08.10.2013, 23:21 Uhr

Schweiz tut sich schwer beim Social Banking

Die traditionellen Schweizer Banken sind zwar in den neuen Medien präsent, innovative Lösungen für Social Banking sind aber selten. An der Konferenz «Finance 2.0» gab es Inspiration.
Andreas Kubli von der UBS baut das Banking auf dem iPhone, dem iPad und im Web massiv aus
Die Grossbank UBS hat vor anderthalb Jahren eine Mobilstrategie definiert. Damals waren die Strategen vergleichsweise früh dran, liesse sich aus heutiger Perspektive argumentieren. Viele andere etablierte (Finanz)Konzerne boten in 2011 höchstens rudimentäre Funktionen auf den Mobilplattformen an. Heute ist eine Banking-App auf jedem zehnten Smartphone der circa 2,5 Millionen Kunden von UBS Schweiz installiert. «Wir verzeichnen 10 Millionen Kundenkontakte pro Jahr via Mobile. Der Kanal wächst um ein Prozent – jede Woche», berichtete Andreas Kubli, Head Multichannel Management & Digitization bei UBS Schweiz. Er war einer der Redner an der Konferenz «Finance 2.0» am Dienstag in Zürich. Laut Kubli ist die gemeinsam mit AdNovum entwickelte App nur ein Kanal, auf dem die Grossbank ihre Kunden bedient. Demnächst wird ein neues E-Banking aufgeschaltet, das zusammen mit Namics programmiert wurde. Die Ansichten auf das Konto werden variabel sein, Kunden können individuell einstellen, ob sie zum Beispiel eine Standardansicht, eine Liquiditäts- oder eine Transaktionsübersicht angezeigt bekommen. Alle Oberflächen sind auch für Tablets optimiert, sagte Kubli. Nach dem Rollout will die Bank noch einen «persönlichen Finanzassistenten» aufschalten, in dem Geldströme analysiert und Sparziele definiert werden können. Den Geschäftskunden bietet UBS voraussichtlich im vierten Quartal 2013 die Möglichkeit, Kartenzahlungen mit einem iPhone oder iPad entgegen zu nehmen. Dafür partnert die Bank mit dem Anbieter SumUp. Der britische Lieferant bietet eine App und ein Kartenlesegerät mit Tastenfeld für die PIN-Eingabe an, das die UBS vertreiben wird.
Ausserdem plant die UBS weitere Neuerungen, die über das traditionelle Bankengeschäft hinaus gehen, sagte Kubli. Ein Beispiel ist die Neukonzeption der Webseiten, auf denen nicht mehr Produkte beworben, sondern Kundenbedürfnisse adressiert werden. Für das Private Banking ist schon heute eine iPad-App in Betrieb, mit der Berater gemeinsam mit dem Kunden mögliche Anlagestrategien simulieren können. Jenseits der Grenzen sind Finanzdienstleistungsanbieter zwar ebenfalls damit befasst, ihre traditionellen Produkte auf multiplen Kanälen zu vertreiben. Gleichzeitig drängen immer mehr Wettbewerber auf den Markt, die Alternativen anbieten. Teils sind aber Schweizer Anleger involviert, wie im Fall von Next Generation Finance Invest. Partner Marc Bernegger sagte an der Konferenz, dass er die Finanzindustrie auch hierzulande vor Veränderungen sehe. «Die bestehenden Wertschöpfungsketten werden von neuen Anbietern aufgebrochen», erklärte der Experte. Als Gründe für die aktuelle Zurückhaltung hierzulande sah Bernegger die vergleichsweise geringe Verbreitung von Social Media im professionellen Umfeld und die Zurückhaltung bei den Verbrauchern. Auch die Regulierung bilde eine hohe Hürde für den Markteintritt. Nächste Seite: Schweizer Franken für Social Banking Das in Zug domizilierte Next Generation Finance Invest ist in Deutschland unter anderem an dem Start-up ayondo beteiligt, sagte Partner Thomas Winkler. Das Social Network ist eine Trading-Plattform, auf der alle Mitglieder vom Wissen der anderen finanziell profitieren können. Auf ayondo veröffentlichen zum Beispiel erfahrene Händler ihren Followern eine Anlagestrategie. Folgen die Follower den Hinweisen des Händlers und investieren in die gleichen Finanzprodukte, machen sie Gewinne wie der Händler auch.
Eine weitere Beteiligung ist StockPulse. Die Kölner haben einen Leitsatz des Finanzexperten André Kostolany zur Geschäftsgrundlage gemacht: «Die Börse reagiert gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie.» Laut Geschäftsführer Jonas Krauß verarbeitet StockPulse pro Tag mehrere 100'000 Nachrichten von Twitter und einschlägigen Foren sowie Finanz-Webseiten. Aus diesen Echtzeit-Datenströmen, die mithilfe der Storm-Technik sowie Hadoop-Ressourcen analysiert werden, kalkuliert die StockPulse-Software Kaufempfehlungen für Anlageprodukte. Der Dienst lässt sich separat abonnieren, kann aber auch von Finanzunternehmen in eigene Portale eingebunden werden. Unter anderem die deutsche Fidor Bank ist heute ein Kunde der Kölner, sagte Krauß.

Finance 2.0 made in Switzerland

Schweizer Franken und Schweizer Know-how investiert unter anderem die NZZ Mediengruppe in Social Banking. Zusammen mit dem Zürcher Software-Hersteller Crealogix lanciert das Traditionshaus Ende Jahr die Plattform Qontis. In dem Portal sollen Verbraucher in redaktionellen Texten Antworten auf Geldfragen bekommen und ihre Finanzen verwalten können. Qontis ist im Vergleich zum geplanten «persönlichen Finanzassistenten» der UBS nicht auf ein Bankhaus beschränkt, sondern bindet alle Konten des Benutzers ein, führte Marketingchef Nils Reimelt aus.
Ebenfalls an den Endkunden wendet sich das Portal Mydepotcheck.com, dass Gründer Ivo Streiff an der Konferenz zeigte. Die NZZ-Beteiligung wolle vom sinkenden Vertrauen in die traditionellen Finanzdienstleister und den erodierende Margen im Wertpapiergeschäft profitieren, wie der heutige CEO ausführte. Dazu werden zum Beispiel Vergleiche aller Bankgebühren und eine Marktbewertung des Portfolios geboten. Bankhäuser seien auf dem Gebiet zwar ebenfalls aktiv, eine Depotprüfung laufe aber meistens automatisiert ab. Mit Mydepotcheck.com könne der Verbraucher selbst agieren und werde angeleitet, seine Investitionen kritisch zu hinterfragen, skizzierte der Gründer die Geschäftsidee. Für den November plant Streiff ein professionelles Depot Management auf der Plattform.

Finanzplatz Schweiz vor Wandel

Die Beispiele an der Konferenz haben aufgezeigt, dass die Entwicklung von Social Banking weder hierzulande noch in den Nachbarländern wirklich uneinholbar weit fortgeschritten ist. Allerdings ist das Ausland unzweifelhaft weiter, insbesondere im angelsächsischen Raum sind die Verbraucher und Anleger jedoch traditionell auch freigiebiger mit Finanzinformationen. Das befördert die Entwicklung von Geschäftsideen rund um Finance 2.0. Laut dem Internetpionier und heutigen Finanzinvestor Marc Bernegger gibt es nicht ausschliesslich schwarz und weiss: «Zwischen den Newcomern und den etablierten Playern im Finanzmarkt sind durchaus Kooperationen denkbar», lädt er zu Gedankenspielen ein.


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