10.06.2016, 16:09 Uhr

Der Game Changer Blockchain

Ist die Blockchain einfach nur ein neuer Hype, der bald vergessen sein wird? Oder ist die dezentral aufgebaute Datenbanktechnologie eine bahnbrechende Innovation?
So hatte sich das der Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto (ein Pseudonym) Ende 2008 sicher nicht vorgestellt: Seine Währungstechnologie war eigentlich als subversives Gegengewicht zu den grossen Playern der Wirtschaft geplant, vor allem Banken sollten überflüssig werden. Doch gerade die gehören heute zu den emsigsten Erforschern der Technologie, die auf ­Nakamotos Ideen aufbaut. Basis von Bitcoin ist das Prinzip der Blockchain: In einer dezentralen Datenbank werden anstehende Transaktionen von angebundenen Rechnern auf ihre Legitimität hin überprüft und alle zehn Minuten in einen digitalen Block gepresst. Der wiederum wird an die Kette der anderen Transaktionsblöcke angehängt. Der Bitcoin selbst hat sich zwar nicht wirklich durchgesetzt, die Technologie hinter der Cyberwährung sorgt aber trotzdem für Furore. Der Grund: Irgendwann wurde klar, dass sich die Blockchain für sehr viel mehr nutzen lässt als nur für Geldtransfers. Wenn man den Bitcoin als eine Art Transportwährung zweckentfremdet, lassen sich ­andere Werte via Blockchain mit der jeweiligen Bitcoin-Transaktion gleich mittransferieren. Der jeweilige Wert wird dabei mit ­einem bestimmten Coin oder einem Teil davon verknüpft. Zudem lassen sich «Smart Contracts» bauen - Computerprotokolle, die Vertragsregeln automatisch ausführen. Die Idee bei den Blockchain-Konzepten ist es stets, Intermediäre überflüssig zu ­machen, die bei vielen Transaktionen und Prozessen als vertrauenswürdige Instanz zwischen­geschaltet werden. Das können Notare und Anwälte sein, Clearing-Stellen bei Überweisungen oder zentrale Internet-Plattformen wie etwa Uber.

Banktransaktionen schneller machen

Am grössten sind die Erwartungen zurzeit in der Bankbranche. Alle bedeutenden Geldinstitute haben mittlerweile eigene Labs oder Schwerpunkte zur Erforschung der Blockchain. Das New Yorker Start-up R3Cev will einen gemeinsamen Blockchain-Standard für Finanzinstitute entwickeln. Die grössten globalen Akteure der Branche sind an R3Cev beteiligt: UBS ­etwa, die Deutsche Bank, Goldman Sachs und Unicredit. Im Raum steht eine Schätzung der spanischen Banco Santander, nach der die Branche mithilfe der Blockchain jährlich 20 Milliarden US-Dollar an ­Infrastrukturkosten sparen könnte.
Bernd Richter, langjähriger Branchenkenner und Banking-Experte, sieht viele Einsatzszenarien: «Potenziell jede Transaktion lässt sich über die Blockchain abwickeln. Jedes Konzept, bei dem ein Dritter in der Mitte eine Transaktion managt, könnte obsolet werden, egal ob es um Zahlungsverkehr geht, um Wertpapierhandel oder um das Akkreditivgeschäft.» In den letzten 30 Jahren habe man jeweils auf schwerfällige, zentralisierte Systeme gesetzt und die kaum wirklich modernisiert. Jetzt komme eine Technologie, die das Zentralitätsprinzip ad absurdum führt. Wertpapiertransaktionen und der normale Zahlungsverkehr könnten in wenigen Sekunden oder gar in Echtzeit abgewickelt werden, glaubt Richter. Er denkt auch an den Einsatz von Smart Contracts für das Akkreditivgeschäft - durch Banken abgesicherte globale Handelsgeschäfte, bei denen die Partner eine Kontrollinstanz ­benötigen. Üblicherweise fliessen hier Teilbeträge, wenn eine Lieferung eine ­definierte Zwischenstation passiert. Dabei laufe vieles noch manuell ab, so gebe es ­etwa Banken, die per Telex mitteilen, dass eine Ware X den Hafen Y erreicht hat. Mit Smart Contracts liesse sich das automatisiert und deutlich eleganter lösen. Lesen Sie auf der nächsten Seite: Alles lässt sich über die Blockchain «sharen»

