24.10.2011, 16:01 Uhr

«Wir müssen alte Lehrinhalte ausmisten»

Die Schweizer IT-Branche fordert mehr Informatikunterricht an helvetischen Schulen. Computerworld hat sich mit Walter Gander, Leiter Kommission Bildung bei ICTswitzerland, darüber unterhalten, wie der Dachverband die IT-Ausbildung hierzulande erneuern will.
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Walter Gander ist Professor am Department of Computer Science an der ETH Zürich. Zudem leitet er die Kommission Bildung beim Dachverband ICTswitzerland
Computerworld: ICTswitzerland setzt sich bereits seit längerem dafür ein, dass die Informatikausbildung an Schweizer Schulen eine höhere Bedeutung erhält. Warum ist Informatik aber bis heute hierzulande noch kein Pflichtfach?
Walter Gander: Der Weg für echte Änderungen in den Schulen ist bei uns sehr steinig und mühsam.
Was heisst das konkret?
In der Schweiz sind die Schulsysteme kantonal. Wir können daher nicht irgendetwas zentral vorschreiben. Veränderungen funkionieren also nur durch Überzeugungsarbeit und die ist nicht einfach.
In dem Memorandum fordern Sie unter anderem, Informatik als Pflichtfach an Schulen einzuführen. Wo aber sollen die Stunden hierfür abgezweigt werden? Oder sollen Schülerinnen und Schüler künftig länger zur Schule gehen?
Wenn ein neues Fach eingeführt werden soll, dann müssen die Karten neu gemischt werden. Es genügt nicht, da und dort eine Stunde abzuzwacken oder ein weiteres freiwilliges Ergänzungsfach einzuführen. Natürlich können wir nicht zusätzlich zum bestehenden Lehrstoff noch mehr verlangen. Ein Ausmisten von alten, wirklich nicht mehr relevanten Lehrinhalten ist die Lösung.
Welcher Lehrstoff ist heutzutage Ihrer Ansicht nach denn nicht mehr relevant beziehungsweise welche Inhalte sollten Ihrer Meinung nach ausgemistet werden?
Das kann ich nicht alleine beantworten. Hier muss eine Kommission von Fachleuten bestellt werden, die sich intensiv mit der Frage beschäftigt, welches Wissen in den Schulen im 21. Jahrhundert vermittelt werden soll. Als Maturaexperte bei mündlichen Prüfungen in Mathematik staune ich aber immer wieder, dass Stoff abgefragt wird, der vor 50 Jahren vielleicht relevant war, heute aber sicher durch neuere Inhalte ersetzt werden müsste.
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Computerworld: Warum ist es Ihrer Ansicht nach so wichtig, dass im Informatikunterricht an Schulen auch das Programmieren gelehrt wird?
Gander: Im Falle der Informatik ist es besonders schwierig, die Verantwortlichen von der Notwendigkeit als Grundlagen- und Schwerpunktfach zu überzeugen.
Wie meinen Sie das?
Gander: Informatik wird fälschlicherweise nur mit guten Anwenderkenntnissen im Umgang mit Computern gleichgesetzt. Das grundlegende Wissen, die wissenschaftliche Seite des Fachs, wird hingegen oft nicht berücksichtigt. In der Schule muss aber sicher beides gelehrt werden. Den Schwerpunkt muss man allerdings auf die langlebigen Grundlagen setzen: die Algorithmik und das Problemlösen.
Welchen Nutzen hätte dies?
Ein solches Informatikfach wäre erstens attraktiver als das blosse Bedienen der Maschine. Zweitens würde es bei den Jugendlichen konstruktives sowie kreatives Denken schulen und gleichzeitig auch das exakte Arbeiten. Das alleine wäre schon die Einführung des Faches Informatik wert.
Wie hoch schätzen Sie die Chancen dafür ein, dass Ihre Forderungen in künftigen Schweizer Lehrplänen berücksichtigt werden?
Ich bin sicher, dass die Reformen kommen werden. Wir können die hiesige High-Tech-Industrie nicht ausschliesslich mit «Fremdarbeitern» ohne adäquate Grundbildung der Schweizer Jugendlichen aufrechterhalten.
Das Memorandum datiert mit 20. Juli 2011. Wurde das Papier tatsächlich schon im Sommer verabschiedet?
Ja, das ist korrekt. Die Idee war, dass das Memorandum der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) zugestellt werden solle. Das ist Ende Juli auch geschehen. Die EDK hat aber bisher nicht darauf reagiert und so schien es uns richtig, das Memorandum nun breiter zu streuen.
Wollen Sie so also Druck auf die EDK erzeugen, um die Forderungen aus Ihrem Memorandum in künftige Lehrpläne einfliessen zu lassen?
Nein, wir können keinen wirklichen Druck ausüben. Wenn wir aber nicht wollen, dass unsere Arbeit einfach in einem schwarzen Loch verschwindet, dann soll sie wenigstens einem grösseren Kreis bekannt gemacht werden und vor allem eine dringend nötige Diskussion über die Lehrinhalte in den Schulen auslösen.
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Computerworld: Welche Massnahmen wollen Sie ausser dem Memorandum noch ergreifen, um Ihre Forderungen durchzusetzen?
Gander: Zum Glück sind wir nicht alleine mit unserer Meinung. Zürich möchte mit der Initiative eZürich zu Recht das Silicon Valley von Europa werden. Mit den Forschungslabors von Google, IBM und Disney sind wir auf dem besten Weg dazu. Die eZürich-Initiative passt ausgezeichnet zu unseren Forderungen.
Im Zuge dessen ist die Informatikausbildung also auch wichtig für die Zukunft der Schweiz?
Ja. Die Frage ist aber, wie wir unsere Jugendlichen dafür begeistern können. Das funktioniert nur mit einer seriösen Grundausbildung. Nichts geht heute ohne IT und wir tun in der Ausbildung so als gäbe es Informatik nicht.
Wie wollen Sie den Status quo ändern?
Wir können nur versuchen, die Bildungspolitiker von der Notwendigkeit des Informatikunterrichtes zu überzeugen. Wir können auch Pilotversuche mit Informatikunterricht durchführen, sofern die Schulen das zulassen. Dies ist bereits mit Erfolg an verschiedenen Orten geschehen.
Wo beziehungsweise an welchen Schulen werden diese Pilotversuche derzeit durchgeführt?
Professor Juraj Hromkovic vom Ausbildungs- und Beratungszentrum für Informatikunterricht der ETH Zürich (ABZ) hat schon an über 30 Schulen solche Pilotversuche durchgeführt. Recht erfolgreich sind diese Pilotversuche beispielsweise im Kanton Graubünden. So haben sich etwa schon die Primarschulen von Saas und Domat/Ems engagiert.
Harald Schodl


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