«Digitalisierung löst viel blinden Aktionismus aus»

Die Pläne für den Schweizer Markt

CW: Mit welchen Themen gehen Sie heute hauptsächlich in den Schweizer Markt?
Camuso: Die Basisthemen sind Managed Infrastructure inklusive Outsourcing und Public Cloud. Beides macht heute etwa 70 Prozent des Geschäfts aus. Weitere stark wachsende Felder sind SAP, Digital Solutions, Security und schliesslich Telekommunikation.
CW: Welches sind zukünftige Themen im Schweizer Markt? Welche eher nicht?
Camuso: Vielen Unkenrufen zum Trotz glaube ich an gutes Wachstum im klassischen Outsourcing-Geschäft. Denn noch immer sind viele Applikationen nicht Cloud-fähig und diese abzulösen, wird seine Zeit brauchen, zum einen aus technischen Gründen, zum anderen, weil sich der Case nicht rechnet. Ich bin überzeugt, dass eine Mischung aus Private und Public Cloud noch immer ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten kann. Wir bauen unser Know-how und unsere Dienstleistungen weiter aus, um die Kunden in diesem hybriden Umfeld bestmöglich zu unterstützen. Hinzu kommt die Ressourcenfrage: Die Kunden benötigen für die Digitalisierung alle ihre Mitarbeiter. Insbesondere die IT hat heute keine Zeit mehr, sich um die Commodity zu kümmern. V-Zug ist hier ein gutes Beispiel: Der Hauptgrund für den Outsourcing-Entscheid waren nicht in erster Linie die Kosten, sondern die verfügbaren Mitarbeiter. Der Verwaltungsrat wollte das Know-how der Mitarbeiter vorrangig nutzen, um es für die neuen Themen ein­setzen zu können. Der Outsourcing-Partner sollte neben der Entlastung von der Commodity dem Konzern auch dabei helfen, die Digitalisierung voranzutreiben.
“Vielen Unkenrufen zum Trotz glaube ich an gutes Wachstum im Outsourcing„
Stefano Camuso
CW: Schweizer Kunden haben bei T-Systems die Wahl zwischen den Standorten Schweiz, Deutschland, Europa oder global. Oder ist diese Frage womöglich gar nicht mehr so relevant für Schweizer Kunden?
Camuso: Das Thema ist viel weniger relevant als noch vor drei Jahren. Entsprechend hat T-Systems auch seine Strategie verändert. Wir bieten Kunden eine Menükarte und die entsprechende Beratung dazu an, damit sie ihre Anforderungen abdecken können. Transparent ersichtlich ist, was den Unterschied macht, wenn aus der Schweiz oder aus dem Ausland die Leistung bezogen wird. Oft wählen Kunden einen Mix – sensible Daten werden in der Schweiz gehostet, der Rest am kostengünstigsten Ort. Die Schweizer Organisation von T-Systems verdient in allen Fällen gleich viel, weshalb wir wirklich neutral beraten können. Nun gibt es Kunden, für die der Preisunterschied kein entscheidendes Kriterium ist. Sie kalkulieren zusätzlich noch mit den Ausgaben für die Telekommunikation und der längeren Latenzzeit bei geschäftskritischen Applikatio­nen. Andere grosse Kunden wie etwa Georg Fischer haben sich für den Standort Deutschland entschieden.
CW: Ein prominenter Outsourcing-Neukunde ist V-Zug. Wo lagern seine Daten zukünftig?
Camuso: V-Zug setzt zunächst auf den Standort Schweiz. Allerdings gibt es hier auch die Option wie bei anderen Kunden, einen kleinen Teil der Daten in der Schweiz zu behalten und über die Auslagerung des Grossteils der Ressourcen nach Deutschland einen Preisvorteil zu erzielen. Weder V-Zug noch ein anderer Kunde muss die Frage aber sofort und endgültig beantworten. Ein Wechsel ist auch später immer noch möglich.
Stefano Camuso konnte mit der neu aufgestellten T-Systems Schweiz mehrere Neukunden gewinnen
(Quelle: T-Systems Schweiz)
