SharePoint 08.12.2010, 13:29 Uhr

Infrastruktur-Wildwuchs vermeiden

Microsofts Multifunktionsplattform für Teamarbeit und Dokumentenmanagement ist ein Milliardengeschäft. SharePoint dient häufig dazu, die Komplexität der IT-Systeme zu reduzieren.
$$
Eric Swift von Microsoft will SAP in SharePoint einbinden
SharePoint ist eines der weltweit am stärksten wachsenden Microsoft-Produkte. Die multifunktionale Serveranwendung ist auch hierzulande sehr beliebt. Ein Beleg dafür sind die ersten «Collaboration Days» in Luzern. Mitveranstalter Samuel Zürcher, zugleich Gründer von SharePointCommunity.ch, war erfreut über den Premierenerfolg: «Mit rund 320 Teilnehmern waren wir ausverkauft. Dabei umfasst die grösste SharePoint-Community der Schweiz nur knapp 380 Mitglieder.» Die «SharePoint Community Schweiz» organisiert Zürcher derzeit hauptsächlich über Xing. Im nächsten Jahr plant der neu gegründete Verein mehr Aktivitäten. Eine wird die Wiederholung des diesjährigen Anlasses sein. Die Bedeutung von SharePoint für Microsoft betonte Produktmanager Eric Swift aus Redmond: Die Lösung sei mittlerweile ein 1,3-Milliarden-Dollar-Business. «Heute liefern über 300 Software-Häuser Ergänzungen zu SharePoint und 8000 Partner stehen den Kunden für Beratung und Implementierung zur Seite», sagte Swift. Der SharePoint-Markt habe weltweit ein Volumen von 5,6 Milliarden US-Dollar.

Anwendungen konsolidieren

Swift rechnet mit weiterem Wachstum, nicht zuletzt wegen «Duet Enterprise». Die Lösung soll es Unternehmen erlauben, eine Brücke zwischen SAP-Anwendungen und SharePoint zu schlagen. So können Benutzer der Microsoft-Plattform Zugriff auf beispielsweise ERP- und CRM-Daten in ihren SAP-Systemen erhalten. War die Fertigstellung von «Duet Enterprise» bislang noch für dieses Jahr angezielt, sprach Swift nun von dem Release «in einigen Monaten». SharePoint als Bedienoberfläche für SAP ist eine Anwendung, mit der in Unternehmen die Komplexität der IT-Infrastruktur reduziert wird. Die Microsoft-Lösung dient aber auch, um Anwendungen zu konsolidieren, zum Beispiel beim Dokumentenmanagement oder dem Abbilden von Geschäftsprozessen. Microsofts Visio ist ein in Firmen häufig verwendetes Programm, dass neu auch an SharePoint 2010 angedockt werden kann. Die Plattform wird etwa bei der Ablösung von Lotus Notes genutzt, um Datenbank-basierte Anwendungen aus der IBM-Welt in der Microsoft-Umgebung zu realisieren. T-Systems Schweiz steht nach Aussage von Produktmanager Alexander Brügger vor der Notes-Migration bei einem Kunden mit 15'000 Sitzen. Auch ohne einen Plattformwechsel ist die SharePoint-Einführung kein Kinderspiel. Mehr dazu auf der nächsten Seite.
Advis, Logica, Nexplore und T-Systems sind vier vier von mehreren Dutzend IT-Dienstleistern und Entwicklerfirmen, die den Schweizer Markt mit SharePoint-Lösungen beliefern. Das Geschäft brummt, sagt Alexander Brügger: «T-Systems macht hierzulande einen Millionenumsatz mit den Microsoft-Programmen.» Das Produkt «Dynamic Services» sei eine exklusive Schweizer Offerte, die als Software-as-a-Service ausgeführt ist. Kunden bezahlen nur die Kapazitäten, die sie wirklich nutzen. Die Infrastruktur wird von T-Systems in redundant ausgelegten Rechenzentren betrieben, Kunden können geteilte oder dedizierte Systeme buchen. Immer separat laufen die Applikationsserver, wobei T-Systems Schweiz mit einem Team aus zwölf SharePoint-Spezialisten heute noch wenig Eigenentwicklung leiste, erläutert Brügger. Bei den Individuallösungen kommen Partner wie Advis oder Nexplore ins Spiel.

