Urs Lehner von Swisscom im Interview 27.11.2019, 11:05 Uhr

«Fehlende Fokussierung bremst Innovation»

Als grösster IT-Anbieter der Schweiz positioniert sich Swisscom als Innovationspartner für die Kunden. Innovation beim Telko selbst kann nur der CEO bremsen, sagt Grosskunden-Chef Urs Lehner im Interview.
Swisscoms Urs Lehner sieht die Schweiz bei der 5G-Installation an der Weltspitze
(Quelle: Swisscom )
Aktuell sind die Schweizer Telkos stark mit dem Roll­out der 5G-Mobilfunk-Technologie beschäftigt. Auch Marktführer Swisscom treibt das Thema um. Die Geschäftskunden werden neue Services auf Basis von 5G beziehen können. Der Grosskunden-Chef Urs Lehner sieht in der nächsten Mobilfunk-Generation ein hohes Inno­va­tionspotenzial für die Unternehmen und die gesamte Schweiz. Im Interview nennt er aber auch Bremsklötze für Innovation – bei Swisscom intern und in der Schweiz.
Computerworld: Welche Innovationsprojekte haben Sie zuletzt vorangetrieben?
Urs Lehner: Die Schweiz ist bei der Einführung der Mobilfunk-Technologie 5G weltweit führend. Dabei hat Swisscom schon das eine oder andere innovative Zeichen setzen können. Mit unserem Partner Ericsson sind wir in der globalen Spitzengruppe, sowohl beim Netzausbau, dem Angebot von Endgeräten als auch bei 5G-basierten Services. Die weltweite Führungsrolle führt aber auch dazu, dass wir lernen und uns weiterentwickeln müssen. So sind wir nicht nur «Leading Edge», sondern auch «Bleeding Edge».
CW: Die Installation von 5G-Technologie ist das eine – ohne Ihre Leistung herabwürdigen zu wollen. Aber neue Produkte auf der Basis von Mobilfunk wären das andere. Wie erweitern Sie Ihr Portfolio?
Lehner: Die privaten Konsumenten bekommen mit 5G mehr Speed und mehr Bandbreite im Mobilfunk. Hier sind wir allerdings erst am Anfang, denn noch gibt es erst wenige Endgeräte und der Rollout findet aktuell erst statt. Sobald wir weiter sind, können wir über Anwendungsformen wie Virtual Reality nachdenken – und auch über weitere Möglichkeiten der Monetarisierung. Bei unseren neuen «inOne Mobile»-Abos haben wir eine Option für 10 Franken für die Maximalgeschwindigkeit. Es wird sich zeigen, wie man 5G monetarisieren kann. Wenn wir zurückschauen, ist es unserer Branche nie gelungen, mit einem Technologiesprung Preiserhöhungen im Massenmarkt zu machen.
CW: Welche Services wollen Sie im B2B lancieren?
Lehner: Für das Geschäftskundenumfeld bringt die neue Mobilfunk-Technologie einige Features mit, mit denen wir unser Portfolio erweitern können. So wird es erstmals möglich, in einem Shared Medium wie dem Mobilfunk definierte Bandbreiten bereitzustellen. Über das 5G Network Slicing werden wir denjenigen Kunden, die für eine Priorität zu zahlen bereit sind, die Priorität dann auch liefern können. Das war bis anhin technisch nicht möglich. Denkbare Anwendungsfälle sind die Blaulichtorganisationen, beim Bund, im Health Care oder im Schienenverkehr.
Aufgrund der wesentlich geringeren Latenz der 5G-Technologie werden ausserdem neue Szenarien für die Vernetzung von Infrastrukturen und Produktionsmaschinen möglich. Die Geräte an entfernten Standorten mussten früher zwingend fest verkabelt werden, da sie sonst nicht schnell genug gesteuert werden konnten. Neu genügt ein 5G-Chip. Diese Anwendungen sind in der räumlich kleinen Schweiz voraussichtlich eher selten, aber in Ländern zum Beispiel mit mehreren Zeitzonen durchaus relevant.
Zur Person
Urs Lehner
ist seit Juni 2017 Leiter Swisscom Enterprise Customers und Mitglied der Konzernleitung. Er trat vor acht Jahren in den Konzern ein und hatte verschiedene Leitungsfunktionen im Geschäftskundensegment inne. Zuvor war Lehner beim IT-Dienstleister Trivadis tätig, unter anderem als COO, Partner und Verwaltungsrat. Bei dem Unternehmen startete der 51-Jährige 1997 seine Karriere. Lehner ist Informatik- Ingenieur FH und hält einen Executive MBA HSG in Business Engineering.


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