Remo Rossi, Netapp 16.11.2017, 08:00 Uhr

«Wir wollen die Data Authority unserer Kunden werden»

Kundenstruktur, Mitbewerber, Technik: Netapps Geschäft verändert sich drastisch. Wie der Anbieter von Datenmanagement darauf reagiert, erklärt Remo Rossi, Director Switzerland bei Netapp.
Remo Rossi, Director Switzerland: «HCI ist das am schnellsten wachsende Segment im IT-Markt.»
Wie läuft das Geschäft für Netapp Schweiz? Remo Rossi: Wir haben ein gutes Fiskaljahr 2017 hinter uns. Dieses endete im April. Auch mit dem Verlauf des aktuellen Geschäftsjahres sind wir zufrieden. Gegenüber dem letzten Jahr sind wir 8 Prozent gewachsen und das in einem schrumpfenden Markt. Die DACH-Region ist ein Schlüsselmarkt für Netapp und gilt als Indikator für die Geschäftsentwicklung des Unternehmens. So betrachtet, sind wir sehr zufrieden mit dem Geschäftsverlauf. Wir sind die Nummer eins in den Bereichen Flash und Enterprise Market Storage. Das belegen die regelmässigen Untersuchungen von Marktforschern wie IDC. Gemäss der Computerworld-Marktstudie «Top 500» dominiert Dell EMC das Storage-Geschäft. Über alle Segmente betrachtet, sind wir die Nummer zwei in der Schweiz. Hingegen sind wir in der Schweiz die Nummer eins am Markt für Enterprise Storage. Das belegen die jüngsten Zahlen von IDC. Wir wollen aber nicht einfach der Top-Brand am Markt werden. Wir arbeiten vielmehr da­ran, die Nummer eins für unsere Kunden zu sein. Wir wollen stark in Segmenten sein, von denen es früher hiess, wir seien in diesen kaum präsent. Zum Beispiel? Ein Beispiel hierfür ist die Flash-Technik. Früher sah man Start-ups wie Pure Storage und andere Herausforderer als Top-Hersteller in diesem Bereich. Gemessen am Umsatz, sind wir inzwischen stärker am Markt unterwegs. Pure Storage ist nicht der einzige Heraus­forderer. Im Silicon Valley arbeitet eine neue Generation von Storage-Anbietern, die Hersteller wie Netapp, HDS oder Dell EMC als Dinosaurier betrachten, deren Zeit vorüber ist. Wie reagieren Sie auf diese Herausforderer? Diese Start-ups helfen uns etablierten Anbietern, un­sere Geschwindigkeit bei der Produktentwicklung hoch zu halten. Viele der von Start-ups angebotenen Lösungen basieren auf Commodity-Produkten, bei denen es egal ist, welche Software darauf läuft. Wir werden uns aber stets auf unsere Kernkompetenz des Datenmanagements konzentrieren. Wir sind und bleiben eine Software-Company und wollen zur Data Authority für unsere Kunden werden. Was bedeutet das konkret? Daten aggregieren, verwalten und für analytische Prozesse anbieten. Das meinen wir mit Data Authority. Schneller Storage, wie ihn die jungen Start-ups bieten, ist mittlerweile nicht mehr unsere Kernkompetenz, sondern Mittel zum Zweck. Es geht uns darum, die künftigen Datenbedürfnisse von Unternehmenskunden zu verstehen und zu bedienen. Eine weitere Frage ist auch, wie lange es diese neuen Firmen gibt respektive wann sie von anderen Anbietern übernommen werden. Auch wir ergänzen unser Portfolio mit Start-ups, zuletzt etwa Solid Fire oder Greenqloud. Für Kunden stellt sich zudem die Frage nach der Investitionssicherheit. Diese er­übrigt sich bei einer Firma wie Netapp, die seit 25 Jahren am Markt ist. Ein weiterer Baustein unserer Strategie sind neue Lösungen wie Hyperconverged Infrastructure (HCI), auf denen immer mehr Workloads betrieben werden. In diesen Markt stieg Netapp erst spät ein. Der Start mag spät erscheinen. Netapp war im HCI-Geschäft aber bewusst kein Early Adopter. Wir beobachteten zunächst den Markt und übersprangen die erste Phase. Wir stiegen quasi bei Version 2.0 ein. Das war unser Vorteil. Dadurch konnten wir von den Herausforderungen lernen, die es am Markt gab. Bei unseren Systemen können Kunden einzelne Stacks skalieren. Das ging noch nicht bei den HCI-Systemen der ersten Generation. Wenn man mehr Rechenleistung benötigte, musste man eine weitere Box kaufen. In der Zwischenzeit wurden einige Anbieter der ersten Generation übernommen. Ist der HCI-Trend bereits wieder am Ende? Auch wenn schon eine Konsolidierung stattfand, hat HCI eine Zukunft. Insbesondere wenn man die Stacks, also Storage, Compute oder das Netzwerk einzeln skalieren kann. Es gibt aber noch weitere Herausforderungen. Eigentlich würde