19.02.2015, 14:00 Uhr

Abacus schimpft über St.Galler IT-Beschaffung

Die Fehde zwischen zwei Informatik-Schwergewichten im Kanton St.Gallen schwelt weiter. Abacus wirft dem VRSG Wettbewerbsverzerrung vor – im scharfen Ton.
Abacus-CEO Claudio Hintermann fürchtet um den Standort St.Gallen
Der Informatik-Anbieter Abacus kommt mit den Gemeinden in seinem Heimatkanton nicht ins Geschäft. Nur 1 von 77 Verwaltungen in St.Gallen setzt auf die Produkte des Herstellers aus Wittenbach. Der Wettbewerber VRSG (Verwaltungsrechenzentrum St.Gallen) zählt dagegen 74 der 77 Gemeinden im Kanton zu seinen Kunden. Der Spezialfall: 67 St.Galler Gemeinden sind Aktionäre des VRSG, die mehr als die Hälfte des Aktienkapitals halten. Diese Situation skizzierte Abacus-Geschäftsleitungsmitglied Martin Riedener an einem Anlass am Mittwoch am Firmensitz in Wittenbach. Natürlich war Riedener über die Situation nicht glücklich.
Abacusund VRSG zanken seit einiger Zeit über die Beschaffungspraxis bei St.Galler Ämtern und öffentlichen Einrichtungen. Abacus sieht durch die spezielle Eigentümerstruktur des VRSG den Markt behindert – und beschwerte sich bei der eidgenössischen Wettbewerbskommission Weko. Der Vorwurf lautete: Als Unternehmen im Besitz von Kantonen, Städten und Gemeinden untersteht VRSG dem Binnenmarktgesetz und muss umfangreiche Beschaffungen öffentlich ausschreiben. Weko verneinte allerdings, da VRSG selbst an Ausschreibungen teilnimmt. Damit stehe das Unternehmen im Wettbewerb und müsse nicht öffentlich ausschreiben. Diese Antwort gefiel Riedener ebenfalls nicht.

Eigentum an Microsoft-Software

Für den Abacus-Manager ist es unverständlich, dass VRSG einerseits Gemeinden fest an sich bindet und andererseits bei den Lösungen für die Verwaltungen frei wählen kann. In den Ausschreibungen der Gemeinden würden Kriterien definiert, die nur VRSG erfüllen könne. «Wir würden gerne unsere Gemeinde-Lösung anbieten, aber wir bekommen keine Gelegenheit dazu», konstatierte Riedener. So erhalte das Verwaltungsrechenzentrum wie selbstverständlich die Zuschläge. Nächste Seite: Software made in St.Gallen Als problematisch sieht Riedener auch an, dass VRSG die Software für die Gemeinden nicht selbst entwickelt, sondern zukauft. Im Fall des ERP bekam beispielsweise Microsoft Navision den Zuschlag. «In den Ausschreibungen der Verwaltungen wird das Miteigentum an der Software gefordert. Dies kann bei Navision nicht gewährleistet werden», erklärte der Manager. Er wusste keinen Grund, warum statt der Microsoft-Lösung nicht das ERP von Abacus gewählt wurde. Lokale Anbieter seien nicht angefragt worden, stattdessen würde die Software teilweise in Asien und Übersee entwickelt.

«Kindergarten-Streit»

Abacus-CEO Claudio Hintermann entwickelt mit seinem Team ausschliesslich in Wittenbach. Von der Software made in St.Gallen will der Mitbegründer nicht abrücken, wie er an dem Anlass sagte. Vielmehr baut Abacus aktuell ein weiteres Firmengebäude – ebenfalls in Wittenbach. Hintermann will ausserdem dafür kämpfen, dass Abacus-Software nicht nur in St.Gallen programmiert, sondern auch eingesetzt wird. Dabei ist er auch offen für Kooperationen. «Es ist unsere Aufgabe sicherzustellen, dass unsere Kinder noch eine Arbeit haben. Dafür müssen Wirtschaft und Politik im Kanton zusammenspannen», rief er den an dem Anlass anwesenden Politikern und Medienvertretern zu. St.Gallen ist nach Hintermanns Worten nicht gefeit vor der allgegenwärtigen Digitalisierung. Durch den Einsatz moderner Technologie in allen Lebensbereichen – insbesondere Roboter – würden Arbeitsplätze überall gefährdet, im Dienstleistungsgewerbe, der Industrie und auch in den Verwaltungen. Dabei könne sich nicht einmal Abacus ausnehmen, gab er zu. Computer könnten heute schon Routinetätigkeiten kostengünstig und unterbrechungsfrei erledigen. In Zukunft bliebe der Roboter-Einsatz nicht mehr nur auf Routine-Aufgaben beschränkt, warnte der CEO. Auf die Herausforderungen durch die Digitalisierung müsse die St.Galler Wirtschaft vorbereitet sein. «Die Veränderungen durch Technologie werden massiv sein. Dagegen ist der aktuelle Beschaffungs-Streit wie ein Kindergarten», rief er aus. «Wir müssen in Zukunft miteinander statt gegeneinander kämpfen.»

Aus der St.Galler Beschaffungspraxis

Auf sich allein gestellt ist auch der Büromöbel-Hersteller Sitagaus Sennwald. Der Betrieb mit 130 Angestellten produziert wie Abacus ausschliesslich in der Schweiz. CEO Toni Lee nutzte an dem Anlass die Gelegenheit, den Vertretern aus der Politik seine Erfahrungen mit der Beschaffungspraxis von öffentlichen Einrichtungen im Kanton zu schildern. Laut Lee arbeiten die Verwaltungen bei Beschaffungen teilweise mit Beratern zusammen, die für den gesamten Prozess verantwortlich zeichneten. Der Berater stellt die Kriterien für die Ausschreibung zusammen, evaluiert die Offerten, präsentiert sie beim Hochbauamt und agiert als Ansprechpartner für die anbietenden Unternehmen. Brisant ist für den CEO die Tatsache, dass der externe Berater einen Verkaufsstützpunkt eines Mitbewerbers betreibt. «Auch wenn der Berater selbst keine Produkte offeriert, schafft er doch für die von ihm vertretene Marke markante Vorteile in den Submissionsunterlagen», konstatierte Lee.
Andere Beispiele aus der Beschaffungspraxis von St.Galler Institutionen, die der Sitag-Geschäftsführer für zweifelhaft hält, waren Zuschläge an ausländische Anbieter trotz 20 Prozent höherem Preis oder die Vorgabe, dass nur Händler (und nicht der Hersteller direkt) eine Offerte einreichen konnten. In einem weiteren Fall seien technische Beschriebe in der Ausschreibung in einer Art und Weise definiert worden, dass nur das bevorzugte Produkt die Kriterien erfüllen konnte. «Wenn ich eine Ausschreibung selbst organisiere, gewinne ich sie auch», schloss Lee seine Ausführungen. Für die Zukunft fordert Sitag, dass ausschliesslich Kantonsangestellte oder «absolut neutrale» Berater bei Ausschreibungen mitarbeiten dürfen. Diese Massgabe sollte für Beschaffungen allgemein – auch in der Informatik – gelten.



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