IBM-Chefin Rometty 28.10.2016, 17:38 Uhr

700 Firmen nutzen Watson

IBM-Chefin Ginni Rometty unterstrich mit einer Rede an der Konferenz «World of Watson» die Bedeutung der Watson-Technologie für den IT-Konzern. Der Swiss Re nimmt Watson Arbeit ab.
IBM lädt Kunden und Partner einmal pro Jahr an Konferenzen zu seinen verschiedenen Geschäftsbereichen ein. An der «Connect» geht es um Collaboration, an der «Edge» um Infrastruktur, an der «Amplify» um Marketing, an der «Insight» um Analytik und so weiter. Die Analytik-Konferenz hiess in diesem Jahr erstmals «World of Watson». Und IBM-Chefin Ginni Rometty demonstrierte mit ihrer Keynote die grosse Bedeutung der Watson-Technologie für Big Blue. Denn bis anhin liess sie sich selten bis nie an einer der Hausmessen blicken. 
An die Konferenz in Las Vegas brachte Rometty grosse News mit: IBM verzeichnet heute 700 Anwenderunternehmen, die Watson entweder testen oder bereits nutzen. «Watson hat heute hunderte Millionen Endanwender. Ende nächsten Jahres sollen es eine Milliarde sein», sagte sie. Damit die Zahl erreicht wird, geht IBM unter anderem eine Partnerschaft mit dem zweitgrössten Automobilkonzern der Welt ein. General Motors (GM) und Big Blue wollen die Mobility-Plattform «OnStar» der Marken Buick, Cadillac und Chevrolet mit Watson-Technologie erweitern.  Vorerst nur in den USA soll das künftige «OnStar Go» mit Watson-Technologie ausgerüstet werden. «Die Menschen verbringen heute durchschnittlich 37'000 Stunden ihres Lebens im Auto», wusste Rometty. Diese Zeit sollen die Lenker und ihre Fahrgäste in Zukunft besser und sinnvoller nutzen können. 
Dafür lernt die IBM-Technologie Fahrgewohnheiten, typische Routen und weitere Eigenheiten der Insassen. Per Sprachbefehl kann dann nicht nur die Route geplant, sondern auch die Tankfüllung per hinterlegter Kreditkarte bezahlt oder der Kaffee bei der Filiale entlang des Weges vorbestellt werden. Geplant sind zudem personalisierte Entertainment-Angebote oder Verkehrsnachrichten, sagte Mary Barra, CEO von General Motors, auf der Bühne der «World of Watson». GE partnert dafür mit Anbietern wie ExxonMobil, iHeartMedia, Mastercard und Parkopedia. Watson bekommt Schnittstellen zu den Dienstleistern, was für weitere Anwendungen nützlich sein dürfte. Nächste Seite: Asthma-Attacken verhindern Viele der 700 Watson-Kunden stammen aus dem Gesundheitsbereich. Die Technologie ist ideal für diese wissensintensive Sparte: Der Computer kann unendlich viele Inhalte erfassen, auswerten, Beziehungen zwischen den Fakten herstellen und den Ärzten mit zusätzlichem Know-how assistieren. «Allein 2015 wurden 200'000 wissenschaftliche Artikel über Krebs veröffentlicht. Diese Masse an Information kann sich kein Mensch merken», sagte Professor Satoru Miyano, Krebsforscher an der University of Tokyo, an der Konferenz. Miyano und seine Kollegen arbeiten selbst seit gut einem Jahr erfolgreich mit Watson zusammen, wie er sagte.
Eine neue Partnerschaft schliesst IBM mit Teva, einem der grössten Pharmazie-Konzernen der Welt. Firmenchef Professor Yitzhak Peterburg erklärte IBM-Chefin Rometty auf der Bühne, dass die Watson-Technologie Teva einerseits helfen soll, das Potenzial existierender Arzneien zur Bekämpfung neuer Krankheiten zu evaluieren.  Andererseits will der Konzern auch neue Behandlungsansätze für chronische Krankheiten entwickeln. In einem Demovideo zeigte Peterburg, wie ein Asthma-Patient von Watson vor einem möglichen Anfall gewarnt werden kann: Indem der Computer das Krankheitsbild mit Umgebungsmesswerte wie Allergengehalt der Luft, Luftverschmutzung sowie Wetterdaten kombiniert und Informationen von anderen Patienten aus der gleichen Region hinzufügt, soll eine Asthma-Attacke durch die gezielte Einnahme von Medikamenten verhindert werden können. Die Vorsorge-Software wird von Teva entwickelt, die Arznei stammt dann natürlich auch von Teva. Im Video war auch ein 3D-Medikamentendrucker zu sehen, den der israelische Konzern aber noch nicht im Portfolio hat, wie Peterburg gestand. Nächste Seite: geheimes Swiss-Re-Projekt Der Rückversicherer Swiss Re hatte im vergangenen Jahr seinen grossen Auftritt an der Insight, dem Vorgänger der «World of Watson». Ginni Rometty erwähnte das Schweizer Unternehmen aber auch in diesem Jahr nochmals: «Die Swiss Re trainiert Watson im Underwriting», sagte sie. Wie am Rande der Konferenz zu hören war, ist das Projekt aber streng geheim. Der Wettbewerbsvorteil durch den Einsatz der Watson-Technologie wird für Swiss Re offenbar so gross, als dass sich die Experten nicht in die Karten schauen lassen wollen. Dennoch gaben Vertreter des Versicherungskonzerns einige Einblicke in andere Anwendungen für Watson. Für die Watson-Lösungen im Versicherungsgeschäft hat Swiss Re zusammen mit IBM ein eigenes Team gebildet. Wie Gianluca Antonini, ‎Director Information Technology bei Swiss Re, an dem Anlass sagte, arbeiten im «Digital & Smart Analytics Competence Center» 12 interne und 15 externe Angestellte in Zürich, Armonk, Bangalore, Hongkong und Singapur an neuen Anwendungen. Auf der Basis des Produkts «Watson Explorer» hätten die Experten etwa Suchmaschinen für unterschiedliche Fachbereiche des Konzerns entwickelt. Der Vorteil: Anstatt eines zum Beispiel 80-seitigen Dokuments können Fachanwender neu eine 5-seitige Zusammenfassung lesen, um alle relevanten Informationen zu einem Spezialthema zu erhalten. Dafür wurde die Watson-Technologie von den Experten trainiert, indem vorhandene Texte in einzelne Absätze oder nur Sätze zergliedert und anschliessend die Wichtigkeit der Textabschnitte bewertet manuell wurde, sagte Antonini.

Sicherheitsrisiko Watson

Die Experten von Swiss Re beschäftigen sich allerdings nicht nur mit den Chancen der neuen Technologien, sondern auch mit den Risiken. Die allgegenwärtige Vernetzung ist laut einer gemeinsamen Studie des Rückversicherers und des IBM Institute for Business Value mittlerweile das grösste Risiko überhaupt. Naturkatastrophen und Unglücke werden als weniger kritisch angesehen, sagten die befragten 800 CIOs in der Untersuchung «Cyber and beyond». Für den Schutz vor Cyber-Risiken setzen 78 Prozent auf proprietäre Technologie und 64 Prozent auf Open Source, sagte Maya Bundt, Head Cyber & Digital Strategy bei Swiss Re. Eher schlecht für IBMs Watson ist die mehrheitliche Einschätzung (68 Prozent), dass «Cognitive Computing» die Risiken für Unternehmen noch erhöht.


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