«Für die ICT ist die Corona-Krise ein Sprungbrett»

Covid-19 beschäftigt Politik und ICT-Branche

CW: Anfang bis Mitte Juni fand die Sommersession statt. Welches politische Thema beschäftigte Sie am meisten? 
Bellaiche: Natürlich die Corona-Tracing-App – darauf habe ich mich wirklich gefreut. Sie ist ein Vorzeigeprojekt für die Digitalisierung im Parlament. Schliesslich kommt es nur sehr selten vor, dass man über ein digitales Produkt, über etwas so Konkretes abstimmen kann. 
CW: Wie nahmen Sie den Prozess rund um die App wahr? Hätten Sie sich eine raschere Einführung gewünscht? 
Bellaiche: Wir handelten aus meiner Sicht richtig, zuerst eine saubere Grundlage zu schaffen. Denn aus dem öffentlichen Diskurs konnte man herauslesen, dass die Technik zwar wichtig, die Rahmenbedingungen aber noch viel zentraler sind. Wenn die Bevölkerung ein schlechtes Bauchgefühl hat, entweder aus Angst vor staatlicher Über­wachung oder einem möglichen Lohnausfall, dann gilt es, das erst zu klären. Deswegen hat es sich gelohnt, diese Grundlagen auszuarbeiten. 
CW: Ansonsten droht dieselbe Situation wie in den USA mit den aktuellen Demonstrationen. Dort fehlen nach wie vor Gesetze, die Strafverfolgungsbehörden den Zugriff auf Daten untersagen, die von Contact-Tracing-Apps erhoben werden … 
Bellaiche: Das Problem dabei ist, dass dadurch ein all­gemeines Misstrauen in die Technik befeuert wird. Hierzulande haben wir ohnehin eine relativ hohe Technologie­skepsis. Deshalb war es mir sehr wichtig, die App auf ein gutes Fundament zu stellen, damit die Angelegenheit nicht nach hinten losgeht. Es zeigt sich, dass ein Projekt technisch noch so einwandfrei sein kann: Am Ende sind aber dennoch die Rahmenbedingungen und die Transparenz entscheidend für die Akzeptanz von digitalen Hilfsmitteln.
CW: Inwiefern konnten Sie sich in den Diskurs rund um die Einführung der Swiss-Covid-App einbringen?
Bellaiche: Via Twitter wurde die Thematik etwa breit diskutiert. Dort schalteten sich jene ein, die sehr skeptisch gegenüber der Datensammlung sind, aber auch solche, die ein Obligatorium fordern. Aufgrund der Meinungsvielfalt war dieser Kanal für mich sehr wichtig – wie auch die Medien. Ein Interview, das ich einer Tageszeitung gab, löste etwa ein recht grosses Echo aus. Und nicht zuletzt gelang es unserer Fraktion, meinungsbildende Elemente einzubringen.
CW: Schwenken wir zur ICT-Branche. Anfang Jahr standen gemäss dem von Swico publizierten ICT Index noch alle Zeichen auf Wachstum. Dann kam der Corona- bedingte Absturz. Wie hat die Branche darauf reagiert? 
Bellaiche: Im April lief es ganz schlecht. Allerdings muss man die Situation im Kontext des Lockdowns betrachten. Da sind alle ins Schwimmen gekommen und wussten nicht, wie lange dieser anhalten wird. Und nicht zuletzt ist der Swico ICT Index ein Prognose-Instrument, ein Stimmungsbarometer. Und im April war die Stimmung einfach sehr schlecht. Bei vielen Verbandsmitgliedern riefen wir persönlich an. Sie berichteten uns von abgesagten Sitzungen und Akquisitionsterminen sowie Pitches, die nicht mehr möglich waren. In dem Kontext ist der Absturz auch zu lesen. Im Mai gab es dann bereits eine Erholung (siehe Kasten; Anm. d. Red.). Die Infektionswelle flachte langsam ab, die Leute schöpften Hoffnung und wurden optimistischer.
CW: Seit April wird der Swico ICT Index monatlich pu­bliziert, vorher nur quartalsweise. Weshalb?
Bellaiche: Im Lockdown entschieden wir uns sofort dafür. So erhalten unsere Unternehmen sehr früh eine Indikation über eine mögliche Erholung. Und momentan sind ja auch mehr Fachkräfte auf dem Markt. Wenn man dann das Geschäft wieder ankurbeln will, hat man so die Möglichkeit, schnell zu reagieren. 
CW: Wie kamen eigentlich die Lockdown-Massnahmen in der Branche an? 
Bellaiche: Diesbezüglich erhielten wir einige Beschwer- den – vor allem von kleineren Unternehmen. Aber insgesamt war das Verständnis vorhanden. Einerseits ist die Umstellung auf Home Office in unserer Industrie vergleichsweise niederschwellig und andererseits war dieser Weg allen lieber, als noch mehr Infektionen zu riskieren. Allerdings drängten unsere Mitglieder auf eine möglichst schnelle Öffnung. Glücklicherweise dauerte der Lockdown nun doch weniger lange an, als man ursprünglich befürchtet hatte. Schliesslich rechnete man zunächst noch mit einem Peak Ende Mai. In Kombination mit dem Kurzarbeitssystem können die Unternehmen so nun wieder aufs Gaspedal drücken. Wir rieten deshalb auch allen, dieses Angebot zu nutzen. 
CW: Inwiefern wirkte sich die Corona-Krise auf die Tätigkeit von Swico aus? 
Bellaiche: Im Verbandsumfeld gab es unterschiedliche Reaktionen. Einige wurden plötzlich ganz ruhig, wir machten das Gegenteil. Unter anderem erhöhten wir unsere Mailings, stellten mehrmals pro Woche News zu diesem Thema auf unsere Homepage und boten den Mitgliedern an, uns zu kontaktieren. Das wurde sehr geschätzt. 
Swico ICT Index
Die Branche blickt wieder hoffnungsvoll nach vorne
Die Corona-Krise hat man in der Schweizer ICT-Branche noch nicht verdaut. Aber allmählich geht es wieder bergauf. So rechnet die Branche für die kommenden drei Monate erneut mit einer Verbesserung der Lage, wie der jüngste Swico ICT Index zeigt. Er misst die Konjunkturaussichten der Schweizer ICT-Branche. Im Juni 2020 liegt der ICT Index bei 83,5 Punkten. Im Vergleich zum Mai und April kletterte dieser um rund 7 respektive 17 Punkte. Damit liegt er zwar nach wie vor unter der Wachstumsgrenze von 100 Punkten, nähert sich dieser aber schrittweise an. 
Den markantesten Anstieg verzeichnen gemäss dem ICT Index die Segmente «Consumer Electronics» (75 Punkte/+30,3) und «Imaging/Printing/Finishing» (61,6 Punkte/+22,3). In der IT-Branche kratzt das Segment «IT-Services» (95,2 Punkte/+11,8) schon fast an der Wachstumsgrenze. Aufwärts geht es auch in den Bereichen «Software» (85,3 Punkte/+6,9) und «Consulting» (83,7 Punkte/+6,6). Verhältnismässig langsam verbessern sich die Aussichten im Segment «IT- Tech­nology» (64,1 Punkte/+3,3). Denn trotz allem verunsichert Covid-19 die ICT-Branche laut Swico weiterhin. Man kämpfe nach wie vor mit Kundenakquise, Projekt­verzöge­rungen und -stopps sowie einer geringeren Nachfrage.


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