20.07.2017, 13:00 Uhr

Verunsicherung unter Schweizer Notes-Usern

Schweizer Behörden, Hochschulen und Unternehmen nutzen IBM Domino und IBM Notes für Groupware sowie Messaging. Über die Zukunft beider Lösungen herrscht Unsicherheit.
 Bei Schweizer Kunden mit Domino-Anwendungen und Notes-Installationen herrscht mehrheitlich Unsicherheit über die Zukunft der Produkte. Ein Grund ist das nahe Support-Ende für die Anwendungen, die mittlerweile schon in die Jahre gekommen sind.  Die heute noch aktuellen Releases von sowohl IBM Domino als auch IBM Notes stammen aus dem Jahr 2013. Gängige Praxis von Big Blue war bis anhin, den Support fünf Jahre nach dem Verkaufsstart zu beenden. Das wäre 2018.  Anfang Jahr erklärte der Produktmanager für die IBM Collaboration Solutions, Ed Brill, dass die Frist für den Standard-Support bis 2021 verlängert wird. Der «Extended Support» soll noch bis 2024 geliefert werden. «Ein Ende des Produktlebenszyklus für Notes und Domino ist nicht geplant», betonte er. Seine Bekenntnisse stammen aus einem Blogpost. Eine Kommunikation via Medienmitteilung fand nicht statt. Dieser Umstand trug zur Verunsicherung bei. «Das Commitment für weitere fünf Jahre ist im Markt grösstenteils als eine Art 'Last Order' verstanden worden», sagt Helmut Sproll. Er präsidiert die Schweizer Notes User Group (SNoUG). Computerworld traf ihn zum Interview.
In der SNoUG sind rund 400 Vertreter aus unterschiedlichen Organisationen wie Behörden, Spitälern und Unternehmen vereint. Sie alle haben gemein, dass IBMs Collaboration-Lösungen bei ihnen produktiv im Einsatz sind. Eine der grössten Installationen von Domino und Notes hat eine Schweizer Versicherung, wo 80'000 User mit der Messaging-Lösung arbeiten. Etwa halb so gross ist die Nutzerzahl bei der Universität Zürich. Bei einer Grossbank laufen circa 3000 Domino-Anwendungen.

«Versionskonzept umgestellt»

Um den hohen Wert der treuen Anwender weiss auch IBM Schweiz. Auf Anfrage heisst es dort: «IBM Domino und Notes sind und bleiben eine wesentliche Komponente in IBMs Software-Portfolio.» Wie Jens-Uwe Fimmen, Technical Sales Manager DACH für die IBM Collaboration and Talent Solutions, weiter sagt, gibt es neue Funktionen, eine Roadmap, viele zufriedene Kunden und eine hohe Nutzung auch innerhalb der IBM. Ein Ende des Lebenszyklus für die Anwendungen ist nicht in Sicht, betont Fimmen. Nächste Seite: Migrationspfade Das Ausbleiben eines neuen Major Releases ist gemäss IBM kein Hinweis darauf, dass Domino und Notes nicht gepflegt werden. «Wir haben – wie viele andere Marktteilnehmer – 2016 unser Versionskonzept umgestellt», sagt Fimmen. IBM liefere heute anstelle von Versionen und Fixpacks konsolidierte «Feature Packs» aus. Aktuell ist das Feature Pack 8 verfügbar, Feature Pack 9 ist angekündigt. Diese Praxis bedeute Rückwärtskompatibilität, einen geringen Testaufwand bei Versionswechseln sowie kostengünstige Upgrades. Das werde von den Kunden sehr geschätzt. Bis anhin gehen die Schweizer Kunden diesen Weg mit IBM. Gemeinsam haben alle, dass sie die Software auf dem neusten Stand halten, sagt Sproll. Die «Feature Packs» werden regelmässig eingespielt. Die Software wird gepflegt, Lizenzen wie beim Kanton Waadt für fast zwei Millionen Franken, beim Luzerner Kantonsspital für eine halbe Million Franken oder bei der Universität Zürich für über 350'000 Franken pflichtgemäss erneuert.  

Migrationspfade aufzeigen

Die Bekenntnisse zum Fortbestand der früheren Lotus-Produkte via Blogpost und «Feature Pack» genügen jedoch vielenorts nicht. «Bis heute hat IBM für Notes/Domino-Kunden keine geeignete Vision für die Zeit nach Notes entwickelt», sagt Sproll. «Man hört von IBM viel über neue Angebote aber leider nur sehr wenig darüber, wie ich mich als Notes-Kunde dahin entwickeln kann.» Es sind die Business Partner, die ihren Kunden aufzeigen, wie man auch ohne einen Plattform-Wechsel die Situation schrittweise verbessern und die bestehende, bewährte Plattform erweitern könnte.
An den SNoUG-Jahrestagungen zeigten die Partnerunternehmen wiederholt auf, wie sich eine Notes/Domino-Infrastruktur modernisieren lässt. Zum Beispiel indem die Applikations- und die E-Mail-Welt getrennten Pfaden folgen. Laut Sproll bringen insbesondere die Applikationen für die Unternehmen den strategischen Vorteil. E-Mail werde hingegen je länger, je mehr zur Commodity und ist darüber hinaus bei der jüngeren Anwendergruppe etwas ins Abseits geraten. «Die SNoUG-Mitglieder sind keine Ewiggestrigen», sagt der Präsident. Im Gegenteil seien der Usergruppe die Vorzüge neuer kollaborativer Lösungen, wie sie IBM zum Beispiel mit Connections bietet, absolut bewusst. Die meisten Unternehmen sind aber keine grüne Wiese, auf der man von Grund auf alles mit neuen, schönen Lösungen aufbauen kann. Nächste Seite: «Kein Grund für den Wechsel» IBM weiss, dass «fast alle Kunden heute einen Bedarf nach mehr Funktionalität als vor fünf Jahren haben», bestätigt Fimmen. Big Blue biete mit IBM Connections, IBM Docs und IBM Sametime weitere Komponenten an, mit denen eine Notes/Domino-Umgebung funktional aufgewertet werden kann. IBM Verse biete darüber hinaus eine interessante Möglichkeit zum risikolosen Wechsel auf einen modernen Web-Client. Der IBM-Manager sieht allerdings «grundsätzlich keinen funktionalen, technischen oder betriebswirtschaftlichen Grund, eine gut gepflegte Notes/Domino-Umgebung auszuwechseln.»

Ablösung in St. Gallen

Zu einer anderen Entscheidung gelangte die Universität St. Gallen. Sie betrieb seit 1990 eine Domino-/Notes-Plattform. Anfang 2015 ein hatte die Universität ein Migrationsprojekt von Domino zu Microsoft Exchange öffentlich ausgeschrieben. Den Zuschlag für das Projekt «Exchange@HSG» bekam Swisscom. Auf dem Papier investierte die universitäre Informatik gut 300'000 Franken in das Projekt. Es ist indes bis heute nicht abgeschlossen, wie aus dem Jahresbericht des Ressorts Informatik Universität St. Gallen hervorgeht.  Die Ablösung von Notes und Domino bleibt ein Thema. «Die SNoUGwill gerade in der Schweiz wo IBM mit zunehmend knappen Ressourcen unterwegs ist und sich daher – verständlicherweise – vorwiegend um Grosskunden kümmert, ein Sprachrohr gegenüber IBM sein», sagt Präsident Sproll.


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