DSAG-Vorstände im Interview 27.09.2019, 15:20 Uhr

«Firmen agieren bei S/4Hana noch sehr zögerlich»

Die beiden Schweizer DSAG-Vorstände Christian Zumbach und Jean-Claude Flury äussern sich im Interview über die Migration der Firmen auf die neue S/4Hana-Plattform von SAP.
Christian Zumbach leitet seit zehn Jahren die Geschicke der DSAG in der Schweiz
(Quelle: DSAG)
Die Schweiz mit ihrer grossen Anzahl international tätiger Konzerne ist ein sehr wichtiger Markt für den ERP-Hersteller SAP. Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) zählt hierzulande rund 270 Mitgliedsfirmen. Die knapp 3000 helvetischen Einzelmitglieder beschäftigt hauptsächlich eine Frage: Wie sichere ich die Wettbewerbsfähigkeit meines Unternehmens in den Zeiten des digitalen Wandels? Und: Welche Unterstützung kann ich von SAP dabei erwarten? Womöglich mit der neuen ERP-Version S/4Hana? Computerworld hat beim Schweiz-Vorstand Christian Zumbach und seinem Kollegen Jean-Claude Flury von der DSAG nachgefragt.
Computerworld: Was sind aktuelle Herausforderungen der Schweizer SAP-Anwenderfirmen – auch im Vergleich mit den Firmen im deutschsprachigen Raum?
Christian Zumbach: Die Herausforderungen für die Schweizer SAP-Anwender unterscheiden sich nicht gross von denen der Unternehmen im deutschsprachigen Raum. Auf der Agenda stehen Projekte mit Machine Learning und künstlicher Intelligenz. Jenseits der «neuen» Themen ist das Digitalisieren der Geschäftsprozesse End-to-End eine grössere Herausforderung, eng verknüpft mit dem Automatisieren und Standardisieren der Abläufe.
Nach wie vor ist im Markt eine gewisse Unsicherheit vorhanden zum optimalen Vorgehen bei der Migration auf S/4Hana. Hier muss SAP die Kunden besser unterstützen. Das wurde vom Hersteller mittlerweile aber erkannt und adressiert. SAP Schweiz ist sehr aktiv auf diesem Gebiet.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit der SAP-Niederlassung in der Schweiz?
Zumbach: Wir arbeiten sehr eng zusammen und treffen uns regelmässig. Der Country Manager Michael Locher-Tjoa hat immer ein offenes Ohr für unsere Anliegen. Daneben unterstützt SAP Schweiz die DSAG beispielsweise mit dem Bereitstellen von Räumlichkeiten für Meetings und Arbeitsgruppen.
Welche Initiative ergreift die DSAG für bessere Migrationsbedingungen auf S/4Hana?
Zumbach: Gemeinsam mit SAP hat die DSAG das «S/4Hana-Movement-Programm» und das «S/4Hana-Adoption-Starter»-Programm entwickelt. In der Schweiz haben wir eine neue Arbeitsgruppe zu S/4Hana gegründet, die sich im Oktober das erste Mal treffen wird. Schon jetzt gibt es über 100 Anmeldungen.
Können Sie sagen, wie viele Unternehmen in der Schweiz auf die neue SAP-Plattform wechseln müssen?
Zumbach: Die genaue Zahl kann ich Ihnen nicht nennen, letztendlich aber sicher alle unsere rund 270 Mitgliedsunternehmen in der DSAG.
Zur Person
Christian Zumbach
ist seit gut zehn Jahren Mitglied des DSAG-Vorstands für die Schweiz. Hauptberuflich betreut er das Key Account Management der cc energie, einer Tochtergesellschaft der Bernischen Kraftwerke BKW und der Groupe E.