SharePoint auf der «grünen Wiese»

Häufig gehen Unternehmen und Organisationen aber nicht so überlegt vor, wie es sich die Architekten und Dienstleister vorstellen. «Es ist heute eher die Regel als die Ausnahme, dass in Firmen schon SharePoint-Installationen vorhanden sind», weiss Cornelia Rey-Rosenberg von Logica Switzerland. In Fachabteilungen gäbe es zum Teil regelrechten «Wildwuchs» von Dokumentenarchiven, My Sites und Teamsites. Der hinzugezogene Berater müsse die installierte Basis dann zunächst konsolidieren, bevor eine zielbewusste Einführung von Sharepoint  erfolgen könne. Wenn SharePoint auf der «grünen Wiese» implementiert werden kann, gibt es meist wenig Probleme, sagt die Logica-Managerin. Ähnliche Erfahrungen machte auch Alexander Brügger T-Systems. Mittlerweile warnt er seine Kunden davor, SharePoint pauschal mit allen Funktionen einzuführen. «Aus dem Vollen zu schöpfen ist nicht effizient», betont der Produktmanager, und schliesst an: «Insbesondere wenn es um Effizienzsteigerungen durch eine zentrale Dokumentenablage und Teamarbeitsplattform geht, sind die diversen anderen Funktionen von SharePoint eher kontraproduktiv.» Der grosse Leistungsumfang sei etwas das «Dilemma von SharePoint». Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Einführung auch der SharePoint Foundation gut geplant sein will – obwohl die Plattform gratis abgegeben wird. Die SharePoint Foundation – zuvor bekannt als Windows SharePoint Services – ist für Firmen verlockend, denn das Add-On für Windows Server darf kostenlos installiert werden. Zwar ist der Funktionsumfang im Vergleich mit SharePoint Server reduziert, Teamsites und Geschäftslogiken lassen sich aber auch mit Foundation realisieren. Dem naheliegenden Schluss, die Gratislösung «verführe» Unternehmen dazu, SharePoint eher einzusetzen, widerspricht Rey-Rosenberg von Logi

Foundation oder Server

Gemäss der Expertin wägen IT-Entscheider bewusst zwischen Foundation und Server ab – je nach individueller Anforderung. Der Entscheid für Foundation werde bewusst getroffen, oftmals bei knappen Budgets. «Bei Foundation ist oft viel Konfigurationsarbeit notwendig. Manche vom Kunden gewünschten Funktionen können nicht 1:1 umgesetzt werden», sagt Rey-Rosenberg. Dann gäbe es Alternativlösungen, die meist ebenso zum Ziel führen. Der Mehraufwand muss jedoch dem Management detailliert erklärt werden. «Ohne die enge Zusammenarbeit mit dem IT-Team sowie der Fachabteilung sind Foundation-Projekte nicht zu realisieren», so die SharePoint-Teamleiterin von Logica. Dafür sei der Rückhalt aus der Geschäftsleitung erforderlich. Die Zustimmung des Kaders ist meist aber schon aufgrund der vergleichsweise tiefen Kosten gegeben. Denn eine Server-Installation kann ganz schön ins Geld gehen, weiss Alexander Brügger von T-Systems Schweiz. Neben den tausenden Franken für die Server-Software selbst kämen noch einmalig über 100 Franken pro Zugriffslizenz hinzu. Bei grossen Installationen sind Unternehmen rasch im sechsstelligen Bereich. Zum Vergleich: Für die SaaS-Lösung «Dynamic Services» berechnet T-Systems laut Produktmanager Brügger Beträge um die fünf Franken pro Arbeitsplatz und Monat. Die Kostendiskussion wird sich mit dem Office365-Paket von Microsoft wieder relativieren, wenn Preismodelle pro User verfügbar werden.

Fachkräftemangel

Solche Offerten sind nur realisierbar, wenn die Kunden mit dem Standard-Leistungsumfang zufrieden sind oder genügend Entwickler für individuell programmierte WebParts und Businesslogiken verfügbar sind. «Der Markt für SharePoint-Entwickler ist ausgetrocknet», konstatiert Brügger. Das sei nicht nur hierzulande so, auch in Deutschland gäbe es kaum Personal. Jedoch könne T-Systems Schweiz auf Ressourcen zum Beispiel in der Dresdner Dependance zurückgreifen, wenn Not am Mann ist. In der Stadt an der Elbe sind unter anderem 300 Microsoft-Entwickler beschäftigt.
In einer ähnlich komfortablen Position weiss sich Logica, der als internationaler Dienstleister mit lokaler Präsenz in der Schweiz seinen Kunden die Projektdurchführung im so genannten «Blended-Delivery–Ansatz» anbietet. Dabei erfolgt die Analyse und Konzeption, sowie die Projektleitung und Qualitätssicherung vor Ort durch Schweizer Mitarbeiter. Die Implementierung findet je nach Kundensituation onsite beim Kunden, in den Logica Lokationen in der Schweiz oder in Nearshore- oder Offshore-Delivery-Centern statt. Cornelia Rey-Rosenberg hat dabei Zugriff auf mehr als tausend Microsoft-zertifizierte Berater und setzt dieses Netzwerk gezielt ein, um Junior-Berater oder -Entwickler nachhaltig zu entwickeln.
Harald Schodl


Das könnte Sie auch interessieren