­bewusste Voreingenommenheit ist durch unsere Sozialisierung gegeben, die besagt: Männer machen Karriere, Frauen bleiben zu Hause. Dabei ist es sehr wichtig zu verstehen: Auch wenn wir dies bewusst nicht wollen und auch sogar gegensteuern möchten, ist es doch so, dass unser Verhalten un­bewusst so gesteuert wird. Dementsprechend werden Männer eher eingestellt und eher befördert als Frauen. Wir können diese unbewussten Denkmuster nicht auf persönlicher Ebene bekämpfen. Bewusstsein hilft, aber vor allem können wir Rekrutierungsprozesse so gestalten, dass die unbewussten Bias nicht oder nur begrenzt spielen können.
CW: Wir sprechen hier also von einem tiefgreifenden strukturellen Problem?
Fischer: Ja, es ist ein systemisches Problem. Darum ist ein Teil davon, den Unternehmen klarzumachen, dass es nicht an den Frauen oder an einzelnen Personen im Unternehmen liegt. Eine Firmenkultur wird ja nicht von einer Person allein bestimmt. Es ist eine Vermengung verschiedener Verhaltensweisen. Diese wirken sich wiederum auf Strukturen und Prozesse aus. Geschieht diese Entwicklung unbewusst und wird sie nicht aktiv gesteuert, etabliert sich eine Kultur der Mehrheit. Diese benachteiligt Menschen, die nicht zu dieser Mehrheit gehören. Geschäftsleitungen und HR-Abteilungen müssen, falls sie Diversität ermutigen wollen, ganz bewusst an Strukturen und Prozessen arbeiten, um die Denkmuster zu umgehen.
Valérie Vuillerat weiss um die wirtschaftlichen Vorteile von Diversität
Quelle: Samuel Trümpy
Vuillerat
: Unternehmensvertreter, mit denen wir uns unterhalten, betonen meist, dass sie sich mehr Frauen im Team wünschen, aber nicht bekommen. Dann lesen wir die Job-Inserate, die männliche Schreibweisen enthalten, auf der Website sehen wir das Klischeebild eines Nerds. Auf dem Instagram-Kanal sieht man Bilder von Männern an Hack­athons. Auf einen Job in einer Firma, die sich derartig präsentiert, würde ich mich auch nicht bewerben. Hier wird eine andere Welt gezeigt. Dabei bräuchten wir eine Kultur, in der sich alle wohlfühlen. Es reicht nicht zu wissen, dass man sein Bias hinter sich lassen muss. Das ist auch nicht möglich, da wir ohnehin alle in irgendeiner Weise einer kogni­tiven Verzerrung unterliegen. Man kann daher nur daran
arbeiten, indem man Strukturen aufbaut und Prozesse etabliert, um eine kognitive Verzerrung zu umgehen.
Irgendwie erinnert mich die Debatte an die Diskussion um die Digitalisierung. Ich erlebe gerade ein Déjà-vu.
CW: Inwiefern?
Vuillerat: Noch vor gut zehn Jahren sprach kaum jemand über Digitali­sierung. Sie galt als Marketing-Topic. Doch auch damals war klar, dass wenn das Thema nicht als Top-Priorität auf der Agenda der Geschäftsleitung steht, auch keine Geschäftsprozesse digitalisiert werden. Ähnliches erleben wir heute wieder. Es braucht viel
Aufklärung. Die Entscheider wissen praktisch nichts darüber, welche Chancen sich Unternehmen vergeben, wenn sie sich für Homogenität entscheiden in der Rekrutierung. Unternehmen, die über alle Führungsebenen divers sind, machen bis zu 25 Pro­zent mehr Umsatz mit Innovationen. Führungskräfte wissen, dass wir zu wenig Frauen in der Wirtschaft haben, meinen aber, es liege an den Frauen und weil die einfach nicht
wollen. Das ist grundfalsch! Richtig ist, dass Frauen die (Berufs-)Welt anders erleben als Männer. Ich glaube, dass es schwierig ist, diese eingefahrenen Strukturen einer männlich geprägten Wirtschaft aufzubrechen, da diese historisch so gewachsen ist. Aber der Wandel zu einer Wirtschaft, die für beide Geschlechter und Minoritäten attraktiv ist, ist ein wichtiges gesellschaftliches und wirtschaftliches Thema. Denn Firmen, die einen hohen Grad an Diversität aufweisen, haben einen höheren wirtschaftlichen Erfolg, wie kürzlich wieder eine BCG-Studie bewies. Mittelfristig geht es nicht nur darum, mehr Frauen in die Wirtschaft zu bringen, sondern das gesellschaftliche Bild insgesamt zu verändern.


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