Brownfield der Standard, Cloud nicht

Wie weit ist die Schweiz wirklich bei der Migration auf die neue ERP-Version?
Jean-Claude Flury: Am Stand hat sich nicht viel geändert. Sprich: Nur eine tiefe Prozentzahl der Kunden hat tatsächlich schon komplett auf S/4Hana umgestellt und die alten Plattformen stillgelegt. Wenn SAP andere – höhere – Zahlen kommuniziert, werden vermutlich auch Pilotprojekte oder Kunden, welche erst die Lizenz gelöst haben, mitberücksichtigt. Auch werden Firmen mit mehreren SAP-Installationen gezählt, die vielleicht ein kleineres und weniger geschäftskritisches System migriert haben. Die meisten Unternehmen agieren noch sehr zögerlich.
Jean-Claude Flury von der DSAG sieht den Termin für das Support-Ende von R/3 nicht in Stein gemeisselt
Quelle: DSAG
Bei der Migration stehen die Unternehmen vor der Wahl zwischen Brownfield und Greenfield. Welche Methode wird am häufigsten gewählt?
Flury: Ich bin nicht sicher, ob ich einen reinen Greenfield-Ansatz überhaupt schon einmal gesehen habe. Im Idealfall würden dabei die Systeme auf der «grünen Wiese» inklusive aller neuen Business-Prozesse aufgebaut. Damit geht dann aber nicht nur eine technische Umstellung, sondern auch noch eine Neuorientierung der Geschäftsabläufe einher.
Viele Unternehmen werden sich vermutlich auf eine eher technische Migration beschränken. Dann haben sie zunächst Ruhe wegen der bisher nur bis 2025 von SAP zugesicherten Wartung. Sie übernehmen Stammdaten wie zum Beispiel Debitoren und Kreditoren, ohne auf ein neues Datenmodell einzusteigen, damit das Geschäft weiterlaufen kann. In diesen Fällen würde ich eher von Brownfield sprechen.
Welche Bedeutung hat Microsofts Schweiz-Cloud mit speziellen SAP-Komponenten für Migrationsprojekte?
Zumbach: Bis anhin habe ich kein gesteigertes Interesse registriert.
Flury: Es wird sicherlich einige Firmen geben, die sich beim Umstieg dafür entscheiden, das SAP-System nicht mehr im eigenen Rechenzentrum zu betrieben. In ein bis zwei Jahren werden wir vermutlich solche Outsourcing-Projekte vermehrt auch zu den Hyperscalern sehen.
Die grösste Herausforderung beim Umstieg auf S/4Hana ist auch nicht ein neues Betriebskonzept, sondern vielmehr die Migration der Daten. Die «alten» Bestände müssen in die neuen Prozesse gebracht werden – meistens inklusive des Wechsels des Datenbank-Anbieters und allen Konsequenzen für den kundeneigenen Code sowie bestehende Datenstrukturen.
Welche Bedeutung haben alternative Wartungsanbieter im Zusammenhang mit der von SAP bis 2025 zugesicherten Wartung?
Zumbach: Alternative Wartungsanbieter sind im Schweizer Markt zwar präsent. Es gibt aber meines Wissens nach kein Schweizer Unternehmen, das die Dienstleistungen in Anspruch nimmt.
Flury: Auch wenn ich aktuell nicht glaube, dass 2025 endgültig Schluss ist mit dem ERP-Support: Wenn es doch hart auf hart geht, kann ich mir schon vorstellen, dass sich verschiedene Unternehmen bei den alternativen Anbietern von Wartung einen temporären Puffer einkaufen.
Ich weiss von ein paar Firmen, darunter auch grösseren Schweizer Konzernen, welche das drohende Wartungsende zum Anlass nehmen, eine offene Diskussion über Alternativen zu SAP zu führen. Nicht alle Firmen brauchen im ERP-Kern Neuerungen und sehen folglich nicht ein, warum sie für einen rein technischen Wechsel hunderttausende Franken ausgeben sollen. SAP kann hier nur gewinnen, wenn sie offen auf die Kunden zugeht, und Mehrwert und Lösungen für den Umstieg aufzeigt.
Zur Person
Jean-Claude Flury
ist seit September 2016 Mitglied des DSAG-Vorstands für das Ressort Marketing und Vertrieb. Daneben ist er seit März 2012 Sprecher für den CIO-Kreis Schweiz und Mitglied des CIO-Beirats der DSAG. Hauptberuflich amtet Flury seit dem vergangenen Jahr als Head of IT beim Haushaltsgeräte-Hersteller V-Zug.

