29.10.2014, 09:21 Uhr

«Der Zeitfaktor hat sich dramatisch geändert»

Karl-Heinz Land propagiert den digitalen Darwinismus. Nur die Firmen, welche sich der digitalen Transformation hingeben, werden überleben. Ursachen und Konsequenzen lesen Sie im Interview
Am Montag organisierte Namics bereits zum fünften Mal den Smart Business Day am Gotllieb Duttweiler Institut in Rüschlikon. Als Key-Note-Speaker trat Karl-Heinz Land auf, der mit seinem Buch «Digitaler Darwinismus – Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell» für Furore sorgt. Seine These ist radikal: Nur die fittesten Unternehmen, die sich auf die totale digitale Transformation einstellen und diese auch durchsetzen, werden überleben.
Seine weiteren Thesen sind: Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert und alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Dies wird seiner Auffassung nach spätestens in 15 Jahren dramatische Auswirkungen auf unsere Arbeitswelt haben. Viele Jobs werden überflüssig, Geschäftsmodelle überholt und gestanden Firmen von der Bildfläche verschwunden sein. Der mehrfach ausgezeichnete Unternehmer (unter anderem mit dem Award «Technology Pioneer» des WEF in Davos) war in verschiedenen Führungspositionen bei international tätigen Technologieunternehmen wie Oracle, Business Objects oder Microstrategy tätig. Karl-Heinz Land sprach mit Computerworld über die digitale Transformation, die Rolle der IT und die Herausforderungen der Schweiz.
CW: Herr Land, können Sie kurz den «Digitalen Darwinismus» erklären?
Karl-Heinz Land: Digitaler Darwinismums heisst, wenn Technologie und Gesellschaft sich schneller verändern als Unternehmen in der Lage sind sich an diese Veränderung anzupassen. Und solche Unternehmen werden aussterben.
Das tönt dramatisch, hat es denn schon welche erwischt?
Oh ja, natürlich. In Deutschland ist es Praktiker, ProMarkt oder der Quelle-Versand. Im internationalen Umfeld wäre Kodak zu erwähnen. Gerade Kodak ist ein tragisches Beispiel - der Marktführer hat es trotz einem technologieaffinen CEO nicht geschafft, die Wende herbeizuführen.
Was ist Ihrer Meinung nach die Hauptursache für diese Herausforderungen?
Für mich ganz klar der Zeitfaktor. Veränderung hat es immer schon gegeben, seit der Erfindung des Rades. Denken Sie nur an die Dampfmaschine, diese eruptive Technologie hat überhaupt erst und nicht zuletzt die demokratische Entwicklung von Europa ermöglicht. Doch heute werden neue Produkte viel früher vom Markt absorbiert wie noch vor 100 Jahren. Zum Beispiel brauchte der TV-Markt 50 Jahre um 50 Millionen Geräte abzusetzen. Whatsapp hat für 50 Millionen User knapp 18 Monate gebraucht.
Wobei Whatsapp nicht mit einem TV-Gerät verglichen werden kann.
Natürlich nicht, aber es zeigt die Tendenz. Auch das Smartphone hat innerhalb von 6 Jahren unser Leben total geändert, über 2 Milliarden Geräte sind produziert worden. Und die App-Economy hat herkömmliche ökonomische Prinzipien pulverisiert. Und das innerhalb kürzester Zeit.
Und die Unternehmen stehen dieser Entwicklung hilflos gegenüber?
Manche Firmen haben nicht erkannt, was die Zeit geschlagen hat. Wenn alles digital wird, verändern sich viele Dinge. Oft ist die Trägheit der Mitarbeiter sowie auch des Management schuld, dass Veränderungen nicht rechtzeitig durchgeführt werden können. Auch das Problem der Kannibalisierung - wenn es denn überhaupt eines ist - wird falsch angegangen. Denn wenn sich eine Firma, aus was für Gründen, nicht kannibalisiert, dann nagt schlussendlich ein anderer am Knochen.
