18.11.2014, 15:18 Uhr

Ideen für das digitale Schweizer Banking

Schweizer Banken kommen Kunden mobil und online heute entgegen. Echte Innovationen fehlen aber. Ideen sind in der Branche und jenseits davon durchaus vorhanden.
Thomas Wüst von ti&m lud zum Brainstorming über das Digital Banking ein
Im Retail Banking setzen Schweizer Finanzdienstleister vermehrt auf neue Kanäle und Geschäftsmodelle. Dabei sind traditionelle Bankhäuser genau so aktiv wie Start-ups. An einem Anlass des Software-Anbieters ti&m diskutierten der Finanzmarktexperte Professor Andreas Dietrich und Experten aus der Bankenbranche wie Patrik Gisel von Raiffeisen über die Notwendigkeit von Innovation auf dem Finanzplatz Schweiz. Schweizer Banken vorwiegend im reaktiven Modus Professor Dietrich, Leiter Competence Center Financial Services an der Hochschule Luzern, hielt den Bankern vor, dass sich hiesige Finanzinstitute hauptsächlich im reaktiven Modus befänden. In dem vom Verbraucher dominierten Retail Banking seien die Anbieter mit Projekte zur Kostensenkung, dem operativen Tagesgeschäft und der Regulierung beschäftigt. Gleichzeitig würden die Kunden stark auf Computertechnologie setzen, das Smartphone, Social Media sowie das Web intensiv nutzen. Hinter der Digitalisierung des Alltagslebens hinken die Geldinstitute mehrheitlich hinterher. Vereinzelt gäbe es zwar Projekte, sie hätten aber in den Bankhäusern keine hohe Priorität. Professor Dietrich berichtete, dass im neuen Jahr mehrere neue Angebote lanciert werden sollen. Ein Bankhaus plane im ersten Quartal 2015 beispielsweise eine Crowdfunding-Plattform für KMU, ein anderes Institut will seine Kunden per Chat über Finanzprodukte beraten. Die Glarner Kantonalbank hat sich die Domain Investomat.ch gesichert, auf der voraussichtlich eine elektronische Anlageberatung gestartet werden soll. Die Glarner sind schon heute im Web recht aktiv: Auf Onlineportalen werden Hypotheken (Hypomat.ch), Sparkonten (Kontomat.ch) und Versicherungen (Risikomat.ch) feilgeboten. Ebenfalls schon präsent ist die UBS mit dem mobilen Kreditkartenleser SumUp: Damit können Unternehmer ihren Kunden die Kartenzahlung anbieten, ohne ein Terminal installieren zu müssen. Dietrich ermutige die Vertreter von anderen Banken, sich ebenfalls mit Unternehmen wie SumUp zusammenzutun. Anderenfalls drohe ihnen, dass Start-ups die besten Geschäftsmodelle vor der Nase wegschnappten. Die Start-ups stehen auch in der Schweiz parat, wusste Dietrich. Der Trading-Dienst Ayondo, die Finanzierungsplattform Crowdinvest sowie die Investmentportale MoneyVane und True Wealth seien entweder online oder kurz vor dem Markteintritt. Sie lockten die Kunden mit gewinnträchtigen Geschäftsmodellen und tiefen Gebühren. Damit könnten sie zum Wettbewerber für die traditionellen Finanzdienstleister – zumindest im Retail – werden. Nächste Seite: Raiffeisen gegen Amazon Brauch es die Bank noch? Als Bank mit dem grössten Filialnetz der Schweiz befasst sich die Raiffeisen intensiv mit den Veränderungen in der Finanzbranche. Patrik Gisel, Stellvertretender CEO und Leiter Departement Markt, gab an dem Anlass zu, dass die über 1050 Bankstellen hierzulande «nur teilweise profitabel» arbeiteten. Deshalb würde eine Gruppe von Raiffeisen-Spezialisten neue Player in der Finanzindustrie und in anderen Branchen beobachten sowie analysieren. Gisel verriet, dass Raiffeisen im Projekt «ImEx» an einem Hypotheken-Portal arbeite. Ausserdem würde geprüft, wie bisher auf Papier angebotene Produkte für den elektronischen Vertrieb umgestellt werden könnten. Jenseits des traditionellen Bankgeschäfts sah der Raiffeisen-Manager unter anderem zwei Entwicklungen als bemerkenswert an: Die Abkehr vom Geld als Handelsgrundlage und den direkten Kontakt von Kunden untereinander. Vereinzelt würden auf Internetplattformen schon heute Güter nicht gegen Geld sondern im Tausch gegen Ware angeboten. Wenn sich diese Entwicklung fortsetze, brauche es keine Bank mehr, sagte Gisel. Das gelte auch für Crowdfunding: Wenn sich die Verbraucher untereinander Geld leihen würden, müsse in die Finanztransaktionen nicht mehr zwingend eine Bank involviert sein. Dann genüge beispielsweise das PayPal-Guthaben. Amazon und PayPal als Banken-Konkurrenz Die Internet-Anbieter wie PayPal und Amazon könnten zu Konkurrenten für Retail Banken werden, meinte Gisel. Die Plattformen hätten hervorragende Voraussetzungen: Amazon wisse schon heute viel mehr über einen Kreditkarteninhaber als die Bank, die die Kreditkarte ausgestellt hat. Das Online-Kaufhaus kann Algorithmen für Kaufempfehlungen, die Kunden-Historie und den Wunschzettel mit einer Kreditkartennummer verknüpfen. In der Theorie könnten auch Banken die Kundenkonten mit Transaktionsdaten zusammenschalten und viel stärker individualisierte Angebote lancieren. Aktuell sei dies aber noch nicht die Realität, so Gisel.


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