23.10.2016, 18:17 Uhr

Huaweis Pläne für die Schweiz/Europa. Daran forschen die Chinesen

Mit 176'000 Mitarbeitern ist Huawei ein ICT-Schwergewicht. 55 Prozent seines Umsatzes generiert der Konzern im Ausland. Die Pläne für Europa und die Schweiz sind extrem ambitioniert. Was haben die Chinesen vor? CW sprach am Rande der Huawei Connect in Paris mit Europa-Business-Chef Jijun Luo.
In der Schweiz ist Huawei seit mehr als acht Jahren präsent, mit Offices in Zürich, Bern und Lausanne. Die etwa 180 Mitarbeiterinnen in Zürich (Dübendorf) sind für die Partnerschaft mit Sunrise und für das Consumer-Geschäft verantwortlich. In Bern (Köniz) kümmern sich 80 Angestellte um die Kooperation mit Swisscom und um Kunden aus der Finanzbranche. Die Chinesen kommen auf leisen Sohlen, man fällt nicht gleich polternd mit der Tür ins Haus. Kooperationen zum gegenseitigen Vorteil sind besser als brutaler Wettbewerb, so lautet die pragmatische Devise. "Wir wollen der bevorzugte Partner für Unternehmen in Europa und in der Schweiz werden", war auf der Huawei Eco-Connect in Paris, die Ende letzter Woche zu Ende ging, oft zu hören. Die erste grössere Enterprise-Konferenz des chinesischen Konzerns in Europa.
Partner sind für Huawei geschäftsentscheidend, denn (nur) 42 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen im Heimatmarkt China, 58 Prozent kommen aus Übersee. In der Schweiz hat Huawei für die Swisscom eine G.fast-Lösung entwickelt, die Haushalte und Unternehmen ausserhalb der Ballungsräume mit einer Bandbreite von bis zu 500 MBit pro Sekunde anbindet, nur über die bestehenden Kupferleitungen. Für Sunrise übernimmt Huawei den Betrieb und Ausbau des Mobilfunknetzes (SingleRAN-Technologie Radio Access Network).

