19.06.2015, 11:50 Uhr

Xerox baut an Mobilitätslösungen der Zukunft

Wer an Xerox hört denkt zwangsläufig an Drucker. Doch das Unternehmen bietet noch andere handfeste Lösungen an, wie uns die Chefentwicklerin erklärte
Wenn Sie diesen Text lesen können, verdanken Sie das auch Xerox. Das über 100-jährige Unternehmen mit Sitz in Norwalk, USA, erfand immerhin den PC. Am Palo Alto Research Center (PARC) von Xerox wurde 1973 der Xerox Alto vorgestellt, ein Rechner mit Monochrom-Bildschirm und Grafik-Ausgabe, Tastatur, Maus und 128kb RAM. Der Alto war etwa so gross wie eine Gefriertruhe, das war zu jener Zeit ziemlich handlich. Der Rechner konnte via LAN mit weiteren Alto's verbunden werden. Auch die Ethernet-LAN-Technologie ist eine Erfindung von Xerox, ebenso der Fotokopierer, Laserdrucker und später das Multifunktionsgerät. Auch aktuell betätigt sich Xerox intensiv in der Forschung, wie uns Monica Beltrametti, Xerox Chief Services Research Officer und Vizepräsidentin des Unternehmens an einem Medienanlass in Zürich erklärte. Neben dem Palo Alto Research Center in den USA wird in Kanada, Frankreich, Japan und neuerdings auch in Indien geforscht.
Nachdem Xerox in den Nuller-Jahren vom Börsen-Erdbeben der Dot-Com-Blase und einem Bilanzfälschungsskandal durchgeschüttelt wurde und im Nachgang fast ein Drittel seiner 93'000 Mitarbeiter entlassen musste, bewegt sich das Unternehmen seither wieder stabilerem Untergrund. Im Jahr 2009 übernahm Xerox für 6.4 Mia. $ Affiliated Computer Services (ACS) und konnte so seine Kompetenzen im IT-Service-Bereich weiter ausbauen. Inzwischen arbeiten wieder rund 140'000 Menschen weltweit für die Firma. Sie ist in der Fortune 150 Liste der erfolgreichsten Unternehmen der USA im hinteren Drittel anzutreffen, erwirtschaftete im vergangenen Jahr knapp 1 Mia. $ Gewinn bei 20 Mia. $ Umsatz. Auch in die Forschung steckt das Unternehmen weiter viel Geld, wie Beltrametti nicht ganz ohne Stolz ausführte. Die Research & Development (R&D)-Bereiche umfassen Healthcare, Finance & Accounting, HR-Services, Customer Care, Mobilität und die angestammten Gebiete wie Managed Print Services sowie Graphic Communication. Zusammen mit Fuji-Xerox investiert das Unternehmen jedes Jahr 1.3 Mia. $ in die Forschung. Der Output ist beachtlich: über 62'000 globale Patente sind auf Xerox eingetragen, wöchentlich sollen 30 neue US-Patente dazukommen. Auf der nächsten Seite: Intelligente Agenten und  Parkleitsysteme

