«Wo bleibt der Alfred Escher des Digital-Zeitalters?»

Die Zukunft des Arbeitsmarkts

CW: Das hat natürlich Folgen für den Arbeitsmarkt. Es gibt ja schon Berechnungen, dass gut die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze verloren gehen werden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Eugster: Ich kenne diese Berechnungen auch, bin aber skeptisch, ob sie zutreffend sind. Meiner Meinung nach kann man das nicht berechnen. Zudem wird sich die Digitalisierung wohl nicht mit der Geschwindigkeit durchsetzen, wie es heute oft behauptet wird. Meine Erfahrung ist, dass wirklich tiefgreifende Wandlung ihre Zeit braucht und meist zehn bis fünfzehn Jahre später eintrifft, als zunächst vorausgesagt. Dies heisst nicht, dass es in bestimmten Bereichen nicht auch schneller gehen kann.
Nehmen wir als Beispiel die Transportbranche. Hier wird es sicher eine Generation dauern, bis Jobs wie Lastwagenfahrer durch autonome Fahrzeugtechnologien ersetzt werden. Beispielsweise werden dort pensionierte Arbeitskräfte erst einmal nicht mehr ersetzt.
Auf der anderen Seite werden neue Jobs entstehen. Ich denke da an App-Entwickler, die es erst seit gut zehn Jahren gibt. Ganz neu dürfen Sie Virtual-Reality-App-Entwickler dazu zählen. Die Frage ist einfach, wird dies die Jobs der Lastwagenfahrer, die verloren gehen, kompensieren. Meiner Meinung nach ist dies fast nicht möglich.
Daher werden wir auch eine ganz neue Gesellschaft haben. Ich sehe eine Zweiklassengesellschaft entstehen: Es wird Leute geben, die nicht mehr arbeiten müssen. Diesen werden wir ein bedingungsloses Grundeinkommen zukommen lassen müssen. Ich bin kein Linker, aber hiervon bin ich überzeugt. Dann wird es eine zweite Klasse geben, die arbeiten «darf». Dieser Arbeitsmarkt wird hart umkämpft sein.
«Als Botschafter möchte ich Lust auf die digitale Zukunft machen und keine Angst verbreiten»
(Quelle: Samuel Truempy)
CW: Muss man dann aber nicht diejenigen, die keine Arbeit mehr haben, anderweitig fördern, dass sie nicht völlig sinnlos in den Tag hineinleben?
Eugster: Genau, meiner Meinung nach müsste es dann eine Art Bonussystem geben, das soziale Interaktionen fördert. Wenn beispielsweise jemand ins Altersheim geht und mit den Senioren Ausflüge organisiert, könnte er zunächst Likes und Punkte erhalten, mit denen er dann zum Beispiel Ferien machen darf. Das Engagement für die Gesellschaft könnte so gefördert werden. Gleichzeitig wird er dadurch belohnt, dass er etwas Sinnvolles tut und in unserem Fall positives emotionales Feedback von den Heimbewohnern erhält.
CW: Wird es auch Jobs geben, die voraussichtlich nicht verschwinden werden?
Eugster: Auf jeden Fall. Am besten erkläre ich das aber mit den Jobs, die sicher wegfallen werden. Ich bezeichne diese im Dienstleistungsbereich als «FAQ-Jobs». Das sind Jobs, bei denen immer die gleichen Fragen gestellt werden. Nehmen wir als Beispiel Aufgaben bei einer Bank. Für simple Dinge wie die Eröffnung eines Kontos braucht es sicher keine Menschen mehr. Selbst komplexere Vorgänge wie bei der Hypothekenberatung lassen sich schon zum jetzigen Zeitpunkt automatisieren. Daneben werden all jene Arbeitsstellen wegfallen, die durch Roboter ersetzt werden können.
Überleben werden dagegen all jene Arbeiten, die sozial und kreativ sind. Auch die meisten Führungsaufgaben werden bestehen bleiben. Bei Letzterem denke ich allerdings nicht ans untere und mittlere Management, sondern lediglich ans obere und oberste Management. Das heisst an jene, welche die Strategien vorgeben.
Selbst bei den sozialen und kreativen Jobs gibt es Einschränkungen. Viele einfachere Aufgaben wie das Übersetzen von Dokumenten lassen sich mithilfe künstlicher Intelligenz bewerkstelligen. Selbst das Zusammenstellen eines Trailers zu einem Kinofilm kann heute bereits ein Computer übernehmen. IBM hat dies mit Watson vor Kurzem vorgeführt, meines Erachtens mit exzellentem Ergebnis. Und das bei einer Aufgabe, die wirklich einen kreativen Prozess bedingt. Auch im Sozialbereich werden Roboter unterstützend wirken. Trotzdem wird ein psychologisches Gespräch beispielsweise noch lange von Menschen geführt werden.
CW: Wird es aber nicht auch an der Akzeptanz fehlen, etwa im Pflegebereich, dass sich die Leute nicht von Robotern betreuen lassen wollen?
Eugster: Kurzfristig ja, längerfristig nicht. Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als die Handys aufkamen? Damals wurden in Gartenrestaurants Störsender installiert. Heute würde so etwas zu einem Aufstand führen. Gewisse Dinge brauchen Zeit. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns an den Umgang mit Robotern selbst in Bereichen wie der Pflege gewöhnen werden. Wenn ich nämlich irgendwann die Wahl habe zwischen keiner Betreuung und der Betreuung durch einen Roboter, ist wohl klar, für welche Option ich mich entscheide. Die Japaner machen es vor und sind oft Jahre vo­raus. Ich erinnere mich an eine Japanerin, die vor Jahren an einem Event berichtet hat, dass bei ihnen das Verlassen des Hauses ohne Smartphone so schlimm sei, wie wenn man den Hausschlüssel vergesse. Damals dachten viele, wie krank ist das denn. Und heute geht es uns genauso!


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