Huaweis Schweizer Partner

Im September hat der Schweizer Aufzughersteller Schindler mit Huawei eine Vereinbarung unterzeichnet. Keiner bleibt gerne wegen technischer Defekte im Aufzug stecken. Das ist wirklich eine extrem unangenehme Kundenerfahrung. Per vorausschauender Wartung - Sensoren überwachen Verschleissteile und schlagen Alarm - will Schindler zusammen mit den Chinesen solche Katastrophen vermeiden und den Kundenservice verbessern. Zum Partner- und Kundenstamm in der Schweiz zählen unter anderem Julius Bär, die CSS Versicherung, abraxas, SiL (Service Industriels Lausanne), ticino.com, Quickline, das Cern in Genf, Accenture, PwC, Atos, die Hochschule Luzern, green.ch und die Zürich Business School. In Deutschland partnert der Konzern unter anderem mit der Deutschen Telekom (T-Systems) und mit SAP.
Mit 176'000 Mitarbeitenden weltweit ist Huawei ein Schwergewicht, vergleichbar mit dem US-Super-Merger 'Dell Technologies', das durch den Zusammenschluss von Dell mit der EMC-Gruppe entstanden ist. Die Chinesen bezeichnen sich als "grössten ICT-Anbieter der Welt". Das Unternehmen ist in mehr als 170 Ländern der Welt am Markt, zählt 3,5 Milliarden Endanwender und wächst stark: Allein in der ersten Hälfte 2016 wuchs der Umsatz um 36,5 Prozent, im vergangenen 2015 gesamt um 60,1 Prozent, 2014 gesamt um 46,5 Prozent. Pro Tag verkauft die Firma 50'000 Smartphoines auf den europäischen Ländermärkten (alle Zahlen laut Huawei). Und die Chinesen wollen noch mehr: 79'000 der gesamt 172'000 Mitarbeitenden arbeiten in der Forschung und Entwicklung (R&D). Was genau, das erfuhr Computerworld im Gespräch mit Jijun Luo, Vice President Solution Management bei Huawei und verantwortlich für das B2B-Geschäft in Europa. Nächste Seite: Huaweis Pläne für Europa und die Schweiz
CW: Herr Jijun Luo, Sie sind bei Huawei für die europäischen Business-Kunden verantwortlich. Wie sehen ihre Pläne für die Schweiz und für Europa aus?
Jijun Luo: Unsere Vision besteht generell in einer besser vernetzte Welt, und Europa spielt in unseren Strategieplänen eine entscheidende Rolle. Wir wollen Europa, gleich hinter China, zu unserem zweitwichtigsten Heimatmarkt machen. Wir haben in Europa zwei grosse Hauptniederlassungen, eine in Düsseldorf und eine in Warschau. Hinzu kommen 18 Forschungszentren in ganz Europa. 
Woran forscht Huawei zurzeit?
Jijun Luo: Wir betreiben Grundlagenforschung am HighSpeed-Übertragungsstandard 5G oder an schnelleren, optischen Übertragungsmedien, um die Kommunikationskanäle mit mehr Bandbreite und höhere Performance auszustatten. Das ist für die Zukunft sehr wichtig. Ganz oben auf unserer Forschungsagenda stehen natürlich auch Themen wie Machine-to-Machine-Kommunikation, das IoT, Virtual/Augmented Reality und optimierte Software-Architekturen.
Ausserdem forschen wir gemeinsam mit Technologieinstituten wie Fraunhofer ESK  (Eingebettete Systeme und Kommunikation) an Hype-Themen wie Künstliche Intelligenz und an 'Embedded Systems', also an schlanken, energiesparenden Systemen, die für das Internet der Dinge immer entscheidender werden. Wir integrieren unsere IoT-Router in komplexe Maschinen und laden die Sensordaten damit direkt in die Cloud zur weiteren Analyse und Auswertung hoch. Auch die Automobilkonzerne Volkswagen, Audi und Daimler gehören zu unseren Forschungspartnern.
Wir sind keine Wettbewerber, sondern Partner. Unsere Philosophie besteht darin, zunächst die Märkte zu verbreitern oder ganz neu zu kreieren, und erst dann in Wettbewerb zueinander zu treten. Es ist besser, ein kleines Stück von einem wachsenden Kuchen zu haben als ein riesengrosses Stück von einem schrumpfenden Markt. Denn wenn Sie das nicht tun, haben Sie am Ende ein Riesenstück von gar nichts, weil der Markt nicht mehr existiert.
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Was dürfen Partner und Kunde von ihrer 5G-Forschung erwarten?
Jijun Luo: 5G wird eine ganze Reihe vertikaler Industrien revolutionieren. Car-to-Car-Kommunikation benötigt eine sehr schnelle Kommunikation in Echtzeit, um zum Beispiel drohende Unfälle abzuwenden. Die Latenzzeit darf 1 Millisekunde (1 Tausendstel Sekunde) nicht überschreiten. Das ist zehn Mal schneller als die heute gebräuchlichen Systeme. Ein zweites Beispiel: High-Definition-Videos brauchen einen Datendurchsatz von 30 bis 100 GBit pro Sekunde (pro Link), auch dort müssen die herkömmlichen Netze an Performance und Datendurchsatz noch gewaltig zulegen. 