Intelligente Agenten und Parkleitsysteme

Doch Xerox will auch aktiv bei den disruptiven Technologien wie Internet of Things (IoT) oder Maschinenintelligenz eine Rolle spielen. «In fünf Jahren wird die Maschinenintelligenz die Welt verändern» ist Beltrametti überzeugt. Vor 20 Jahren sagten Forscher ähnliches, doch die Entwicklung kam ins Stocken. Nicht zuletzt mussten die Forschungskonzepte der mobilen Entwicklung angepasst und neu justiert werden. Die Sprachassistenten Siri von Apple und Cortana von Microsoft sind ein Vorgeschmack, was auf uns zukommen wird. Auch Xerox kann mit einem «Intelligent Agent» aufwarten. Dieser wird zwar nicht mit Sprache gefüttert sondern mit Text und strukturierten oder kontextualisierten Antworten-Auswahl. Die Live-Demonstration zeigte: Call-Agents, welche nach einem Drehbuch Kundenanfragen bearbeiten, werden in Zukunft von Maschinen abgelöst und nur noch in Spezialfällen zum Zug kommen. Die Xerox-Lösung stösst auch in der Schweiz auf Interesse - ein namhaftes Unternehmen liess sich die Software vorführen, so Beltrametti. Der Nutzen für die Unternehmen sei klar: Kosten sparen. Bei der Finanzierung der Lösung zeigt sich Xerox flexibel - ein Ansatz ist ein Bonus-Malus-System: Je besser die Software ist, umso mehr spart das Unternehmen und umso mehr kann Xerox daran verdienen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte auch die Stadt Los Angeles. Sie überliess Xerox den Aufbau eines Smart-Parking-Systems. 8'000 Sensoren überwachen die öffentlich zugänglichen Parkplätze Downtown LA. Die Daten werden in Echtzeit übermittelt und ein Xerox-Algoritmus legt die Parkplatzpreise fest. Die aktuellen Preise werden in einer App oder via Parkleitsysteme angezeigt. Der Vorteil: weniger Stau, Abgase und effizientere Verkehrsströme. Doch das System hat auch Nachteile: «Die Sensoren sind eine kostspielige Angelegenheit und wir müssen diese mit Kameras ablösen, welche gleich mehrere Parkplätze überwachen können» sagt Beltrametti und weist gleichzeitig auf die Problematik der permanenten Überwachung hin. In diesem Spannungsfeld bewegt sich ein Unternehmen, welches Daten erfasst und analysiert. Es ist immer verdächtig, nach der Snowden-Affäre umso mehr.
Diese Erfahrung machte auch Guy Marguet, Projektleiter Infrastruktur beim Flughafen Genf. Xerox installierte dort ein neues Parking-System, welches auf Kontrollschilderkennung basiert. 20'000 Bewegungen müssen täglich abgewickelt werden und ein Flughafen ist natürlich immer wieder im Visier von Fahndern. Doch Marguet muss immer wieder Anfragen von Strafverfolgungsbehörden ablehnen - die gesammelten Daten dürfen nur 1 Woche lang einsehbar sein, danach werden Sie automatisch anonymisiert. Marguet gab aber auch zu Bedenken, dass neue Technologien immer unvorsehbare Reaktionen bei Menschen hervorrufen. Da sich die Schranken beim Parkhaus-Ausgang dank der Nummernschilderkennung selbst öffnen, kamen plötzlich neue Probleme auf die Flughafenverwaltung zu. Zum einem Littering, da die Menschen das nicht gebrauchte Parkticket einfach aus dem Fenster entsorgten. Ganz schlaue Zeitgenossen waren der Meinung, die Schranke öffnet sich sowieso und entwerteten das Ticket nicht mehr. Wiederum andere wollten es trotz geöffneter Schranke entwerten. Gerade letzteres Verhalten führte natürlich zu Verzögerungen und Rückstau.

Open Data ist die Zukunft

Beltrametti betonte bei Ihren Ausführungen, dass die von Xerox gesammelten Daten auch von Drittparteien angezapft und in eigenen Apps verarbeitet werden können. Im Falle des Parkleitsystems von LA zum Beispiel wäre Uber sicher sehr interessiert an einer Kooperation. Auch beim System am Flughafen Genf würde die Möglichkeit bestehen, via App die Abrechnung vorzunehmen. Laut Marguet ist man aber noch nicht soweit. Aber sind solche lokalen Apps die Zukunft? Findet der Nutzer im App-Dschungel genau die App, welche ihm diesen Service bietet? Das sei natürlich eine grosse Herausforderung für Xerox und die anderen Anbieter, so Beltrametti. Sie sieht aber grosses Potenzial bei den sogenannten City-Apps. Immer weniger Städter und auch Junge werden in Zukunft ein Auto kaufen. Umso wichtiger ist es für diese Klientel, den optimalen Transportmix zu finden. Eine City-App, wo sämtliche Informationen verfügbar sind, wäre ein idealer Einstiegspunkt. Daher ist auch Open Data so wichtig für die Zukunft. Xerox hat dies erkannt und verschliesst sich diesem Trend nicht.


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