02.10.2008, 11:11 Uhr

Zukunftstrends 2015

Worauf müssen sich Informatiker in Zukunft einstellen? Cloud Computing, die totale Vernetzung und Embedded Systems werden die IT-Szene und unsere Alltagswelt in den nächsten Jahren entscheidend prägen.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, und zwar gleich doppelt.
Arbeitnehmer, die aktuelle Trends verschlafen, riskieren ihren Arbeitsplatz. Unternehmen, die solche Mitarbeiter beschäftigen, verpassen attraktive Marktchancen. Ein Blick in die Kristallkugel lohnt sich daher für beide Seiten. Dabei kündigen sich die meisten Zukunftstrends bereits leise in der Gegenwart an.

Beispiel Grid und Cloud Computing: Geht der eigene Serverpark in die Knie, mieten Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen schon heute zusätzliche Rechner an, anstatt neue Hardware einzukaufen. Das Kernforschungszentrum CERN etwa führt seine extrem CPU-zeitintensiven Berechnungen über ein Grid-Computernetz aus, das etwa 100000 Prozessorkerne umfasst. Das Grid besteht dabei aus einem Cluster lose miteinander gekoppelter Computer, die in den 200 Rechenzentren von 39 Ländern stehen. Das Konzept besticht gleich durch mehrere Vorteile: Auch unerwartete Spitzenlasten lassen sich sehr schnell bedienen, denn ein Grid ist hochskalierbar. Bei Bedarf verstärken zusätzliche Grid-Computer den eigenen Rechnerpark, um den aktuellen Arbeits-Peak zu bewältigen. Sinkt die Auslastung, gibt das CERN die dazu geschalteten Server einfach wieder frei - schnell, flexibel und kostensparend.

Cloud = Grid + SaaS

Hinter dem Zukunftstrend Cloud Computing steckt im Wesentlichen nichts anderes als
ein kommerzielles Grid-Cluster. Jedoch kommt eine entscheidende Komponente hinzu: Software-as-a-Service (SaaS). Unternehmen mieten nicht nur schiere Server-Power, sondern die benötigten Software-Lösungen gleich mit dazu. Kosten fallen dabei nur für die tatsächliche Nutzungsdauer an. Ganz anders verhalten sich an Spitzenlastzeiten ausgerichtete eigene Serverparks, die unter Normalbedingungen unterfordert sind und hohe Betriebskosten, aber nur wenig geldwerten Nutzen generieren.

Das neue Kombi-Angebot aus Grid und SaaS hat kürzlich der New York Times aus der Patsche geholfen: Die Zeitung wollte ihr elf Millionen Artikel umfassendes Archiv ins Web stellen und musste für diesen Zweck sämtliche Artikel ins PDF-Format konvertieren. Die eigenen Ressourcen reichten dafür nicht aus. Mithilfe des Cloud-Computing-Anbieters Amazon (E2C) war das Konvertierungsprojekt dagegen innerhalb von drei Tagen erledigt.

IT-Abteilungen aufgelöst

Cloud Computing ist nichts völlig Neues, sondern die konsequente Weiterentwicklung bereits bestehender Technologien. Donald Kossmann, Informatikprofessor an der ETH Zürich, sieht in der neuen Technik ein riesiges Potenzial, das die IT-Welt gehörig durcheinanderwirbeln wird. «Insgesamt wird die IT-Abteilung in den meisten Unternehmen geschwächt, wenn nicht gar völlig aufgelöst», prophezeit er. Die gesamte IT wandert in die Cloud ab. Sicher, eine kühne These, aber ein Körnchen Wahrheit steckt schon darin. Noch aber dominieren die Bedenkenträger den Geschäftsalltag.

