01.04.2015, 10:43 Uhr

Init7 vs Deutsche Telekom. Oder David gegen Goliath zum Thema Netzneutralität

Init7 wirft der Deutschen Telekom Verstösse gegen die Netzneutralität vor. Der Telko-Gigant wehrt sich. Noch ist nicht klar, wer den Kampf gewinnt.
Es ist wieder einmal ein typischer Kampf David gegen Goliath. Auf der einen Seite die Deutsche Telekom, ein weltweit operierender Telekommunikationsgigant mit über 200 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 65 Milliarden Franken. Auf der anderen Seite Init7, ein Winterthurer Netzanbieter mit rund 20 Mitarbeitern, dessen Vorzeigeprodukt ein symmetrisches 1GB-FTTH-Angebot ist, das europaweit Massstäbe setzt. Dieser «Kleine» hat es gewagt, aufzumucken und sammelt Belege für Netzneutralitätsvorstösse der Deutschen Telekom. Init7 hat ber mehrere Tage Messungen fr zwei Testdateien vorgenommen. Dabei lief der Traffic einer Datei über einen in den USA ansässigen Partner, der seine Infrastruktur zu marktüblichen Preisen zur Verfügung stellt. Die andere Datei wird mittels Policy-Routing über eine direkte Verbindung zur Deutschen Telekom ausgeliefert. Die Unterschiede waren enorm, was Init7 zur Meinung veranlasste, grosse Internetanbieter würden kleinen Netzbetreibern nachteilige Peering-Verträge aufzwingen und so die Netzneutralität verletzen.

Aufgezwungen oder freiwillig?

Init7 hält nach dem Test fest, dass die «Grossen» ihre Peerings  - den Zusammenschluss von gleichrangigen Computernetzwerken zum Datenaustausch - mit anderen Netzen nicht an den steigenden Internetverkehr anpassen, ausser die Kleinen zahlen überhöhte Beträge. Solche Spiele könne sich die Deutsche Telekom nur erlauben, weil sie ein Monopol bei Endkundenanschlüssen habe und wie ein Türsteher Eintritt kassiere, sagte Init7-Chef Fredy Künzler gegenüber heise.de. Und gibt an, dass auch grosse Netzanbieter, als Beispiel nennt er TeliaSonera  - der Transitanbieter von Init7 -  in solche Verträge gezwungen werden. Dadurch würde die Telekom zweimal profitieren, denn eigentlich sei ihr Netz bereits über die Endkunden finanziert. Die Telekom liess sich diese Vorwürfe nicht gefallen, Netzneutralität ist dafür ein zu brisantes und vieldiskutiertes Thema. Philip Blank, Sprecher der Deutschen Telekom: «Die Behauptung von Init7 ist Unsinn. Es gibt keine bezahlte Überholspur. Verglichen wurde die direkte Netzzusammenschaltung mit uns mit einer über einen amerikanischen Netzbetreiber. Äpfel und Birnen also. Das gilt auch für die gegenständliche Welt: Wenn ich mein Paket von Deutschland nach Frankreich über die USA schicke, brauche ich mich nicht zu wundern, dass es länger unterwegs ist.» Und weiter: «Jeder Anbieter entscheidet selbst, mit wem er sich zusammenschliesst. Falls der amerikanische Anbieter die Kapazitäten der Netzzusammenschaltung erhöhen möchte, sind wir dafür offen.» Lesen Sie auf der nächsten Seite: Steht Goliath nochmals auf?

