«Wo bleibt der Alfred Escher des Digital-Zeitalters?»

So meistern Firmen die Digitalisierung

CW: Sie sind im Beraterumfeld tätig. Welche Fragen haben Unternehmen derzeit am meisten in Bezug auf die Digitalisierung? Welche Probleme wollen sie lösen?
Eugster: Die Digitalisierungsprojekte, die Firmen in Angriff nehmen und dazu einen Berater beiziehen wollen, sind ehrlich gesagt noch etwas bescheiden. Meist geht es darum, den eigenen Webauftritt zu erneuern, um ihn zum Beispiel für Mobilgeräte fit zu machen. Auch in Sachen Online-Marketing erhalte ich viele Anfragen, aber auch dies ist noch nicht revolutionär.
«Es müssen digital denkende Menschen an die Schalthebel der Firmen gelangen»
(Quelle: Samuel Truempy)
CW: Was müsste sich ändern, dass Schweizer Unternehmen bei der Digitalisierung mehr Gas geben könnten?
Eugster: Die grösste Herausforderung ist nach wie vor die Kultur in den Unternehmen. Wir Schweizer haben nicht den Spirit, der für die Veränderungen nötig wäre. Beispielsweise bräuchte es Visionen, wie sie etwa Elon Musk von Tesla hat. Solche Leute hatten wir früher auch in der Schweiz. Denken Sie nur an einen Alfred Escher oder an die Planer der Jungfraujochbahn, die ja eigentlich ursprünglich bis auf den Jungfraugipfel geführt werden sollte. Das waren für die damalige Zeit völlig verrückte Ideen. Solche Visionen sind in der Schweiz heute so gut wie nicht mehr vorhanden. Was wir stattdessen hierzulande oft antreffen, sind sogenannte Tabellenkalkulations-Manager, die zuerst danach fragen, ob sich ein neues Vorhaben rechnet. Wir brauchen dagegen mehr PowerPoint-Manager mit Visionen!
CW: Auf welche Hürden stossen Sie in den Unternehmen?
Eugster: Am schwierigsten ist es, wenn man an den Schlüsselpositionen auf Leute trifft, die das Alte bewahren wollen und nicht für Neues offen sind. Oft begegne ich Firmen, bei denen das Management Angst davor hat, dass die Mit­arbeiter die Veränderungen nicht mittragen werden. In solchen Unternehmen werden dann oft die innovativ denkenen Leute als Freaks und Nerds abgetan. Wenn diese Firmen realisieren, dass sie nun dringend digitalisieren müssten, ist es meist schon zu spät.
CW: Was müsste also geschehen, dass eine Firma für die Digitalisierung fit gemacht werden kann?
Eugster: Es müssten digital denkende Menschen an die Schalthebel des Unternehmens gelangen. Meistens handelt es sich dabei um jüngere Leute. Ich bin als Babyboomer wohl einer der seltenen «Exemplare» digital denkender Menschen meiner Generation.
Dann müssen Firmen den Mut aufbringen, etwas zu tun, auch auf die Gefahr hin, dass es beim ersten Anlauf nicht funktioniert. Denn aus solchen Fehlschlägen lässt sich lernen. Zumindest hat man sich so schon einmal mit der Thematik beschäftigt. Wir müssen endlich davon wegkommen, dass Fehler und unternehmerische Misserfolge stigmatisiert werden.
CW: Sie schlagen also eine Fehlerkultur vor, wie sie im Silicon Valley anzutreffen ist. Wie könnte die Schweiz mehr zum Silicon Valley werden, oder anders gefragt: Gäbe es eine Schweizer Idealmischung, eine Kultur also, die Innovation mit Tradition und Bewahrung vereint?
Eugster: Das grösste Manko in der Schweiz ist nicht die mangelnde Innovationskraft, sondern das Fehlen von Risikokapital. Firmen wie Google und Facebook sind hierzulande nicht möglich, weil die mutigen Geldgeber fehlen. Hier macht man sich aber schon auch Gedanken. Ich habe vor Kurzem einen Vorschlag gelesen, man könnte doch
einen winzigen Teil unseres Pensionskassenkapitals für die Unterstützung von Start-ups einsetzen. Es wäre dann Geld für unternehmerische Versuchsballons vorhanden, mit dem Potenzial, dass auch hierzulande grosse Ideen umgesetzt werden könnten.
Am wichtigsten wäre es aber, wenn wir Leute, die etwas wagen und damit auf die Nase fallen, nicht so verächtlich behandelten und ihnen deshalb keine künftigen Erfolge mehr zugestehen. Auch die relative Missgunst gegenüber jenen, die eine Business-Idee erfolgreich umgesetzt haben, müsste aufhören. Denn in den USA werden solche Leute bewundert und nicht kritisch beäugt.


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