Wie die Blockchain Geschäftsmodelle umkrempelt

Aus Visionen die Realität schmieden

Nicht zu vergessen sei, dass ganz neue Geschäftsmodelle plötzlich möglich würden, «von denen heute niemand zu träumen wagt». Gasteiger nennt als Hauptvorteil die Möglichkeit, Parteien, die nicht zur Wertschöpfung beitragen, aber grosse Kosten verursachen, aus Transaktionsprozessen zu entfernen und sichere Peer-to-Peer-Transaktionen zu ermöglichen. Generell bringe Blockchain Einsparungen in verschiedensten Bereichen.
Es gibt aber auch andere wichtige Vorteile, deren wir uns in Westeuropa vielleicht weniger bewusst sind, schiebt er nach. «Dazu gehört etwa die Reduktion der Armut in Entwicklungsländern, indem mit Blockchain das Problem der fehlenden Infrastruktur im Bereich Zahlungsverkehr oder bei Behördendienstleistungen adressiert werden kann», sagt der CEO von Procivis mit Blick auf die Zukunft der Blockchain-Technik. Bei Zühlke resümiert Hirzel, dass es genau die Blockchain ist, die fehlendes Vertrauen und die Angst vor Verantwortungslosigkeit durch Technologie ersetze. Denn mittels Smart Contracts und den Grundeigenschaften der Blockchain werde systembasiertes Vertrauen ermöglicht. Insgesamt sieht er die Blockchain-Technologie gleichwohl nicht als die gros­se Umwälzung. Sie berge zwar ein gewisses disruptives Potenzial, doch glaube er nicht, dass bestehende Geschäfts­modelle im grossen Stil attackiert werden, sagt Hirzel. «Blockchain ermöglicht eher neue, innovative Modelle.»
Interview
«Erfahrungen machen und den Anschluss nicht ver­lieren»
Für Patrick Wittwer, Gründer des Swiss­cubator und der Solothurner Versicherix, ist die Schweizer ­Demokratie geradezu prädestiniert für Blockchain.
Computerworld: Warum gehören Demokratie und Blockchain zusammen?
Patrick Wittwer: Ein demokra­tischer Staat ist wie die Blockchain-Philosophie. Sie haucht dem Netz-
werk- und Peer-to-Peer-­Gedanken ­Leben ein. Niemand muss mehr ein mächtiger Player sein, um mit der Blockchain etwas Grossartiges zu tun. Deshalb entsteht ja so vieles in sogenannten Mikrounternehmen. Und dort sucht und findet Swiss­cubator die besten Blockchain-Ideen und -Spezialisten. Dezentra­li­sierung ist also hier das Stichwort und gleichzeitig die Verbindung der ­Menschen. Aus dieser Kombination entsteht Effizienz ohne die aufgebauschten Verwaltungs­apparate.
CW: Worum geht es konkret?
Wittwer: Zuerst muss man mit ­Vorurteilen aufräumen. Blockchain ist nicht Bitcoins, nicht künstliche Intelligenz und weder Fantasietechnologie noch ein Produkt oder der Ersatz für Transaktionsprozesse. Es ist eine Technologie, die mittlerweile in zahlreichen Software-Lösungen verschiedenster Ausprägung zum Einsatz kommt, was je nach ­Geschäftsmodell mehr oder weniger sinnvoll ist. Wenn das Geschäfts­modell jedoch auf Transaktionen in Netzwerken basiert, dann ist die Blockchain erste Wahl. Damit kann alles, was nicht unmittelbar der Wertschöpfung dient und Kosten verursacht, ver­bannt werden.
CW: Was machen Sie?
Wittwer: In unserem Swisscubator unterstützen wir Projekte im Bereich Insurtech, eGov und eHealth. Mit Versicherix haben wir für die euro­päischen Versicherer eine Art Labor eingerichtet. Wir forschen gemeinsam an Peer-to-Peer-Projekten auf Blockchain-Basis. Übrigens, obwohl wir immer wieder hören, die Blockchain sei heute zu langsam, schaffe zu wenige Transaktionen und so ­weiter. Ja, es ist eine neue Techno­logie, sie steckt noch in den Kinderschuhen, aber Blockchain 3.0 oder 4.0 stehen bereits vor dem Go-to-Market. Es geht extrem schnell!
CW: Nur Begeisterung; sehen Sie keine Risiken?
Wittwer: Die Blockchain steht noch am Anfang, dadurch ergeben sich für sogenannte Early Adopters entsprechende Risiken. Doch die Entwicklung ist rasant. Daher ist es für Firmen enorm wichtig, Erfahrungen mit dieser neuen Technologie zu machen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wir empfehlen, sich parallel zum bestehenden Kerngeschäft damit zu beschäftigen, und arbeiten gemeinsam an sogenannten Schnellboot-Projekten mit einem fixen Budget. Dadurch macht man erste Erfahrungen mit der neuen Technik und noch viel wichtiger, man kann die Akzeptanz der Kunden testen und mithilfe des Feedbacks vom Markt neue Produktideen kreieren und bestehende adjustieren.
CW: Und in der Schweiz?
Wittwer: Wir sind alle Crypto Valley, auch wenn sich der Raum Zug diesen Clam geschnappt hat. Von Solothurn über Bern bis Genf geht die Blockchain-Post ab.


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