«Wo bleibt der Alfred Escher des Digital-Zeitalters?»

Gibt es ein Schweizer Uber?

CW: Bei der digitalen Disruption werden immer die Beispiele Uber, Airbnb und Amazon genannt. Gibt es auch Schweizer Unternehmen, die in Sachen Digitalisierung ihre Hausaufgaben bereits gemacht haben?
Eugster: Wir müssen immer unterscheiden, was wirklich disruptiv ist und wo es allein um die digitale Transformation bereits existierender Prozesse geht. Wenn wir von Disruption sprechen, dann wird eine Technik komplett durch eine andere ersetzt. Ein gutes Beispiel sind digitale Kameras: Diese haben die Filmproduktion und -entwicklung obsolet gemacht, sodass es heute kaum noch analoge Kameras gibt. Auch die digitalen Kompaktkameras werden gerade disruptiv durch Smartphones ersetzt. Dis­ruptiv können aber auch Geschäfts­modelle sein wie etwa mit Airbnb.
«Visionen, wie sie ein Alfred Escher hatte, sind in der Schweiz heute so gut wie nicht mehr vorhanden»
(Quelle: Samuel Truempy)
Bei der Digitalisierung werden dagegen bestehende Prozesse transformiert. Und hier gibt es in der Schweiz diverse gute Beispiele. Ich denke nur an den Detailhandel. Migros und Coop leisten hier Grossartiges: Zum Beispiel ist mir heute dieses Mittel aus der Migros ausgegangen [hält es in die Höhe]. Nun kann ich mit der entsprechenden App den Barcode einscannen und die Ware in meine Einkaufsliste aufnehmen. Die Digitalisierung geht aber weiter, ich gehe nicht mehr mit einem Portemonnaie in den Laden, denn dort scanne ich bereits alle Produkte und bezahle am Selbst-Checkout mit der Kreditkarte, die ebenfalls in der App hinterlegt ist. Kurzum: Dies ist meiner Meinung ein gutes Beispiel für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen, es ist aber nicht disruptiv. Klar, für die Kassiererin an der Kasse wird es einen Einfluss haben, denn ihre Aufgabe wird es irgendwann nicht mehr geben. Aber der Detaillist wird weiterhin Bestand haben, für ihn ist es nicht disruptiv.
CW: Ein Schweizer Uber gibt es somit noch nicht?
Eugster: Nein, meines Wissens nicht. Es gibt lediglich Firmen, die ein in den USA entwickeltes disruptives Geschäft sehr schnell kopiert und in der Schweiz eingeführt haben, wie etwa Deindeal.ch, das sich das Konzept von Groupon angeeignet hat, oder Ricardo, das Ebay hierzulande zuvorkam und heute umsatzmässig das grösste Warenhaus der Schweiz darstellt und beispielsweise das Einkaufszentrum Glatt schlägt.


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