Digital Home 29.01.2019, 10:20 Uhr

«Digitale Transformation ist der falsche Begriff»

Das Familienunternehmen Vorwerk wirtschaftete seit Jahrzehnten erfolgreich mit analogen Geräten. Neu verdient der Konzern auch viel Geld mit digitalen Produkten und Services, sagt Vice President Digital Julius Ganns im Interview.
Julius Ganns hat mit seinem Team den Thermomix um ein digitales Ökosystem ergänzt
(Quelle: Stefan Walter / NMGZ )
Die Küchengeräte und Staubsauger des Industriekonzerns Vorwerk wurden lange Jahre ausschliesslich über Handelsvertreter vertrieben. Das Geschäft wurde zwar elektronisch unterstützt, einen digitalen Geschäftsprozess gab es aber nicht. Das änderte sich mit der Gründung von Vorwerk Digital: Neu können Besitzer des «Thermomix» via Internet Rezepte auf ihre Küchen­maschine laden. Ein Millionengeschäft. Wie es dazu kam, skizziert der Vice President Digital, Julius Ganns, im Interview mit Computerworld.
Computerworld: Wie sind der Konzern Vorwerk und Vorwerk Digital in der Schweiz aufgestellt?
Julius Ganns: Vorwerk ist bereits seit den 1970er-Jahren in der Schweiz präsent. Ein Grund für die Niederlassung des deutschen Familienunternehmens war damals die Nähe zu den wichtigsten Märkten. Durch die zentrale Lage in Europa sind auch die Länder im Süden gut zu erreichen – Italien, Spanien und Portugal sind neben Frankreich und Deutschland sehr wichtige Märkte für uns. Ein zweiter Grund ist und bleibt die Internationalität: Vorwerk International ist in Wollerau – temporär in Freienbach – angesiedelt. Dort sind Menschen aus der Schweiz, aus Italien, aus Frankreich, aus Deutschland, aus Irland, aus Australien und vielen anderen Nationen beschäftigt.
Die beiden grossen Geschäftsbereiche des Vorwerk-Konzerns – Thermomix und Kobold – werden seit Jahrzehnten aus der Schweiz heraus geführt. Vor sechs Jahren, 2012, bin ich zu Vorwerk in die Schweiz gekommen. Mein damaliger Chef, Kai Schäffner, hatte eine Vision: Er wollte einen digitalen Thermomix bauen. Ausserdem schwebte ihm vor, dem schon sehr populären Küchengerät eine Art iTunes-Bibliothek für Rezepte an die Seite zu stellen.
CW: Gab es zu diesem Zeitpunkt bereits digitale Funktionen für den Thermomix?
Ganns: Nein. Die damals vierte Generation des Thermomix, TM31, hatte noch keine digitale Funktion. Unter der Regie von Kai Schäffner und unserem Leiter Produktentwicklung, Stefan Hilgers, ist erstmals überhaupt eine digitale Variante des Küchengeräts entstanden. In den allerersten Prototypen waren auch schon digitale Funktionen geplant, sie besassen aber zum Beispiel noch keinen Touchscreen. In der Marktforschung stellte sich heraus, dass die Kunden als Erstes probieren, auf das Display zu drücken, wenn sie eine Option auswählen sollen. Und so hat sich die aktuelle Generation des Thermomix entwickelt, die mittlerweile seit 2014 im Markt ist. Research hat bei uns – getrieben durch meine Kollegin Ramona Wehlig – ohnehin einen grossen Anteil am Erfolg des Geräts und der digitalen Lösungen.
CW: Waren Sie bereits an der Entwicklung beteiligt?
Ganns: Ich kam später hinzu, viele Grundlagen in der Hardware und erste Schritte in der Software waren schon gemacht. Die Software auf dem Gerät steckte aber noch in den Kinderschuhen. Auch hatte sich Vorwerk damals noch nicht für die digitale Welt aufgestellt. Das waren dazumal die ersten Schritte in Richtung agiler Software-Entwicklung, in Richtung digitaler Architektur, in Richtung Product Ownership, in Richtung Service Design und digitaler Customer Experience für Vorwerk.
CW: Wann kam das Ökosystem hinzu?
Ganns: Parallel zum Thermomix kam die erste Version – das war 2014. Wir – das waren neben Ramona, Stefan und mir auch noch unsere Kollegin Sandra Jossien aus dem Marketing – haben die Lösungen entworfen und die wichtigsten Projekte selbst geführt. Programme dieser Grössen­ordnung sind immer Teamwork, auch und insbesondere in der Führung. Man muss sehr viele Perspektiven berücksichtigen und Hunderte Leute koordinieren. Zum Start 2014 hatten wir noch keine Konnektivität für den Thermomix – die kam dann 2016 im Upgrade mit dem Cook-Key. Da liefen die ersten Prototypen aber auch schon Jahre zuvor, sodass die Entwicklungsrichtung klar war.
CW: Mit welchen Digitalfunktionen ist das Gerät damals lanciert worden?
Ganns: Vor der Einführung des Cook-Keys – mit dem auch ein grosses Software-Update kam – nutzte das Gerät seine Schnittstelle für Rezept-Chips, die zusammen mit Koch­büchern verkauft wurden. Wenn der Kunde die Chips mit dem Thermomix verbunden hat, wurden die Rezepte an­gezeigt. Parallel liess sich der Chip auf einer Web-Plattform registrieren, sodass die Rezepte beispielsweise auch für die Einkaufsliste zur Verfügung standen. Nach dem sehr erfolgreichen Verkaufsstart des Thermomix TM5 hatten wir im digitalen Bereich schnell neue He­rausforderungen: Stabilität der Plattform, Bewertung der App und so weiter. Anfangs hatte die App eine User-Bewertung von zwei Sternen. Mittlerweile haben wir nur für die aktuelle Version Zehntausende Bewertungen und fünf Sterne. Auf diese Reise mussten wir aber gehen, um letztendlich ein qualitativ hochwertiges Digitalprodukt zu erreichen und dann 2016 den Cook-Key nachzuliefern.
Zur Person
Julius Ganns
verantwortet seit Anfang 2017 die Leitung des Geschäftsbereichs Vorwerk Digital als Vorsitzender des Digitalen Management Boards. Bei dem deutschen Familienunternehmen ist er seit 2012 beschäftigt und leitete seitdem grosse Initiativen rund um Digitalisierung, Produkt­innovation und den Kulturwandel zu mehr Agilität. Davor hatte Ganns mehrere leitende Positionen bei Agenturen und internationalen Beratungshäusern inne.


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