«Digitale Transformation praktiziere ich seit 20 Jahren»

Inventur auf Knopfdruck?

CW: Apropos Verkauf ankurbeln. Kommuniziert Ihr Lager automatisch mit den Lieferanten, wenn sich ein Lagerbestand dem Ende nähert?
Dätwiler: Ich gebe Ihnen recht, dass hier viel Potenzial für Digitalisierung und Optimierung brachliegt. Aber nein, für unseren Betrieb wäre eine solche Technologie zu aufwendig umzusetzen. Als Schweizer KMU mit beschränkten Ressourcen und einer grossen Anzahl an Lieferanten, die auf der ganzen Welt verteilt sind, lässt sich die von Ihnen skizzierte Lösung nicht realisieren. Und selbst wenn wir bereit wären: Viele der Lieferanten sind bei der IT-Unterstützung ihres Geschäfts noch lange nicht auf dem Stand, der eine automatisierte Bestellung erlauben würde. Uns würde es schon sehr helfen, wenn nur schon Artikelstammdaten von allen Lieferanten sauber und vollständig vorliegen würden. Dem ist aber oft nicht so. Wir müssen noch viele Ergänzungen vornehmen, sei es bei Abmessungen oder Artikelbeschrieben.
Die Sombo-IT von Roman Dätwiler verwaltet ein Lager mit über 10'000 Artikeln
Quelle: Stefan Walter/NMGZ
CW: Sie haben den Lagerbestand in Echtzeit angesprochen. Klappt bei Sombo die Inventur auf Knopfdruck?
Dätwiler: Nein, auch das ist Zukunftsmusik, aber ich warte seit 20 Jahren auf dieses Szenario. Damit es Realität wird, müsste jeder Artikel mit einem RFID-Chip ausgerüstet sein. Dann könnten wir wohl mit einem Scanner durch das Lager wandern und anschliessend den Bestand im ERP ablesen. Leider sind derartige Chips immer noch zu teuer, sodass sich das elektronische Markieren von Artikeln im Wert von wenigen Franken oder gar Rappen nicht lohnt. Für eine Inventur müssen wir also weiterhin die mehr als 10'000 Artikel an rund 12'000 Palettenplätzen einzeln zählen und die Resultate manuell in das ERP eingeben.
CW: Nun steht das Jahresendgeschäft an. Nutzen Sie die Verkaufsdaten für die vorrausschauende Planung?
Dätwiler: Die Analytik wäre spannend, wenn wir den Endkundenmarkt bedienen würden. Da wir aber ein reiner Grosshändler sind, verlassen wir uns auf den Bedarf des Detailhandels, allgemeine Trends und eigene Prognosen. Bei der Planung kalkulieren wir seit dem Beginn der Pandemie die Unsicherheit in den Lieferketten ein. Das ist unsere Strategie, die bisher aufgegangen ist. Nun sind für das Jahresendgeschäft unsere Lager prall gefüllt, damit wir auch bei Verzögerungen bei den Herstellern lieferfähig bleiben. Durch die erhöhte Nachfrage während und nach der Krise sind auch die Preise gestiegen. Indem wir rechtzeitig reagiert haben, können wir zuverlässig liefern und auch das Preisniveau für unsere Kunden attraktiv halten.



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