«Für die ICT ist die Corona-Krise ein Sprungbrett»

Projekte bei Swico

CW: Womit beschäftigen Sie sich aktuell bei Swico? 
Bellaiche: Wir haben zum Beispiel soeben eine neue Fachgruppe, den «Digital Ethics Circle», ins Leben gerufen. Und zwar weil sich das Thema Ethik im Kontext der digitalen Transformation einfach nicht mehr wegdiskutieren lässt. Gerade eben kam es in den USA auf, als plötzlich IT-Konzernen wie IBM oder Microsoft der Einsatz ihrer Gesichtserkennungs-Software bei Protesten zu weit ging und sie den Behörden Schranken setzten. Das finde ich stark. In der Fachgruppe wollen wir nun ein praxisorientiertes Angebot von Mitgliedern für Mitglieder bereitstellen. Wir peilen praktische Handlungsanweisungen an, wie man sich auf nicht  theoretischer Ebene mit diesem Thema auseinandersetzen kann, um allenfalls Anpassungen in der internen Organisation vorzunehmen. Was wir einfach verhindern wollten, ist, ein Jahr lang an einem neuen Zertifikat oder Kodex zu werkeln, der dann sowieso schnell wieder überholt ist. 
CW: Wie sieht die Zusammensetzung dieses Circles aus? 
Bellaiche: Im «Digital Ethics Circle» sitzen etwa Google, IBM und Microsoft. Wir legten aber Wert darauf, dass nicht nur die grossen Tech-Konzerne dabei sind, sondern zum Beispiel auch Web-Agenturen und App-Schmieden. Denn gerade in der Kundenschnittstelle ist das Thema Ethik sehr relevant. So konnten wir ein Portfolio von Kompetenzen zusammenstellen, das unter anderem die Bereiche User Experience, Entwicklung, Algorithmen oder auch künstliche Intelligenz abdeckt. Insgesamt sind wir in dieser Fachgruppe neun Personen. Wir hielten den Kreis absichtlich klein, um agil zu bleiben und «die PS auf den Boden zu bringen». 
CW: Was änderte sich bei Swico seit Ihrem Start vor etwas mehr als einem Jahr? 
Bellaiche: In der Zwischenzeit probierten wir als Verband schon viel Neues aus. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung will ich bei uns generell die Experimentierfreude fördern – dass man etwas ausprobiert, auch wenn man sich nicht ganz sicher ist, wie das Echo ausfallen wird. So steht nun unsere erste digitale Generalversammlung an, für die ich mich starkgemacht habe. Ich dachte mir: Wir können doch nicht der Verband der Digitalisierer sein und diese dann schriftlich durchführen [lacht]. Wir waren zwar zunächst skeptisch, ob sich die Mitglieder überhaupt anmelden, wenn sie sowieso schon den ganzen Tag am Bildschirm sitzen, erhielten nun aber so viele Anmeldungen wie noch nie zuvor. 
“Wir können doch nicht der Verband der Digitalisierer sein und dann unsere GV schriftlich durchführen„
Judith Bellaiche
CW: Worauf führen Sie das grosse Interesse zurück? 
Bellaiche: Vielleicht liegt es daran, dass man sich nun nicht den halben Tag freinehmen muss, sondern sich einfach kurz zuschalten kann. Dann ist sicherlich auch eine Portion Neugierde mit dabei. Die Leute sind interessiert, ob und wie wir die digitale Generalversammlung über die Bühne bringen. Natürlich bin ich jetzt etwas nervös und hoffe, dass alles klappen wird. Aber das Echo ist wirklich grossartig. Alle scheinen sich zu freuen, dass wir trotz allem etwas auf die Beine stellen konnten. Und genau solche Dinge will ich auch künftig vorantreiben, sodass wir diesbezüglich unter den Digital-Verbänden die Speerspitze bilden werden. 
CW: Was nehmen Sie sich für Ihr zweites Jahr als Swico-Chefin vor und welche Ziele haben Sie sich gesetzt? 
Bellaiche: Was uns momentan unverhältnismässig stark beansprucht, ist die laufende Revision der VREG (Ver­ordnung über die Rückgabe, die Rücknahme und die Ent­sorgung von elektrischen und elektronischen Geräten; Anm. d. Red.). Dafür verwenden wir einen grossen Teil unserer Ressourcen. Mein Ziel ist es, diese auf einen guten Weg zu bringen. Wenn mir das nur halbwegs gelingt, dann bin ich schon sehr froh.
Betonen möchte ich schliesslich noch, dass Swico ein sehr agiler Verband ist. Wir verfügen über einen Gestaltungsspielraum, mit dem wir uns absetzen können. Und mit unseren Mitgliedern pflegen wir eine sehr dynamische Grundhaltung. Ich bin überzeugt, dass wir mit ihnen noch grosse Sprünge machen können. Es liegen so viele Möglichkeiten vor uns, die Digitalisierung in die Öffentlichkeit und die Politik zu tragen. Da hilft uns sicherlich auch die Situation der letzten Monate. Denn jede Krise ist letztlich auch eine Chance. Für die ICT ist die Corona-Krise ein Sprungbrett. Ich hoffe, dass alle unsere Mitglieder das auch so sehen und mit uns an einem Strang ziehen, damit sich die Branche schnell wieder aufrappelt und sich nachhaltig positioniert.
Zur Firma
Swico
ist der Wirtschaftsverband der Schweizer ICT- und Online-Branche. Er vertritt die Interessen etablierter Unternehmen und von Start-ups in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Gegründet wurde Swico im Jahr 1940. Heute zählt der Verband über 650 Mitglieder, die insgesamt rund 56 000 Mitarbeitende beschäf­tigen und jährlich einen Umsatz von 40 Milliarden Franken erwirtschaften. Vertreten sind Unternehmen aus den Bereichen Hardware, Software, Hosting, IT-Services, Consulting, Heimelektronik, Digitalmarketing und -kommunikation sowie auch solche aus der Foto-, Film- und Druckbranche.


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