KPMGs Christian Walch 29.09.2021, 08:00 Uhr

«SAP-Migration sollte kein reines IT-Projekt sein»

Das Beratungsunternehmen KPMG ist in einige SAP-Projekte bei Schweizer Firmen involviert. Der Experte Christian Walch warnt davor, die ERP-Migration als reines IT-Projekt anzusehen.
Christian Walch von KPMG berät Schweizer Unternehmen bei SAP-Projekten
(Quelle: KPMG Schweiz)
Die grösseren Schweizer Unternehmen setzen bei den Geschäftsanwendungen vielerorts auf SAP-Software. Die Finanzdaten und -prozesse stellen bei der Migration auf die aktuelle S/4Hana-Version teilweise ein Betriebsrisiko dar. Denn das Geschäft muss nach dem Wechsel reibungslos weiterlaufen. Können Prozesse in dem neuen System nicht adäquat abgebildet werden oder fehlen Schnittstellen für die aufbewahrungspflichtigen Daten, kann eine Migration schon einmal ins Stocken geraten. Christian Walch, früher SAP und heute KPMG Schweiz, hat dutzende solcher Projekte begleitet und dabei geholfen, sie letztendlich erfolgreich abzuschliessen.
Walch arbeitet in der Schweiz mit einem wachsenden Team von SAP-Spezialisten, wie er im Gespräch mit Computerworld sagt. Als Wirtschaftsprüfungsgesellschaft verfüge KPMG oftmals schon über bereits bestehende Kontakte zu Führungskräften der Kunden. In einigen Fällen kämen die Kunden wegen einer Beratung bei der Einführung von Neu-Systemen auf KPMG zu, in anderen Fällen wegen der Datenmigration aus Legacy-Systemen. In den vergangenen fünf Jahren hätten 70 Prozent der Anfragen bei KPMG Schweiz die Einführung respektive Migration von ERP-Systemen und die übrigen 30 Prozent die Datenmigration betroffen, berichtet er. Heute seien ein Drittel der Projekte «Greenfield»-Installationen, bei denen der Kunde seine Altsysteme abschaltet und auf der «grünen Wiese» eine komplett neue Lösung aufbaut.
Bei der Einführung und Migration von ERP-Lösungen wünschten sich die Fachbereiche nach Aussage Walchs mindestens eine 1:1-Abbildung der bisherigen Funktionalitäten. «Die Kunden sind oftmals mit den bestehenden Prozessen zufrieden. Wenn man die Abläufe im Zuge eines Projekts dann aber analysiert, entpuppen sich manche als ‹PowerPoint-Prozesse›», führt er aus. Die Abläufe funktionierten zwar, sie setzten aber viele manuelle Arbeiten voraus. An eine Automatisierung sei dann nicht zu denken, da niemand die tatsächlichen Abhängigkeiten und Vorgehensweisen wirklich kenne. Walch empfiehlt deshalb: «Ein ERP-Projekt – ob Einführung oder Migration – sollte nicht als ein reines IT-Vorhaben geplant werden. Vielmehr muss es eine Business-Transformation sein, die von der Informatik unterstützt wird.» Nur so könne das Maximum aus einer ERP-Lösung herausgeholt werden.
Zur Person
Christian Walch
ist seit fünf Jahren als Director bei KPMG Schweiz tätig. Dort berät er Kunden im Bereich Enterprise Applications mit Fokus auf den «Regional Market» Gesamtschweiz. Zuvor war er während drei Jahren bei zwei SAP-Partnern angestellt sowie mehr als sechs Jahre in leitenden Funktionen bei dem ERP-Weltmarktführer selbst. Walch besitzt einen Abschluss in Wirtschaft von der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien im deutschen Calw. Neben seiner Tätigkeit bei KPMG lehrt er an mehreren deutschen Universitäten.

Cloud und Wartungszusage

Die Frage nach der heute bevorzugten Plattform für die geschäftskritischen Anwendungen beantwortet Walch: «Cloud wird von den Schweizer Kunden stark nachgefragt, allerdings nicht unbedingt SAPs Hana Cloud. Die Verwaltungsräte bevorzugen teilweise die Schweizer Cloud.» Hier könne KPMG zusätzliche Dienstleistungen anbieten, beispielsweise Gutachten erstellen über die Notwendigkeit der lokalen Datenhaltung innerhalb der Landesgrenzen. Denn in bestimmten Branchen, so Walch, könne durchaus auch ein Rechenzentrum im EU-Raum infrage kommen. Und selbst international tätige Unternehmen müssten wiederum je nach Sparte einen Schweizer Anbieter wählen.
Für die Projekte nutzt KPMG selbst auch Ressourcen im Ausland. «Die Kunden sollen die bestmöglichen Experten für ihr Projekt remote oder auch vor Ort nutzen können», begründet er. Für die öffentlichen Verwaltungen werde zum Beispiel intensiv mit den Kollegen in der deutschen Niederlassung zusammengearbeitet, im Gesundheitswesen mit Italien. Weiter unterhalte KPMG ein SAP-Labor in Bulgarien mit rund 400 Mitarbeitern und ein globales SAP-Lieferzentrum in Indien mit über 5000 Angestellten. Trotz dieses scheinbar unerschöpflichen Personalreservoirs, doppelt Walch nach, suche KPMG wie alle Marktbegleiter immer Talente mit Know-how in Business Consulting und IT sowie mit SAP-Erfahrung.

Wartungsverlängerung

Wegen des ursprünglich angekündigten Wartungsstopps für das R/3-System im Jahr 2025 hatten einige Marktbeobachter mit einem Projektstau gerechnet – auch aufgrund des fehlenden Personals. Denn zu viele Firmen hätten in kurzer Zeit ihre bestehenden Business-Systeme migrieren oder neu aufsetzen müssen. «Wegen des Termindrucks gab es eine hohe Unzufriedenheit bei den Kunden», berichtet Walch. Als SAP im Frühjahr vergangenen Jahres angekündigt hatte, Support für die Altsysteme bis mindestens 2030 zu gewährleisten, fiel einigen IT-Verantwortlichen offenbar ein Stein vom Herzen. «Nun sind die Kunden sehr erleichtert über die zusätzliche Zeit, und auch über die Weiterentwicklung des Nachfolgeprodukts S/4.»
Hingegen sieht Walch die Anfang Jahr lancierte Initiative «Rise with SAP» als ausbaufähig an. Erste erfolgreiche Transformationen sind mit Finanzprozessen in der Cloud möglich, andere Komponenten werden nach und nach bereitgestellt. Ein wichtiges Beratungsangebot von KPMG für die Schweizer Kunden stellt derzeit auch die Optimierung des Software Asset Managements für SAP-Lösungen dar, insbesondere Lizenz-Fragestellungen.



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