«Es fehlt der Mut zum Risiko»

Wer Start-ups richtig fördert

CW: Kommen wir auf die Förderung von Start-ups zurück. Welche Firmen machen es aus Ihrer Sicht richtig?
Selz: Novartis und Roche haben Teile ihrer Innovation ausgelagert. Sie fördern beispielsweise in der Schweiz oder den Staaten ganze Cluster und Ökosysteme, wo Jungunternehmen in verschiedensten Hochrisikobereichen wie der Krebsforschung sehr viel bewegen. Sobald Projekte eine gewisse Grösse und Sicherheit erreicht haben oder etwa eine klinische Zulassung in Sicht ist, gliedern sie diese wieder ein. Mit diesem Trichteransatz lassen sie im Prinzip externe Parteien ihre Innovationen mitfinanzieren, mit Aussicht auf einen möglichen Zahlungsstrom im Erfolgsfall. Dieses Modell verfolgen die beiden Unternehmen sehr erfolgreich. Vor fünfzehn Jahren gab es Analysten, die Roche und Novartis eine schwierige Zukunft voraussagten. Heute gehören sie zu den grössten Pharmakonzernen der Welt. Oftmals fehlt mir hierzulande dieser aggressive Ansatz. Viele der grossen Accelerator-Programme sind eben nicht darauf ausgerichtet, in strategischen Trichtern zu denken. Sie bedienen eher punktuell Themen, die der CEO oder seine rechte Hand als Strategie gerade toll finden. Tamedia hat das – etwa mit dem Zukauf von Doodle – übrigens ähnlich clever und kon­sequent wie die beiden Pharmakonzerne gemacht. Aber daneben gibt es nicht mehr viele.
Selz studierte an den Universitäten Genf, Aberdeen und St. Gallen. Er hält einen Doktortitel in Wirtschaftsinformatik/Medien- & Kommunikationsmanagement
(Quelle: Samuel Trümpy)
CW: Woran liegt das?
Selz: Meines Erachtens braucht es fünf Dinge, um ein Start-up erfolgreich zu machen: Ideen, gescheite Köpfe, Distribution, Kapital und Exit-Szenarien. Ideen können irgendwo entstehen, auch gescheite Menschen gibt es überall. In diesen Belangen ist die Schweiz genauso kompetitiv wie jedes andere Land, notabene wie das Silicon Valley. Wir können in der Schweiz die besten amerikanischen Firmen in ihrem eigenen Spiel schlagen und jederzeit bessere Produkte bauen. Denn die Schweiz hat eine Engineering-Kultur wie kaum jemand sonst. Bei der Distribution sieht es anders aus. Als kleine Nation haben wir hierbei nicht dieselben Möglichkeiten wie die USA oder auch Deutschland. Und schliesslich gibt es im Schweizer ICT-Bereich kein Risikokapital zur Finanzierung. Es gibt zwar zwei, drei Venture-Capital-Funds, aber schlussendlich sind das zu wenige und abgesehen davon stecken immer dieselben Leute dahinter. Auf dieser Seite gibt es keine richtige Konkurrenz. Zudem gibt es – obwohl die Schweiz ein sehr reiches Land ist – ausserhalb von diesem engen Kreis nicht wirklich gescheites Risikokapital.
“Es braucht Ideen, gescheite Köpfe, Distribution, Kapital und Exit-Szenarien„
Dorian Selz
CW: Was heisst das konkret?
Selz: Mit dem Reichtum müsste die Schweiz jährlich 2 bis 3 Milliarden Franken in neue Tech­nologien investieren können – davon mehr als 1 Milliarde im ICT-Bereich. Das wäre auch problemlos möglich, denn das Geld ist vorhanden. Stattdessen meidet man in der Schweiz Risiken. Währenddessen wird im Silicon Valley und generell in Amerika versucht, mit Risiken clever um­zu­gehen.
CW: Wird sich das in den nächsten Jahren ändern?
Selz: Nein.
CW: Wann wird es sich ändern?
Selz: Ich denke, dass es noch zehn bis zwanzig Jahre dauern wird. In der Deutschschweiz gibt es nur wenige, die sub­stanzielle Beträge aus Tech-Ventures gezogen haben und nun in Schweizer Jungunternehmen investieren. Erst wenn sie dabei helfen, erfolgreiche Unternehmen heranzuzüchten, damit deren Leute wiederum viel Geld aus diesen Firmen ziehen können und es selber in Start-ups investieren, wird es spannend. Aber damit dieser Prozess ins Laufen kommt, ist – wie gesagt – viel Zeit nötig.
CW: Welche Schweizer Start-ups würden aus Ihrer Sicht bei einem Verkauf viel Geld einbringen?
Selz: Qumram wurde ja erst vor Kurzem vom US-Unternehmen Dynatrace gekauft – ich kenne die Details zwar nicht, vermute aber, dort ist nicht so viel Geld geflossen, dass die Gründer nun grossflächig investieren können. Andere Schweizer Start-ups wie Beekeeper oder Scandit haben definitiv auch das Potenzial, gross zu werden.


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