Rechtemanagement für Musikindustrie

Die Musikindustrie gilt als ähnlich verschlafen, gefangen zwischen den Ansprüchen grosser Rechteinhaber-Instanzen. Das vor einigen Jahren mit grossen Erwartungen gestartete Projekt einer Global-­Repertoire-Datenbank war 2014 an eben diesen Partikularinteressen von Labels, Musikverlagen und Verwertungsgesellschaften gescheitert. Das US-Start-up Ujo will eine Blockchain-basierte Repertoire-Datenbank aufbauen, in die Musiker ihre Songs mit allen nutzungs- und lizenzierungsrelevanten Metadaten einpflegen. Es wird festgelegt, wie viel ein Download oder ein Stream durch einen User kostet, ein Remix durch einen Kollegen, und welche Konditionen für die Verwertung durch andere Streaming- oder Download-Plattformen gelten. Zudem werden stets «Revenue Splits» definiert. Sobald Erlöse auflaufen, werden sie in Echtzeit anhand des vorgegebenen Schlüssels ausgeschüttet. Ujo befindet sich noch in einer ­geschlossenen Alphaphase. Bisher gibt es eine Pilotnutzerin, die technikbegeisterte britische Sängerin Imogen Heap hat einen Song eingestellt. Das Geld, beispielsweise 0,60 US-Dollar-Cent für einen Download ­ihres Lieds «Tiny Human», würde an sie ­gehen, an den Tonmeister und die Streicher der jungen Deutschen Philharmonie, die ihren Song untermalt haben. In diesem Revenue Split tauchen klassische Intermediäre wie Labels oder Musikverlage gar nicht mehr auf. Mit der Blockchain lassen sich die Kräfteverhältnisse in der Musikbranche grundsätzlich verändern, meint Jesse Grushack, Projektleiter von Ujo. «Die Blockchain-Technologie wird die Branche stark verändern, denn sie wird die überflüssig machen, die mehr Wert abziehen, als sie selbst bereitstellen.» Wenn Musiker über die Blockchain direkter und effizienter mit ihren Fans interagieren können, lasse sich so dafür sorgen, dass sie fairer als bisher an den Erlösen ihrer Werke beteiligt werden, meint Grushack. «Wir sind der Meinung, dass Künstler nicht hungern sollten, und die Produktionsfirmen sollten nicht mehr verdienen als die Künstler selbst. Wir glauben an eine faire und transparente Musikindustrie.»

Alles lässt sich über die Blockchain «sharen»

Andere Unternehmer glauben, dass sich die noch junge Sharing Economy mithilfe der Technologie neu aufstellen liesse. Das Start-up Slock.it mit Sitz im sächsischen Mittweida baut auf die Dienste des Blockchain-as-a-Service-Anbieters Ethereum auf. Geplant ist ein kleiner Computer, eine Art Universalzugang zur Blockchain, erzählt Christoph Jentzsch, Mitgründer und CTO von Slock.it: «Der Ethereum-Computer ermöglicht, alle denkbaren Smart Devices über die Blockchain zu steuern und über die gleiche Infrastruktur auch Geldzahlungen zu empfangen. So liesse sich ein Smart Lock einer Wohnungstür, an einem Fahrrad oder einem Schliessfach steuern, ein Autoschloss oder auch eine Steck­dose.» Ein im wahrsten Sinne des Wortes Internet der Dinge soll entstehen, über das lange nur geredet wurde. Alles, was sich per smartem Schloss an- und aufschliessen lässt, könnte Teil einer deutlich dezentraleren Sharing Economy werden.

