«Das Bankwesen ist ein digitales Geschäft»

Home Office als das neue Normal?

CW: Was haben Sie in der IT geändert, um die Arbeit im Home Office zu unterstützen?
Dargan: Wir hatten schon vieles implementiert und mussten nur punktuell nachrüsten. Der Finanzmarkt verzeichnete während der Corona-Zeit um bis zu 300 Prozent mehr Volumen und eine hohe Volatilität. Unsere Systeme waren dem Ausmass an Stress gewachsen, sodass sie superstabil blieben. Im April haben wir sogar die höchste Systemstabilität seit Anfang der Messung überhaupt erzielt. Wir konnten in diesen Zeiten auch Marktanteile gewinnen. Das haben wir an unserer Bilanzpressekonferenz für das erste Quartal gezeigt.
Eine Innovation, die wir in dieser Zeit gemacht haben: Wir mussten für das Onboarding neuer Mitarbeiter eine Lösung finden. Denn während des Lockdowns konnten die neuen Angestellten natürlich nicht ins Büro gehen, Papiere unterschreiben und vielleicht einen Laptop abholen etc. Stattdessen haben wir einen virtuellen Onboarding-Prozess entwickelt: Neue Mitarbeiter melden sich einmalig in unserem System an und können dann eine App auf ihr Smartphone laden. Dort loggen sie sich ein und werden durch den digitalen Onboarding-Prozess geführt. Bei bis anhin rund 700 Personen hat das hervorragend funktioniert.
CW: Hatte die IT während dieser Wochen irgendwelche Probleme, die Sie lösen mussten? Und: Wie haben Sie allenfalls die Schwierigkeiten gemeistert?
Dargan: Ich würde nicht von Problemen sprechen, denn unsere Plattformen und Systeme waren ohne Zwischenfälle operativ. Es ging mehr darum, Lösungen für neue Herausforderungen zu finden: Wie das Onboarding in einer Lockdown-Situation oder eine riesige Anzahl von Mitarbeitern in Indien in einem sehr kurzen Zeitraum in ein Home-Office-Setting zu bringen. Wir haben 87 Prozent der Mitarbeiter in Indien innerhalb von drei Tagen befähigt, von zu Hause aus zu arbeiten. Schlussendlich haben bis zu 97 Prozent der Mitarbeiter von zu Hause aus gearbeitet.
Parallel dazu beschäftigen wir uns ständig mit Cyberrisiken und anderen Themen. Das gehört aber zum Tagesgeschäft. Da wir gut vorbereitet waren auf die zusätzlichen Belastungen durch den Corona-Notstand, konnten wir den Betrieb sehr stabil halten. Unser Fokus liegt auf der Widerstandsfähigkeit unserer Systeme.
CW: Haben Ihre IT-Kollegen ebenfalls von zu Hause aus gearbeitet? Ich denke zum Beispiel an die Mitarbeiter in den Rechenzentren.
Dargan: Abgesehen von Funktionen, die zwingend vor Ort erbracht werden mussten – wie zum Beispiel Arbeiten direkt im Rechenzentrum –, haben praktisch alle IT-Mitarbeiter von zu Hause aus gearbeitet. Das hatte zur Folge, dass wir praktisch alle nötigen Änderungen sowie erforderliche Kapazitätserhöhungen und Innovationen auf Basis virtueller IT-Teams gemacht haben.
CW: Vermutlich war Home Office auch schon vor Corona eine Option. Wird es allenfalls die neue Realität?
Dargan: Home Office war bei uns bereits Teil des Arbeitsansatzes – auch ich habe vereinzelt von zu Hause aus gearbeitet. Die plötzliche Umstellung, dass fast die ganze Organisation nicht mehr ins Office kommt, führte dann aber zu einer massiven Mehrbelastung der Infrastruktur.
Es ist noch zu früh, um genau abzuschätzen, wie der langfristige Einfluss der Corona-Pandemie auf die Art und Weise, wie wir arbeiten und leben, sein wird. Aber wir gehen davon aus, dass es einen Sprung in der Digitalisierung geben wird – durch die Art, wie wir jetzt gelebt haben: von Online-Shopping zu Online-Banking bis hin zum virtuellen Zusammenarbeiten. Wir gehen weiter davon aus, dass wir in Zukunft mehr Nachfrage nach Home Office sehen werden. Wir sind gut aufgestellt, um auf dieses Bedürfnis einzugehen. Der Mensch braucht allerdings auch soziale Interaktion. Das kann bis zu einem Grad virtuell abgedeckt werden – jedoch nicht ausschliesslich.
CW: Gewinnt die IT in der Krise an Bedeutung? Oder Sie persönlich als Global Head Information Technology?
Dargan: Eine Krise ist eine besondere Situation. Für die IT stand im Vordergrund, dass die Menschen zusammenkommen und zusammenarbeiten. Denn letztlich geht es uns auch in der Krisensituation darum, unseren Kunden den bestmöglichen Service zu bieten. Die IT hat hier ihren Beitrag leisten können.
In der Krise hat sich, denke ich, die Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung erhöht, weil wir mit einem viel höheren Tempo arbeiten mussten. Für mich war wichtig, so schnell und so gut wie möglich auf die veränderte Situation zu reagieren – das ist uns gelungen.


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