06.03.2015, 10:49 Uhr

Wenn der Bürger dem eHealth voraus ist

Das Gesetz zum elektronischen Patientendossier wird in den Gremien beraten. Schweizer Bürger warten bei der Gesundheitsvorsorge via Computer nicht auf die Vorschriften.
Susanne Hochuli vom Kanton Aargau will Ärzte und Bürger zu mehr Vernetzung motivieren
Patienten mit akuten Erkrankungen scheren sich auf der Suche nach Heilung nicht um Datenschutz und gesetzliche Vorschriften. «Personen schicken ihrem Hausarzt Fotos einer Wunde aus den Ferien per MMS oder fragen per E-Mail nach der korrekten Reihenfolge der Tabletteneinnahme», gab Philip Baumann, CEO des Informatik-Anbieters BlueCare, Beispiele für selbständige Bürger. Er sprach am Donnerstag am «Swiss eHealth Forum» in Bern über die Vernetzung der Akteure im Schweizer Gesundheitswesen. Baumann wusste zwar, dass heute erst wenige Patienten den direkten Draht zum Hausarzt nutzen. Aber die Anzahl wird zukünftig grösser und der Druck auf die Leistungserbringer stärker werden, meinte er. Bis anhin haben quasi jedes Labor, jede Praxis, jedes Spital eine Insellösung aufbauen können. In Zukunft erwarteten die vernetzten Bürger eine mit dem Privatleben vergleichbare technische Ausstattung auch vom Arzt und Apotheker.

Geschäftskritisches Fax

Technisch hochgerüstet ist eher eine Minderheit der Arztpraxen. Die Gründe sind vielfältig, wusste Baumann. Defizite gebe es hauptsächlich bei der Kommunikation mit den anderen Leistungserbringern. Beispielsweise erhalte eine mittelgrosse Gruppenpraxis mit sieben Ärzten täglich 100 Rückmeldungen, davon 60 Prozent via Fax, 30 Prozent per E-Mail und den Rest per Brief. Diese Informationen müssten kanalisiert und verarbeitet werden. «Wer den Medizinern das Fax ausreden will, wird garantiert scheitern», sagte Baumann. Also benötige eine Informatiklösung zwingend Schnittstellen zu den traditionellen Kommunikationsmitteln. Neben dem Austausch mit anderen Leistungserbringern ist nach den Worten des BlueCare-CEOs auch der interne Datenabgleich problematisch. So gäbe es in der Schweiz rund 80 Anbieter von Praxen-Software. Die Qualität ist offenbar nicht über jeden Zweifel erhaben. «Heute gibt es auf dem Markt nur wenige Lösungen, die den Ärzten die Arbeit wirklich erleichtern», polterte Baumann. Nächste Seite: IT-Investitionen notwendig Der geringe Grad der Standardisierung von medizinischer Dokumentation erschwert auch der Betreuungsorganisation Spitex Zürich Limmat die Arbeit. Wie CEO Christina Brunnschweiler sagte, scheitert bei Spitalaustritten die Übergabe von Informationen nicht selten am Datenschutz. Sie mutmasste jedoch, dass die Sicherheit teilweise einfach nur vorgeschoben sei, damit sich die Lösungshersteller ihre Pfründe sichern könnten. «Die Spitex-Kollegen wären schon froh über Dokumentationen zumindest als PDF», sagte Brunnschweiler. Dieser auf den ersten Blick einfache Wunsch würde aber nur von einem Teil der medizinischen Einrichtungen erfüllt.

Digitales Patientendossier

Mit Austauschproblemen und Übertragungskonflikten will das elektronische Patientendossier Schluss machen. Internationale Standards und einheitliche Formate waren die Vorgabe beim Design der virtuellen Krankenakte im Jahr 2008. Ein lobenswertes Ziel, waren sich die Vertreter von Bund, Kantonen, Leistungserbringern und Patientenorganisationen am «Swiss eHealth Forum» einig. Unterdessen droht die Technologie jedoch, die guten Pläne zu überholen. Bei der Sicherheit gelten heute andere Standards als vor sieben Jahren, die Technik bietet vollkommen andere Möglichkeiten. Die Schweizer Bürger haben diese Entwicklungen mitgemacht. So wundert es wenig, dass laut dem neusten «Swiss eHealth Barometer» zwar immer noch eine Mehrheit (54 Prozent) der Bevölkerung die Einführung des elektronischen Patientendossiers befürwortet. Allerdings sinkt der Anteil der Befürworter seit 2013 kontinuierlich (2013: 59 Prozent, 2014: 55 Prozent).

Investitionen in die IT

Damit das künftige Patientendossier bei der Bevölkerung ankommt, sind Anstrengungen aller Stakeholder im Gesundheitssystem notwendig. Das wussten die Referenten am «Swiss eHealth Forum» auch. Regierungsrätin Susanne Hochuli aus dem Gesundheitsdepartement des Kantons Aargau nannte einerseits die Motivation der Leistungserbringer zu mehr Vernetzung und zu mehr elektronischer Dokumentation als Herausforderung, damit das Dossier zum Fliegen kommt. Andererseits seien auch die Bürger zu motivieren, meinte Hochuli: Die Bevölkerung sollte mit Vergünstigungen verlockt werden, selbst ein Patientendossier zu erstellen. Ausserdem sei es an der Zeit, dass die Bürger von den Ärzten, Spitälern und Versicherungen eine bessere Koordination ihrer Gesundheitsdaten verlangten. An der Technik mangelt es nicht, wie die Anwender aus dem Privatleben wissen.
Als Präsident der Ärztekonferenz wusste Professor Andreas Huber, dass in den Spitälern längst nicht alles optimal läuft. «Die Prozesse folgen nicht der Technik, sondern die Technik folgt den Prozessen», gab der Mediziner vom Kantonsspital Aarau jedoch die Stossrichtung von Innovationen vor. Handlungsbedarf sei jedoch vorhanden: «Wenn wir das Niveau der medizinischen Versorgung halten oder steigern wollen, müssen wir in Technologie investieren», sagte Huber. Allerdings dürften die Leistungserbringer nicht alle Kosten allein tragen müssen, denn auch Versicherungen und beispielsweise Zuweiser würden von einer besseren Ausstattung profitieren.


Das könnte Sie auch interessieren