Smart Contracts statt klassischer Verträge

Sollten sich «smarte Verträge» durchsetzen, die beim Vorliegen bestimmter Parameter - per Rechner-Netzwerk auf ihre Legitimität überprüft - automatisch ausgeführt werden, könnte eine Branche verändert werden, die bisher grösstenteils von der digitalen Umwälzung verschont geblieben ist: die der Anwälte und Notare. Das US-Start-up Smartcontract.com bietet verschiedene Blockchain-basierte Vertragstypen an. Es gibt etwa einen Grundstücksvertrag, bei dem der Kaufpreis vom Blockchain-Treuhandkonto fliesst, sobald der neue Eigentümer im Grundbuch vermerkt wurde. Der sonst übliche - und ­teure - Gang zum Notar wird überflüssig. Bei einem Liefervertrag wird der Weg der Ware von der Blockchain per GPS-Signal getrackt. Und auch SEO-Aufträge an Dienstleister lassen sich per Smart Contract regeln - der entsprechende Vertrag ist per Webformular mit wenigen Klicks erstellt. Ein Webseitenbetreiber nennt das anvisierte Keyword, die Google-Länderausgabe (also Google.com oder Google.de) und die Ranking-Position. Er überweist Geld auf ein Treuhandkonto. Ist das entsprechende Ranking erreicht, fliesst der Betrag an die SEO-Agentur. Ein klassischer schriftlicher Dienstleistungs- oder Werkvertrag ist bei diesem Szenario nicht mehr notwendig. Lesen Sie auf der nächsten Seite: «Ein radikal neuer Ansatz»

«Ein radikal neuer Ansatz»

Steffen von Blumröder, Bereichsleiter Banking, Financial Services & Fintechs beim deutschen Branchenverband Bitkom, berichtet über ein immenses Interesse an der Technologie bei Bitkom-Mitgliedsunternehmen. Es gebe schon grosse Anwaltskanzleien, die zur Blockchain forschen. Und er schätzt, dass sich im Moment etwa 60 Prozent der Player aus der Finanzenwelt und auch der Technologieberatungen ­intensiver damit beschäftigen. Jede Branche schaue, inwiefern sie die Blockchain in ihr Geschäftsmodell integrieren kann. «Ich sehe die Blockchain einfach als ­Supertechnologie. Sie ist ein totaler Game Changer, mit einem radikal neuen ­Ansatz.» Kann die Blockchain mit ihrem dezen­tralen Ansatz tatsächlich die Dominanz der zentralen Netz-Oligopole brechen? Das wird nicht automatisch passieren, glaubt von Blumröder: «Die Marktmacht, die sich die Grossen aufgebaut haben, wird nicht einfach so verschwinden. Es ist nicht so, dass sich die grossen Internet-Plattformen in ihren Labs nicht darüber Gedanken machen, wie sie das adaptieren können.» In den ersten Jahren waren die ­grossen Firmennamen im Bitcoin/Blockchain-System nicht präsent, mittlerweile sind sie es aber schon. Microsoft arbeitet an ­einer Integration von Blockchain-Diensten in seine Cloud-Plattform Azure. Auch die Giganten IBM und Intel planen eigene Blockchain-Lösungen. Wie genau die Technologie sich auswirken wird, lässt sich derzeit ­bestenfalls erahnen. Eigentlich alle Konzepte befinden sich noch in den Kinderschuhen. Oft ist man noch in einer ­geschlossenen Alphaphase oder einer ­Betaphase mit wenigen Pilotnutzern. Manchmal gibt es nicht mehr als ein visio­när formuliertes Whitepaper. «Es ist noch ein sehr junges Ökosystem und es professionalisiert sich aktuell. Ich gehe aber ­davon aus, dass wir in den nächsten zwei Jahren einige sehr vielversprechende ­Ansätze sehen werden», meint von Blumröder. Welche Dienste und Geschäftsmodelle es tatsächlich geben wird, sei heute noch nicht wirklich abzusehen. Aber er hält es doch für gut möglich, dass aus dem Hype - irgendwann ein wirkliches Mainstream-Thema wird.


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