«Es fehlt der Mut zum Risiko»

Zaghafte Digitalisierung

CW: Können sich Grossunternehmen solche tiefgreifenden Massnahmen überhaupt noch leisten? 
Selz: Die Frage ist nicht, ob man es sich leisten kann oder nicht. Die Frage ist, ob die Firma in drei Jahren noch eine Lebensberechtigung hat, wenn man es nicht tut. Kurzfristig orientierte Manager streichen noch zwei Jahre lang ihre Boni ein und wechseln danach zu einem anderen Arbeit­geber. Den Preis dafür zahlen dann die Mitarbeiter, die deswegen zu Hunderten entlassen werden. Und dies nur, weil ihre Chefs es nicht begriffen haben, dass die Digitalisierung ihr Geschäft komplett drehen wird. Wenn Unternehmen heute also nicht bereit sind, in ihrem Kerngeschäft völlig neue Wege zu gehen, wird es andere geben, die dieses komplett neu bauen werden – zumal es ja heute deutlich einfacher ist, ein eigenes Geschäft aufzubauen.
CW: Stecken wir in der Komfortzone fest?
Selz: Die Finanzindustrie zeigt es exemplarisch auf. Statt eine universale Digitalbank zu lancieren, verfolgten Grossbanken in den letzten Jahren eine Art «Pflästerlipolitik» und versuchten, mit verschiedenen Digitalisierungsmassnahmen Kunden beispielsweise ins E-Banking zu bringen und damit Kosten zu senken. Keine unserer Schweizer Banken hat sich ihr Geschäft radikal neu ausgedacht und international umgesetzt. Niemand ist gewillt, seine Komfortzone zu verlassen und die Revenue-Streams zu gefährden, welche die jährlichen Boni sichern. Die Schweiz hatte früher stets ihre führende Rolle im Digitalisierungsbereich gelobt. Auf die Erfindung des Webs im CERN ist man noch immer stolz. Aber E-Voting oder digitale Behördengänge sind nach wie vor nicht konsequent umgesetzt. Von dem, was beispielsweise Estland bereits anbietet, sind wir – trotz grös­seren Reichtums und grosser technologischer Möglichkeiten – noch Jahre entfernt. Und warum? Es fehlt der Mut zum Risiko. Es geht uns zu gut, nun wer- den wir links und rechts überholt. Wenn Credit Suisse, UBS und andere Banken nicht schnell aufwachen, werden sie von anderen Anbietern gnadenlos überholt. Irgendwann verblasst der «Badge of Honor» eines Schweizer Unter­nehmens, wenn man nicht auch beim restlichen Offering gut ist.
“Kurzfristig orientierte Manager streichen zwei Jahre lang ihre Boni ein und wechseln dann den Arbeitgeber„
Dorian Selz
CW: Gehört das nicht ein bisschen zur Schweizer Mentalität, eher auf Sicherheit zu setzen?
Selz: Nein, das sehe ich nicht so. Es gibt aus der Schweizer Geschichte Beispiele, die genau das Gegenteil aufzeigen: Als Alfred Escher und Konsorten das Gotthard-Projekt in Angriff nahmen, waren sie sich bewusst, dass der Pfad zum Erfolg extrem schmal ist. Trotzdem haben sie es gemacht und damit das Land grundlegend verändert.
CW: Dann bräuchten wir einfach wieder mehr Leute, die wie Alfred Escher ticken?
Selz: Auf jeden Fall. Aber Eschers passieren ja nicht einfach so. Das war gewiss auch ein Ausdruck des Zeitgeistes, der damals vorherrschte. Und rund um Alfred Escher gab es natürlich auch viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die bereit waren, solche Risiken einzugehen und das Unmögliche zu versuchen. Aber das war noch richtiger Unternehmergeist. Wenn ich mir heute die grösseren börsenkotierten Unternehmen anschaue, dann sehe ich anhand deren Konstrukte wenige dieser Sorte.


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