CW: Ein grosses Thema in der Schweiz ist die Migration von SAP auf S/4Hana. Wo stehen die Schweizer Anwenderunternehmen?
Camuso: Die Schweizer Kunden stehen vor der Wahl: Wenn bei ihnen sowieso eine Veränderung ansteht, weil sie beispielsweise eine Firma gekauft haben oder anderweitig Systeme konsolidieren müssen, sind sie Early Adopters. Bevor sie noch in die alte Infrastruktur investieren, wechseln sie lieber gleich auf S/4Hana. Diese Projekte laufen zurzeit. Die grossen Umsätze erwarte ich aber für 2020 und den Folgejahren. Dann rückt das Support-Ende 2025 bedrohlich nahe, sodass die Mehrheit reagieren muss. Für den Ansturm ist T-Systems Schweiz – insbesondere durch den grossen Ressourcen-Pool im Heimmarkt – aber bestens vorbereitet. Insgesamt beschäftigen wir rund 3000 SAP-Spezialisten, von denen viele in München oder Stuttgart zu Hause sind. Diese Personen sind schneller bei einem Kunden in der Schweiz vor Ort als zum Beispiel in Bonn. Und dem auch schon gehörten Argument der Konkurrenz, dass ein «kleines» Projekt hierzulande sofort auf Eis gelegt wird, sobald ein grosser deutscher Kunde ruft, können wir mit vertraglich fixierten Leistungen entgegentreten. Denn die Spezialisten sind in ausreichender Anzahl vorhanden, sie müssen nur adäquat geplant werden.
CW: Wir haben eine grosse Ausschreibung des BIT gesehen, bei der ein Outsourcing-Partner für Mainframes gesucht, aber nicht gefunden wurde. T-Systems ist in dem Geschäft aktiv. Warum gab es kein Gebot von Ihnen? Was war der Knackpunkt an dieser Ausschreibung?
Camuso: In dem Projekt wollte das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation BIT die Infrastruktur bei sich behalten und lediglich Ressourcen einkaufen, welche die Systeme betreuen. Allerdings mussten diese Ressourcen ausnahmslos in der Schweiz angesiedelt sein. Hier einen Business Case, der sich für beide rechnet, zu bauen, war für uns leider unmöglich. Denn erstens sind unsere Mitarbeiter wohl nicht günstiger als die Angestellten des BIT. Und zweitens ging es auch nicht um eine riesengrosse Ins­tallation, bei der es Skaleneffekte gegeben hätte. Dennoch haben wir uns die Ausschreibung angesehen und wären auch durchaus interessiert gewesen, beschäftigen wir doch 15 Mainframe-Spezialisten in Zollikofen. Damit wäre die Kapazität und sogar die räumliche Nähe durchaus vorhanden gewesen. Aber ohne Case kein Angebot.
CW: Welche Kundenanfragen lehnen Sie ab?
Camuso: Strategisch haben wir uns vorgenommen, End User Services oder Desktopmanagement nicht mehr als eigenständige Offerings selbst zu liefern. Wenn nun ein Kunde wie beispielsweise V-Zug ein Full Outsourcing bestellt, lehnen wir den Auftrag aber deshalb nicht ab. In Gesamt­projekten offerieren wir es und kooperieren mit Partnern. Ähnlich verhält es sich mit dem Mainframe-Geschäft. Mainframe machen wir heute noch. Da viele Kunden – wie beispielsweise die SBB – sich langsam, aber sicher von den Grossrechnern verabschieden, wird das Geschäft für uns ebenfalls schwieriger. Das ist auch ein Grund, warum wir eine Zusammenarbeit im Bereich Mainframe Services mit IBM vertiefen wollen, um die Leistung weiterhin anbieten zu können – dies aber mit einem anderen Liefermodell.
Zur Firma
T-Systems Schweiz
beschäftigt an mehreren Standorten in der ganzen Schweiz rund 560 Mitarbeiter. Daneben betreibt das Unternehmen eigene Rechenzentren im Raum Bern. Die Muttergesellschaft T-Systems ist als Grosskundensparte der Deutschen Telekom in über 20 Ländern aktiv. Sie zählt fast 37'500 Angestellte und erwirtschaftete 2018 einen Umsatz von 6,9 Mil­liarden Euro.


Das könnte Sie auch interessieren