Denn IT-Manager fürchten vor allem vier Risikofaktoren: fehlende Sicherheit, unakzeptabel hohe Latenzzeiten, Lücken in der Verfügbarkeit und fehlende Service Level Agreements (SLA). Bei der Schwestertechnologie SaaS führen Unternehmen ähnliche Risikofaktoren ins Feld, fand Craig Roth von der US-amerikanischen Beratungsfirma Burton Group heraus (vgl. «SaaS Implementation Survey: Where, When and How to Use SaaS», 2008). Zumindest die Sicherheitsbedenken erwiesen sich jedoch als grösstenteils unbegründet. 48 Prozent der von den Marktforschern befragten 300
Unternehmen sorgten sich um ihre Sicherheit, aber nur 18 Prozent hatten in den
vergangenen zwei Jahren tatsächlich mit Sicherheitsproblemen zu kämpfen.

Rigorose Vertragsstrafen

Konnektivitätsprobleme haben jedoch immerhin bei 45 Prozent aller Firmen für Kopfschmerzen gesorgt. Marktanalyst Roth rät daher SaaS-Kunden, Vertragsstrafen für Downtime- und hohe Latenzzeiten rigoros zu verhandeln, um geschäftliche Nachteile durch Konnektivitätsprobleme abzufangen. Der Ratschlag lässt sich ohne Abschläge auch auf Cloud Computing übertragen.

Welche IT-Trends werden in den nächsten Jahren die Geschäfts- und Alltagswelt entscheidend prägen? Aufschluss gibt die aktuelle Delphi-Studie «Zukünftige Informations- und Kommunikationstechniken», die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (www.isi.fraunhofer.de) durchgeführt hat. Die beiden Wissenschaftlerinnen Kerstin Cuhls und Simone Kimpeler formulierten 35 Zukunftsthesen, die in zwei Runden von jeweils 2064 respektive 681 IT-Experten auf ihre Eintrittswahrscheinlichkeit beurteilt werden sollten. 61 Prozent der befragten Experten arbeiten in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen.

Totale Vernetzung im Alltag

Das Internet der Dinge, also die elektronische Vernetzung von Alltagsgegenständen, Waren und Gütern unter anderem durch RFID-Chips (Radio Frequency Identification), halten 43 Prozent bis zum Jahr 2015 für machbar. Die neue Technologie wird Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben. Technische Schwierigkeiten, Kosten und datenschutzrechtliche Bedenken stehen der Umsetzung bisher noch entgegen.

Die fachkundigen Umfrageteilnehmer glauben, dass bis 2015 mehr Software für eingebettete Systeme als für andere Anwendungen wie PCs oder Desktops geschrieben wird. Vor allem die rasch steigende Nutzung mobiler Geräte führt nach Meinung der Fachleute automatisch zu einem Anstieg der sehr hardwareabhängigen Embedded System Software. Den Einfluss auf die Wirtschaft und den technischen Fortschritt schätzen die Experten als sehr hoch ein.

Eine Übertragungsrate von 1 Gigabit pro Sekunde über die letzte Meile im Festnetz, im WAN und bei mobiler Nutzung wird von der Mehrzahl der Teilnehmer bis 2015 oder wenig später für machbar gehalten. Zwar stünden dem noch technische Schwierigkeiten im Wege, die aber lösbar seien, so die Studie.

Horrorvision: «Digitale Aura»

Technisch möglich sei es auch, dass bis zum Jahr 2018 jeder Mensch von einer «digitalen Aura» umgeben sei, bei der im Hintergrund kodierte Präferenzprofile, etwa über das Konsumverhalten, drahtlos ausgetauscht und verglichen werden. Den Datenaustausch erledigen Funknetze und Minicomputer im Briefmarkenformat. So könnte beispielsweise jemand, der an einem Gebrauchtwagen interessiert ist, beim Betreten eines Restaurants auf einen Gast hingewiesen werden, der gerade seinen Wagen verscherbeln will.

Etwa zwei Drittel der Befragten glauben, dass die «digitale Aura» bis 2025 in unseren Alltag Einzug hält. Die positiven wie negativen Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Lebensqualität werden gravierend sein. Allerdings hegen 70 Prozent datenschutzrechtliche Bedenken und befürchten, dass durch diese Technologie der manipulierte, gläserne Mensch Wirklichkeit wird. Knapp ein Viertel aller Teilnehmer hofft deshalb, dass die «digitale Aura» nie die IT-Labors der Forscher verlässt.


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