Was kann denn die IT-Abteilung dazu beitragen, dass die digitale Transformation in einem Unternehmen umgesetzt wird und gut läuft?
Grundsätzlich ist die IT-Abteilung die «enabling Platform» auf der die ganze Transformation aufbaut. Die IT-Abteilung muss schnelle Liefermechanismen bereitstellen, also zum Beispiel Cloud-Services und sie muss zusätzlich agil agieren. Keine 100-seitige Pflichtenhefte für ein Projekt, sondern kurze Entwicklungszeiten und darauf vertrauen, dass ein Projekt auch ohne Wasserfallmethode und Beschreibung jedes Details am Schluss brauchbar herauskommen kann.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie das Management reagieren muss, düstere Zukunftsprognosen und die Einschätzung zur Schweiz.
CW: Das Unternehmen muss also agiler werden, das Management auch. Welche Bedeutung hat das für die Unternehmensprozesse?
Karl-Heinz Land: Prozesse scheinen mir immer wichtiger zu werden. Mit geeigneten BPM-Tools wird es jedoch auch einfacher, diese Prozesse den neuen Realitäten anzupassen. Aber das Management ist natürlich stark gefordert. Es muss die Agilität vorleben und mit einem Top-Down-Ansatz den Mitarbeitern Freiräume zugestehen damit sich diese entfalten können. Unter Umständen muss die ganze Organisationstruktur neu aufgebaut werden - das sind natürlich radikale Schritte und beileibe nicht immer einfach durchzuführen.
Wenn dann die Firma die digitale Transformation durchführt, alles digitalisiert sowie alles automatisiert, dann stehen ja ganz viele Menschen auf der Strasse. Da kommen düstere Zeiten auf uns zu.
Das glaube ich nicht. Ich gehe davon aus, dass die Politik und auch die Unternehmen einen Modus Vivendi finden müssen und auch werden, um den Menschen die abhanden gekommene Arbeit zu kompensieren.
Aber wenn man die aktuelle politische Diskussion betrachtet, deutet nichts darauf hin, dass etwas in diese Richtung geschehen wird.
Wenn ich die Diskussion in Deutschland betrachte, dann sind wir tatsächlich noch nirgends. Dort wird nach wie vor in 4-Jahres-Zyklen Politik gemacht. Die Tech-Unternehmen aber machen jährlich Gewinne und zahlen keine Steuern. Das kann es nicht sein. Immerhin gibt es jetzt erste Bestrebungen, Steuerschlupflöcher zu stopfen.
Die Schweiz gehört international zu den Top-10 Ländern bezüglich Netzinfrastruktur - ein Wettbewerbsvorteil?
Ja ganz klar. Die Schweiz hat doch viel in ihre Netzwerkinfrastruktur investiert und hat hier einen beachtlichen Vorsprung gegenüber anderen Ländern in Europa. Trotzdem, es bleibt viel zu tun. Die Netzwerkinfrastruktur alleine garantiert kein überleben zum Beispiel der Finanz- oder Versicherungsbranche, so wie wir sie heute kennen.
Sie sprechen es an, neben den KMUs und den Banken baut die Schweizer Wirtschaft ein wenig plakativ gesagt noch auf die Uhrenindustrie und die Pharma. Ist die Zeit dieser Branchendinosaurier auch abgelaufen?
Gerade die Uhrenbranche hat ja schon einmal gezeigt, dass sie nicht so schnell totzukriegen ist, im Gegenteil. Ich bin mir nicht sicher, ob die Smartwatches tatsächlich eine Gefahr für die mechanische Uhr sind. Es wird immer analoge Gegenstände in der digitalen Welt geben. Das gilt auch für die Pharmabranche, die Einnahme von Medikamenten bleibt ein analoger Akt. Aber die ganze Forschung verändert sich natürlich radikal.


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