es Sinn machen, stark genutzte Workloads, etwa SAP-Instanzen, auf HCI-Systemen zu betreiben. Das ist in der Praxis allerdings noch nicht ganz so einfach wie in der Theorie. Beim Lösen dieser Probleme helfen uns die Erfahrungen aus dem Geschäft mit dem Flexpod. Welchen Stellenwert hat der Flexpod noch in Zeiten von HCI? Wir wachsen im Bereich Flexpod massiv, wie die Daten von IDC zeigen. Zum Wachstum trugen Neuanschaffungen bei, aber auch die Pflege bestehender Systeme. Wir unterstützen weiterhin den Lifecycle des Flexpods etwa mit neuer Software oder Konnektivitätslösungen. Die Nachfrage nach konvergierten Systemen belegt die Verschiebung von Work­loads in HCI-Lösungen. Allerdings liegen wir hinter Dell EMC mit den VCE-Systemen, das wollen wir auch überhaupt nicht beschönigen. Ist das HCI-Geschäft eher ein strategischer Ansatz, um nichts zu verpassen?  HCI ist eine Zukunftstechnologie, an die wir glauben. Sie wird Teil unseres Ökosystems für das Datenmanagement. HCI ist das am schnellsten wachsende Segment im IT-Markt. Alle Key Player arbeiten daran, die Produkte zu optimieren. Es wird sich zeigen, wie wir mit den Workloads wachsen können oder ob Kunden von dem Ansatz wieder abkommen. Inwieweit ist HCI eine Brückentechnik? Eine gute Frage. Ich denke, dass die Entwicklung weitergeht. Hierbei bildet HCI einen Zwischenschritt zu den nächsten Technologien. Was kommen wird, ist eine Kombination aus den Ansätzen Hybrid Cloud, On-Premises und Cloud-First. Im letzteren Bereich sehen wir, dass erste Kunden wieder zurückbuchstabieren. Der Trend geht inzwischen dahin, bestimmte Worklaods in die Cloud zu verlagern. Was heisst das für das Datenmanagement? Die Tendenz geht in Richtung Verwaltung und Analyse steigender Datenmengen. Das ist unumstösslich. Daten werden zum neuen Rohstoff. Dieser besitzt aber nur einen Wert, wenn man ihn nutzen kann, um Informationen zu gewinnen. Hier setzen wir an. Wir wollen die Data Authority werden für unsere Kunden. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine Veränderung bei uns, bei den Partnern und bei den Kunden. Wie hilft Netapp seinen Kunden bei der Analyse der Daten?  Wir enablen Cloud-Provider mit Hard- und Software. In vielen Bereichen geht es um Software. Kunden sind hier etwa Hyperscaler. Diese können Cloud-Ontap direkt über den AWS-Shop provisionieren. Wir sind heute ein Software-Anbieter. Wir offerieren Kunden verschiedene Lösungen, mit denen sie ihre Daten sammeln, halten und in der Cloud verteilen können. In diesem Zusammenhang reden wir auch von der Data Fabric. Welchen Mehrwert bietet die Data Fabric Ihren Kunden? Diese wollen ihre Daten möglichst einfach und günstig verschieben können. Immer mehr Kunden lösen sich von ihrer Cloud-first-Strategie, da die Kosten überhand nehmen. In der Cloud ist man schnell. Nur: Die Daten dort zu verwalten und analysieren ist etwas anderes. Inwiefern? Compute, ist ein zweckmässiger Ansatz für die Cloud-Nutzung. Unternehmen können Rechenleistung beziehen und nach Gebrauch den Service abbestellen. Daten können Sie hingegen einfach in die Cloud verschieben aber nicht immer einfach wieder herausholen. Dem Cloud Provider ist dabei egal, ob sie kalte oder oft genutzte Daten in der Cloud vorhalten. Das bedeutet, dass Datenhaltung in der Cloud teurer ist, als On-Premises. Wir helfen mit Cloud Ontap, Datenmengen und somit die Kosten für die Datenhaltung zu reduzieren. Kunden können unsere Technik über den AWS Marketplace direkt beziehen. Das ist der Weg den wir gehen: Weg vom Blech! Uns ist egal welcher Storage zu Grunde liegt. Es ist unsere Softwaretechnik, die wir zur Verfügung stellen. Dadurch bieten wir den Kunden einen Mehrwert, indem sie die günstige Compute-Leistung der Cloud nutzen können, aber kostengünstig Daten verwalten. Inwieweit haben ihre Kunden inzwischen verstanden, dass Netapp nicht mehr nur der Blech-Anbieter ist? Kunden, die uns lange kennen, wissen das bereits. Es ist aber auch der Job unserer Verkäufer, Kunden dieses Paradigma und den weiteren Weg aufzuzeigen. Denn es gibt jede Menge Business Cases, die wir unterstützen können. Wir sind aber nicht alleine. Wir kooperieren mit unseren Partnern im Ökosystem. Sei dies durch grosse Allianzen mit AWS oder