Datenbank-Wechsel, Compliance-Risiken

Fehlt der Business Case für die Migration?
Flury: Vielenorts schon. Wenn Unternehmen mit einem stabilen ERP-Kernsystem arbeiten, hinter dem noch die neuste SQL-Datenbank hängt, gibt es eigentlich keinen Grund für eine Migration. Allenfalls sind noch zusätzliche SAP-Produkte interessant, aber sicher kein Wechsel einer Plattform, die noch Jahre ihren Dienst wie gefordert erfüllt.
SAP hat verstanden, dass sie den Kunden den Wechsel so einfach wie möglich machen müssen. Sie bieten Hilfestellungen und Tools für die Datenkonvertierung sowie die Migration. Mittlerweile haben sich die Werkzeuge auch in der Praxis bewiesen und einen gewissen Reifegrad erreicht, so dass sie nützlich sind in den Transformationsprojekten.
Ist der Wechsel der Datenbank-Technologie ein Thema für die Unternehmensentscheider?
Flury: Der «Any DB»-Approach, der viele Jahre selbstverständlich war, ist erst einmal nicht möglich. Das Thema wird aber aktuell nicht so heiss diskutiert, verglichen mit Themen um Funktionalität von Human Resources oder Warehouse Management im Kern von S/4. SAPs ursprüngliche Argumentation war, dass andere Datenbanken nicht die erforderliche Performance liefern könnten. Mittlerweile haben einige Anbieter aufgeschlossen und wir werden sehen, ob sich in diesem Bereich etwas bewegt.
Mit der Datenbank und dem ERP aus einer Hand wird SAP noch mehr zum Monopolisten als bisher schon. Tritt da der Wettbewerbshüter auf den Plan? Wie ist Ihre Einschätzung?
Flury: Angesichts der heute noch geringen Verbreitung von S/4Hana und Hana sind die Monopolstellungen auch noch nicht offensichtlich.
Sobald mehr Unternehmen auf den S/4Hana-Zug aufspringen, könnten aber sowohl der Druck zum Wechsel als auch die einheitliche zugrundeliegende Technologie ein Thema werden für den Wettbewerbshüter. Jedenfalls wird auch die DSAG die Entwicklungen genau verfolgen.
Gibt es ein DSAG-Engagement zum Vermeiden von Zusatzkosten für die Maintenance ab 2026?
Flury: Bis anhin noch nicht.
Allerdings gibt es ab dem fraglichen Zeitpunkt auch einen triftigen Grund, die Systeme zu migrieren. Wenn die Plattform nicht mehr weiterentwickelt wird, sprich auch die gesetzlichen und regulatorischen Vorgaben nicht mehr in der Software umgesetzt werden, birgt das grosse Compliance-Risiken. Hier müsste dann, wie erwähnt, ein externer Anbieter gefunden werden, der diese Weiterentwicklung übernimmt.
Unabhängig von der Migrationsdebatte kritisiert die DSAG schon seit einiger Zeit die schwache Weiterentwicklung von ECC 6.0. Während SAP beispielsweise im Cloud-Business permanent Innovation liefert, bewegt sich im Kernbereich von ERP so gut wie nichts mehr.
Ausser der Compliance-Updates…
Flury: Ja, Compliance-Themen werden adressiert. Manchmal ist aber auch hier ein bisschen Druck erforderlich – denken Sie an die Datenschutz-Grundverordnung. Hier musste die DSAG hart kämpfen, damit den Firmen eine lizenzkostenfreie Lösung zur Umsetzung der Datenschutz-Vorschriften in SAP-Systemen bereitgestellt wurde.
Zur Organisation
DSAG und die Schweiz
Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) wurde 1997 gegründet. Heute zählt der Verband mehr als 60'000 Mitglieder aus über 3500 Unternehmen im deutschsprachigen Raum. In der Schweiz ist die DSAG seit 2005 präsent. Hier zählt sie mehr als 3000 Mitglieder aus rund 270 Unternehmen.




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