Wann wird Car-to-Car-Kommunikation den Markt erobern?
Jijun Luo: Ich glaube, dass diese Technologie bis 2018 marktreif sein wird. Bis 2020 werden mindestens 20 Prozent der Fahrzeuge, die auf den Strassen rollen, miteinander verbunden sein und kommunizieren. Die zweite ganz grosse Sache sind autonome, allein durch Software gesteuerte Automobile. 
Was haben die Kunden, also die Fahrer der Automobile, davon?
Jijun Luo: Es gibt in der Car-to-Car-Kommunikation drei Layer oder Anwendungsszenarien. Den ersten nennen wir eCar, also ein Kanal für Notfälle, der die Sicherheit auf der Strasse erhöht. Der zweite ist der Entertainment- und Infotainment-Kanal für die Fahrgäste, um die Fahrzeit nutzen zu können. Der dritte Layer besteht aus Assistenz-Systemen, die den Fahrer beim Navigieren und Steuern unterstützen, also etwa software-gesteuerte Beschleunigungs- und Bremssysteme. Diese Systeme gibt es zwar schon, aber das Service-Level ist noch verbesserungswürdig. Intelligente Transportsysteme (ITS) werden leistungsfähiger und noch viel wichtiger werden.
Chinesischen Ingenieure haben bereits eine Passagierdrohne für den Transport entwickelt (Ehang). Glauben Sie, dass es in naher Zukunft autonome Drohnen geben wird, die der Fahrgast per Kreditkarte bezahlt und die ihn über alle Verkehrstaus hinweg zum Beispiel in fünf Minuten zum Flughafen fliegt?
Jijun Luo: Technisch ist eine solche autonome Passagierdrohne, wie sie sie beschreiben, durchaus möglich. Zurzeit reicht die Akku-Leistung für einen 45 Minuten langen Flug. Die Flug-Dienstleistung ist also noch auf Taxifahrtlänge begrenzt. Ausserdem müssten noch Flugrechte, Haftungfragen und Lizenzrechte geklärt werden.
Aber lassen Sie mich zu ihrer 5G-Frage noch ergänzen: Eine weitere Herausforderung der HighSpeed-Kommunikationenetze der Zukunft ist die Massenkommunikation. Die Anzahl der Verbindungen, die pro Sektor (pro Basisstation) möglich ist, wird sich vertausendfachen. Auch daran forschen wir zurzeit. Bedenken Sie: Zurzeit besteht der Haupttraffic, denn die Netze bewältigen müssen, aus Mensch-zu-Mensch-Kommunikation. In Zukunft kommen Sensoren und Machine-to-Machine-Kommunikation hinzu. Die Netze müssen also viel leistungsfähiger und integrierter werden, um diesen Traffic in angemessener Zeit bedienen zu können.
Unsere Vision sieht so aus: Nur mit Hochleistungsnetzen, IoT, künstlicher Intelligenz, smarten Algorithmen und der Cloud können wir es schaffen, eine smarte Society der Zukunft zu bauen.
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Das ist eine sehr ansprechende Vision. Welche Rolle messen Sie dabei der Künstlichen Intelligenz zu? IBMs Watson bringt da schon ganz erstaunliche Dinge zustande.
Jijun Luo: Da gibt es sehr viele Facetten. Maschinelle Intelligenz wird die Leute von eintöniger Arbeit befreien, sodass sie ein erfüllteres und reicheres Leben führen können.
Viele Menschen befürchten, dass ihnen die smarten Maschinen die Jobs wegnehmen.
Jijun Luo: Diese Bedenken liegen nahe. Auf der anderen Seite werden aber auch neue Jobs entstehen, und am Ende werden die Menschen die Maschinen beherrschen, und nicht umgekehrt. Maschinen sind eine Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten, Menschen sollten die Kontrolle über sich und über ihre Gesellschaft nie abgeben. Viele sehr menschliche Fähigkeiten werden Maschinen auch niemals erlernen können. 
Ausserdem: Es gibt einen prinzipiellen Unterschied zwischen der organischen und der digital-binären Welt. Wenn Sie Problematiken von der menschlichen in die digitale Welt - also in Nullen und Einsen - übersetzen, gehen immer wichtige Informationen verloren. Dieses Defizit hängt den Maschinen an.
Für uns kommt es darauf an, nicht stehen zu bleiben, sondern weiter Forschung zu betreiben und voran zu schreiten. Huawei macht das zusammen mit Partnern in der ganzen Welt, in Europa, in den USA, in der Schweiz und in Deutschland. Denn viele Probleme sind zu mächtig, als dass man sie im Alleingang lösen könnte. 


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