Microsoft. Oder mit lokalen Providern wie etwa Swisscom. Der Telko bietet eigene Services an und ergänzt sein Portfolio mit unseren Angeboten. Wir sind am Markt führend was die Implementierung unserer Software auf den Speichern der verschiedenen Player betrifft. Das erzählen Ihre Mitbewerber auch. Natürlich. Man kann nicht nur die neuen Technologien ins Auge fassen. Es gibt Kunden, die werden auch während der nächsten Jahre traditionelle Speichertechnik einsetzen. Wir müssen den Firmen aber auch zeigen, was künftig machbar sein wird. Denn in Zukunft wird das Budget weniger von der IT-Abteilung, sondern von der Fachabteilung verwaltet werden. Wir müssen also den CIO genauso adressieren wie seine Kollegen in den Fachabteilungen. Letztlich müssen beide zusammenarbeiten. Wenn wir hier eine Kultur der Offenheit schaffen können, lässt sich vieles bewerkstelligen und beschleunigen. Inwieweit spüren sie die Veränderungen bei den IT-Budgets? Etwa dadurch, dass IT-Abteilungen weniger Mittel erhalten und diese dafür bei den Fachabteilungen vorhanden sind. Ein Grund ist, dass Abteilungen agiler handeln wollen. Sie möchten etwa ihre Go-to-Market-Phasen reduzieren und akzeptieren keine zwei bis sechs Monate Vorlaufzeit mehr, bis eine Applikation bereit steht. Sie wollen Anwendungen zeitnah einsetzen. Zusätzlich wollen Anwender plattformübergreifend arbeiten und das bei einer klar geregelten und verbindlichen Quality of Service. Hierfür haben wir etwa Solidfire lanciert. Mitte November fand die Netapp-Hausmesse Insight in Berlin statt. Vor einem Jahr gab es grosse Ankündigungen zum Thema Internet of Things (IoT). Wo steht Netapp heute in diesem Bereich? Wir arbeiten an verschiedenen IoT-Lösungen für unsere Kunden, Im Zentrum der Strategie steht der Data Lake. Uns geht es um die Zusammenführung von Daten aus zahlreichen und unterschiedlichen Quellen. Wie sieht das konkret aus? Es geht um den Aufbau von Datalakes, die durch Informationsflüsse gespiessen werden. Netapp engagiert sich in unterschiedlichen Projekten, beispielsweise im Maschinenbau. Bei Unternehmen etwa, die bereits Sensoren für ihre Anlagen nutzen. Für diese bieten wir ergänzende Lösungen für Predictive Maintenance an. Ein anderes Beispiel ist eine Anwendung für die Patientenbetreuung. Mit der App können Ärzte die Vitaldaten ihrer Patienten überblicken. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir uns zwar als Enabler für Analytics-Lösungen im IoT-Bereich sehen. Allerdings werden wir bei Netapp keine Analytiksoftware schreiben. Hierfür kooperieren wir mit Partnern wie IBM. Welches waren die Topthemen der diesjährigen Insight? Hierzu zählen Dev-Ops und Open Systems respektive Accelerated Dev Ops. Es geht hierbei um die dezentrale Software-Entwicklung, also darum, wo Daten liegen, und wie diese aktuell gehalten werden. Ein weiteres Thema ist Optimized Unstructured Data. Hierzu zählen IoT-Anwendungen, genauso wie Videoüberwachung und Bilderkennung. Ebenfalls spannend sind die Themen Accelerated Workloads und Analytics. Hierzu zählen etwa SAP-Anwendungen wie S4/HANA. 2018 rückt näher. Mit welchen Trends sollten sich IT-Entscheider in nächster Zeit auseinandersetzen?  Wichtige Entwicklungen sind die künstliche Intelligenz (KI) und Augmented Reality. Hier sind Firmen viel weiter, als man denkt. Nach den ersten Cloud-Erfahrungen evaluieren Unternehmen zudem, welche Workloads tatsächlich in die Cloud gehören und welche besser On-Premises betrieben werden. Ein wesentlicher Treiber ist die Simplifizierung: Unternehmen wollen schneller, einfacher und kostengünstiger ihre IT für das Business betreiben. Diese Entwicklungen werden manchmal gestoppt, etwa durch regulatorische Anforderungen. Ein Beispiel ist die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Weshalb ist die DSGVO ein Thema für Sie?  Wir sind eine Datenhaltungsfirma. Wir bieten die technischen Voraussetzungen dafür. Insofern sehen wir uns ein Stück weit in der Pflicht gegenüber unseren Kunden. Wir unterstützen sie etwa durch Whitepapers und Online-Ratgeber zu diesem Thema. Zudem arbeiten wir mit Beratungshäusern zusammen, um den Kunden zu helfen, dass sie sich rechtskonform aufstellen können.


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