Zur Alternative gezwungen

Doch so einfach lässt sich Fredy Künzler nicht abspeisen und lädt seine Steinschleuder ein zweites Mal. Gegenüber heise.de hielt er an seinen Vorwürfen fest und konterte Blank mit der Aussage, dass viele Provider ihre Netze untereinander einfach so zusammenschliessen und für die Durchleitung keine Gebühren fordern würden, wenn der ein- und ausgehende Netzwerkverkehr etwa dem Verhältnis 1:1 entspreche. Das Verhältnis kippe jedoch schnell zu 50:1, wenn Telekom-Kunden Inhalte von Videostreaming-Plattformen wie Netflix abrufen. Denn die Telekom sei zwar ein Provider mit einer riesigen Endkundenbasis, biete aber kaum eigene Inhalte an. «Sie stellt sich aber dennoch auf den Standpunkt, dass der Sender für den Traffic zahlen müsse ? auch wenn der Netzwerkverkehr etwa von Telekom-Endkunden angefordert wird, also von den Empfängern bereits über deren DSL-Rechnung bezahlt ist», sagte Künzler gegenüber«heise.de». Ihr eigener Transitanbieter, die oben erwähnte TeliaSonera, sei darum nicht mehr in der Lage, Kapazität in Richtung Telekom zu verkaufen. Deshalb hätte Init7 in ihrem Vertrag eine entsprechende Klausel hinnehmen müssen, welche auf ihrer Webseite ausfhrlich erklrt wird. Die Nachfrage, doch wenigstens ein bisschen Traffic zur Telekom senden zu dürfen, hätte TeliaSonera abschlägig beantwortet. Init7 musste sich deshalb einen zweiten Transit-Anbieter suchen und wurde fündig im US-Unternehmen XO Communications. Allerdings waren auch die nur mit einer 1GB-Leitung als Telekomnetz angeschlossen, wodurch es schnell zu Engpässen kam. Die Telekom weigerte sich offenbar, Upgrades ohne neue Abmachungen zu schalten. Das Problem dabei sei nicht einmal die Latenz, sondern die Paketverluste, sagte Künzler. Je nach Tageszeit gingen bis zu 100 Pakete verloren, wie er in seinem Test bewies. Was die Telekom vorsätzlich in Kauf nehmen würde. «Schlussendlich zwingt die Telekom uns damit in einen direkten Vertrag, bei dem der Preis pro übertragenen MByte mehr als doppelt so hoch wie bei TeliaSonera liegt», sagte Künzler. Für 'gutes Routing zur Telekom' gebe es auf Marktpreis-Basis letztlich keine Alternative. Künzler behauptet, dass die Deutsche Telekom dieses Spiel seit Jahren betreibt und versteht nicht, warum man sie gewähren lässt. Er hofft, dass sich Politiker und Verbraucherschützer bald einschalten, sagt er auf «heise.de»: «Weil ? und darum geht es letztlich ? für die Endkunden ist es frustrierend, wenn sie nur stotternde Videos gucken können. Die Telekom investiert zwar Miliarden in den Netzausbau, dieser macht aber kurz vor der Interkonnektion ins Internet halt.» Hier würde in der biblischen Geschichte der Kampf zwischen dem Riesen und dem Kleinen enden. Goliath fiel nach einem Steinschleuderwurf tot um. Doch Fiktion wird nur sehr selten real. Lesen Sie auf der nächsten Seite: Goliath steht wieder auf In einem Statement gegenüber der Computerworld wehrt sich die Deutsche Telekom mit folgenden Worten gegen die Vorwürfe: «Da das Internet ein zweiseitiger Markt ist, sind unsere Kunden nicht nur die Internetnutzer auf der einen Seite, sondern auch die anderen Netzbetreiber und die Contentanbieter auf der anderen Seite. Bei der Netzzusammenschaltung gilt: Wenn das Verhältnis Geben/Nehmen zwischen zwei Partnern nicht einigermassen ausgeglichen ist, gibt es die Zusammenschaltung leider nicht kostenlos. Für den Ausbau der Kapazitäten der Netzzusammenschaltung sind jeweils beide Partner verantwortlich, sie müssen sich einigen. Zu versuchen, Druck über die Öffentlichkeit zu machen, um bessere Konditionen zu bekommen, ist dafür nicht hilfreich.» Auf den Vorwurf Künzlers, dass die Telekom nicht einfach von sich aus die Kapazitäten der Netzzusammenschaltung ausbaut, wenn der Datenstrom von einem Partner zunimmt, antwortet der Telko: «Das hätte den Effekt, dass andere Netzbetreiber mit den Preisen für die Contentanbieter noch weiter nach unten gehen können. Sie könnten die zunehmende Datenmenge ja einfach ins Netz der Telekom schaufeln, weil sie davon ausgehen könnten, dass die Telekom immer weiter ausbaut - ein Teufelskreis.» Den Infrastrukturausbau, für welchen die Telekom jedes Jahr Milliarden ausgebe, würden im Endeffekt nur die Internetnutzer finanzieren. Auf der Marktseite der Nutzer seien die Einnahmen der Branche aber rückläufig. «Durch den harten Wettbewerb und den - aus unserer Sicht - bisher falschen Fokus der Regulierung auf immer niedrigere Preise. Das ist das Dilemma und der Grund, warum wir die Kapazitäten für die Netzzusammenschaltung nicht einfach kostenlos immer weiter ausbauen können.» Mit Netzneutralität habe das gar nichts zu tun: «Es gibt keine Diskriminierung und keine Überholspuren, sämtliche Daten werden gleichbehandelt.»


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