Neue Normen für die digitale Welt

«Mitarbeiter wollen keine unethischen Produkte entwickeln»

Über ethische Gesichtspunkte digitaler Technologien hat sich Computerworld zusätzlich mit Markus Christen von der Universität Zürich unterhalten. Er ist der Meinung, dass Risiken manchmal überbewertet werden. Debatten rund um ethische Fragen brauche es aber dennoch.
Markus Christen von der Univesität Zürich
Quelle: Universität Zürich
Computerworld: Sehen wir digitale Technologien durch eine rosarote Brille – also vorwiegend den Nutzen, aber weniger die gesellschaftlichen Auswirkungen?
Markus Christen: Dieses Gefühl habe ich nicht. Grundsätzlich tendieren wir oftmals dazu, gewisse Risiken zu überbewerten oder falsch anzuschauen. Besonders in den letzten Wochen und Monaten sprachen wir sicherlich mehr über Risiken als über den Nutzen. Die Frage ist, wo man sich umhört. In der Bevölkerung und in den Medien dominiert momentan schon eher der Risiko-Diskurs – Stichwort Facebook. Währenddem spricht man in der Wirtschaft eher vom Nutzen.
CW: Hat der Facebook-Fall das Thema Ethik wieder ins Gespräch gebracht?
Christen: Völlig neu war es nicht, was dabei herausgekommen ist. Aber ja, der Fall löste eine viel grössere gesellschaftliche Diskus­sion aus. Das scheint schon ein Hinweis da­rauf zu sein, dass nun mehr Sensibilität für die Thematik herrscht.
CW: In der Studie schlagen Sie vor, dass Unternehmen neben dem «Business Case» auch den «Ethics Case» betrachten sollten. Was bedeutet das genau?
Christen: Es geht grundsätzlich darum, dass man sich bereits bei der Entwicklung eines Software-Produkts Gedanken darüber macht, welche ethischen Werte durch die-ses Produkt berührt werden. Man sollte sich überlegen, wie man mögliche Risiken mit gewissen Features minimieren oder gar gewisse positiven Aspekte hervorheben könnte. Zum einen sollten Firmen dabei bedenken, dass auch das Geldverdienen von bestimmten ethischen Aspekten abhängt. Wenn beispielsweise bekannt wird, dass ein Produkt die Privatsphäre von Personen stark verletzt, dann wird es wohl auch weniger verkauft. Zum anderen liessen sich Werte wie die Fairness eines Produkts auch zur Vermarktung verwenden.
CW: Ist das ein realistisches Szenario? Erfahrungsgemäss steht für Unternehmen ja eher der Profit im Vordergrund.
Christen: Ich denke, es ist realistisch. Mit­arbeiter wollen in der Regel keine unethischen Produkte entwickeln. Auch stehen Profit und Ethik nicht zwingend im Gegensatz zueinander. Gerade in einem Umfeld, wo das kritische Bewusstsein eher zunimmt, können Firmen mit Ethik punkten und – plakativ gesagt – Profit machen.
CW: Könnte die Ethik in der IT-Branche beispielsweise mit Ethikkommissionen verbindlicher gemacht werden?
Christen: Das ist sicherlich ein möglicher Ansatz – gewisse Unternehmen haben intern ja bereits begonnen, das einzuführen. Ich glaube aber nicht, dass die Ideallösung ein Wachhund-Gremium ist. Ein besserer Weg wäre meines Erachtens, dass man bereits in der Entwicklungsphase der Produkte Mit­arbeiter dazu nimmt, die etwa eine Schulung gemacht oder generell eine höhere Sensibilität für ethische Fragen haben. Dennoch kann es gut sein, dass wir künftig auch im digitalen Bereich so etwas wie eine Ethikkommission haben – analog zur Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin –, die Standpunkte aufzeigt und einen Beitrag zum öffentlichen Diskurs leistet.
CW: Braucht es also mehr Diskussionen rund um ethische Fragen?
Christen: Ja, und man sollte sie systema­tischer einbauen.
Zur Person
Markus Christen
ist Co-Autor der SATW-Studie «Big Data – Ethische Herausforderungen für Unternehmen». An der Universität Zürich leitet er eine Forschungsgruppe zu ethischen Fragen der Digitalisierung. Zudem ist er Geschäftsleiter der Digital Society Initiative.


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