Innovationsmanagement 15.11.2019, 08:26 Uhr

Ab in die Garage: Unternehmen im Start-up-Modus

Garagen sind sagenumwobene Orte. Sie sind Geburtsstätten von Start-ups, die zu Weltkonzernen wurden. Heute ziehen Industrieunternehmen in Garagen ein. Begleitet von IT-Partnern, entwickeln sie im Start-up-Modus innerhalb kürzester Zeit neuartige Digitalprodukte.
Bill Hewlett und David Packard haben ihre ersten Geräte in dieser Garage entwickelt. Sie gilt als Geburtsort des Silicon Valley
(Quelle: Shutterstock/James William Smith)
Geht es nach den Planern, wird hier die Zukunft entstehen: Flugtaxis und autonome Drohnen starten zu Testflügen, junge und alte Unternehmen entwickeln neue Technologien und digitale Services. Doch heute ist es grau, wolkenverhangen und es regnet. Ein wenig inspirierender Tag am Flugfeld Dübendorf auf dem Gelände des Switzerland Innovation Park Zürich.
In einer unscheinbar wirkenden Baracke wird es plötzlich bunt.
Notizzettel in unterschiedlichen Farben leuchten einem entgegen. Sie sind festgepinnt an verschiebbaren Wänden. Auf den Blättern sind Ideen für ein neues Produkt, Hinweise zu Abläufen und Wünsche für die Programmierung eines Tools. In der Mitte des Raums lädt ein Sofa aus Europaletten, gepolstert mit roten und blauen Kissen, zum Verweilen ein. Doch es bleibt unberührt.
Daneben sitzt eine Gruppe lieber auf Holzstühlen, versammelt vor einer Leinwand und diskutiert die da­rauf projizierten Informationen. Sie sprechen über Schnittstellen, Datenqualität und wie sie ihren neuen Service zum Fliegen bringen können. Denn die Zeit läuft: Ende der Woche muss der Prototyp stehen, dann endet das Projekt mit einem Pitch vor Kunden und der Geschäftsleitung.
Neben der Garage, im Empfangsgebäude des Innovation Park erläutern an einem Display Uli Eisert und sein Kollege Daniel Kölsch anhand einer Präsentation, was derzeit in der Garage passiert. Eisert und Kölsch leiten die Mode-2 Garage. Eine Einrichtung der SAP Schweiz, in der Unternehmen Prototypen entwickeln können, begleitet von Eisert und Kölsch sowie von technischen Experten. Die Lösungen können auf SAP-Technik aufbauen, müssen es aber nicht unbedingt.

Die Garage als Bastelbude? Von wegen!

Daniel Kölsch (l.) und Uli Eisert von SAPs Mode-2 Garage ziehen nach dem ersten Jahr eine positive Bilanz: «Für uns ist es wertvoll, auch direkt mit Fachentscheidern zu sprechen, und ihnen aufzuzeigen, was wir noch bieten, ausser einem ERP. Nämlich die Möglichkeit, gemeinsam rasch Innovationen zu entwickeln»
Quelle: NMGZ/Computerworld
Open-Source-Technik ist genauso willkommen wie SAPs hauseigene IoT- oder Analytics-Produkte. «Wir stellen immer wieder fest, dass unsere Kunden im Tagesgeschäft festhängen. Zudem beschäftigen wir uns mit neuen Fragestellungen unserer Kunden, für die noch keine fertige Software existiert. 
as liegt in der Natur der Innovation. Wir haben gemerkt, dass wir ein Format brauchen, um Lösungsansätze mit Prototypen greifbar zu machen sowie um neue Tech­nologien wie AI, IoT oder Blockchain zu zeigen und diese auch auszuprobieren», erklärt Kölsch die Entstehung der Mode-2 Garage und betont: «Wir wollten aber keine Bastelbude sein. Sondern es sollen konkrete Lösungen entstehen.»
Eine gute Vorbereitung und Ausdauer sind wichtig, denn die Woche in der Garage ist intensiv, wie Eisert betont. «Es kann schon mal passieren, dass man am Mittwochnachmittag eine Idee verwirft und dann bis in die Nacht hinein arbeitet, damit man am Freitag ein Ergebnis präsentieren kann.»

Ein Kunde, eine Woche, eine Herausforderung

Start-ups im Silicon Valley begannen meist aus Geldnot in den Garagen der Eltern ihre ersten Produkte zu ent­wickeln. Weshalb sollte man das als etabliertes Industrieunternehmen machen? «Es ist wichtig, die Leute aus ihrer gewohnten Umgebung herauszuholen», sagt Kölsch, der seit vier Jahren in der Innovationsentwicklung bei SAP Schweiz arbeitet und die Garage mitgegründet hat. 
uch deshalb hat die Garage «ihren robusten Charakter erhalten», wie Co-Gründer Uli Eisert sagt. «Ein Kunde, eine Woche, eine Herausforderung» – so lautet das Motto. «Auf diese Weise wollen wir Kunden bewusst machen, wie weit man in nur einer Woche kommen kann», erklärt Eisert.
Anschlies­send wird abgeschätzt, inwieweit man das Projekt auf Basis des Minimal Viable Products weiterverfolgt oder ruhen lässt. Im Zentrum der Innovationsentwicklung steht der Design-Thinking-Ansatz, erläutert Eisert. Deshalb werden die Projekte wenn immer möglich mit Endkunden des Workshop-Kunden durchgeführt. Denn nur, wer den Kunden ins Zentrum der Entwicklung stellt, kann ein hochwertiges Produkt entwickeln.

«Wer hier mitmacht, muss sich austoben können»

Für Eisert sind dabei drei Dinge wichtig: ein divers zusammengestelltes Team, eine andere Arbeitsumgebung wie die Garage und ein Wegfall der Hierarchien. «Wer hier mitmacht, muss sich austoben können», ergänzt sein Kollege Kölsch. Entsprechend ist der Workshop aufgebaut.
Am ersten Tag wird untersucht, wer der Kunde ist, welche Pain Points ihn umtreiben und wie man sein Pro­blem lösen kann. Dafür werden Personas entwickelt, an denen sich die Teams während der Woche orientieren. An den darauffolgenden drei Tagen baut und programmiert das Team einen technischen Prototyp und verfeinert parallel dazu das Servicemodell, indem man immer wieder mit dem Endkunden das Produkt bespricht – bis es passt. Oder mit Eiserts Worten: «Bis der Kunde sagt: ‹Das ist gut, dafür würde ich Geld ausgeben!›»
Wichtig ist zudem, dass es günstige Proto­typen sind, für die zu Beginn wenig Geld ausgegeben und erst im weiteren Projektverlauf mehr Budget investiert wird. Auch muss am Mockup und an der Präsentation gearbeitet werden. Denn am Freitag ist Showtime: Dann gilt es, der Geschäftsleitung des Kunden das Minimal Viable Product (MVP) zu präsentieren.


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