50 Schweizer ERPs 31.08.2014, 19:30 Uhr

Stärken und Schwächen

Wie zufrieden sind Schweizer Kunden mit ihren ERP-Systemen? Die Trovarit-Studie «ERP in der Praxis 2014/15» deckt Stärken und Schwächen auf, nennt Gewinner und Verlierer aufseiten der Anbieter.
Das Analystenhaus Trovarit hat 2700 Anwenderunternehmen gefragt, wie zufrieden sie mit ihrer ERP-Lösung sind (Studie: ERP in der Praxis 2014/2015). Die überwiegende Mehrheit der Antworten stammt dabei aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. ERP-Systeme spielen als Kommandobrücke eine zentrale Rolle in den Unternehmen. Umso wichtiger ist es, dass die Software nicht nur reibungslos funktioniert, sondern auch Herausforderungen wie Mobility, Cloud oder Benutzerfreundlichkeit souverän meistert. Auch der Service, also die Dienstleistungsqualität des Anbieters, hat entscheidenden Einfluss auf die Wertschöpfung aufseiten der Kunden. Schweizer Anwender unzufriedener Länderübergreifend und insgesamt sind die Anwender zufrieden mit ihrem ERP, so das Ergebnis der aktuellen Erhebung. Die Gesamtbewertung der Lösungen liegt sehr stabil bei einem uneingeschränkten "gut". Schaut man sich jedoch die Schweizer Antworten separat an, dann stimmt die Schweiz dieses Mal nicht uneingeschränkt in die Lobeshymne ein. Im Vergleich mit der Vorgängerstudie 2012 sind in der Schweiz die Bewertungen zurückgegangen. Schweizer Anwenderunternehmen sind sowohl mit ihrem ERP-System als auch mit ihrem ERP-Anbieter insgesamt unzufriedener als noch vor zwei Jahren. Natürlich wird nicht jedes einzelne ERP-System von den Kunden mit einem uneingeschränkten "gut" beurteilt. Dazu weiter unten mehr. Analysiert man jedoch die Gesamtergebnisse, dann stechen einige Trends hervor, die für alle drei Länder gelten. Seit zehn Jahren ärgern sich die ERP-Anwender über umständliche "Formulare & Auswertungen", und offensichtlich haben sich die Anbieter diese Kritik endlich zu Herzen genommen. Formulare & Auswertungen gehören zwar immer noch nicht zu den Glanzlichtern eines ERP-Systems, sie haben aber gewaltig Boden gut gemacht und Anschluss an andere Zufriedenheitsaspekte gefunden. Nächste Seite: Mobile Einsetzbarkeit mehr als dürftig Ganz schlecht: mobiler Einsatz Das neue Schlusslicht heisst aktuell "Mobile EInsetzbarkeit der ERP-Software". "Die hier erzielte Wertung ist die schlechteste Note, die jemals für einen einzelnen Zufriedenheitsaspekt vergeben wurde", betont Trovarit-Vorstand Karsten Sontow, der die Studie bereits zum siebten Mal durchführt. Offenbar sei es mit der uneingeschränkten Nutzung der ERP-Lösung "zu jeder Zeit und an jedem Ort" bei weitem nicht so weit gediehen, wie das die Anwender heute erwarten und nicht zuletzt aus dem privatem Bereich gewohnt sind", interpretiert Sontow das Ergebnis. Die Bewertung der Mobilität reicht, je nach Anbieter, von "katastrophal" bis "mässig". In der Gesamtschau stellt sich ausserdem die internationale Einsetzbarkeit der ERP-Lösungen als Schwachpunkt heraus. Offenbar bestehen "erhebliche Unterschiede im Hinblick auf die Möglichkeiten, mit einer Lösung zum Beispiel die verschiedenen rechtlichen und sprachlichen Anforderungen zu realisieren, die ein internationaler Einsatz eines ERP mit sich bringt", analysiert Sontow. Schlechte Noten bekamen ausserdem, wie schon in den Vorgängerstudien, die Zufriedenheitsaspekte Anwenderfreundlichkeit, Performance und Schnittstellen. Auch mit dem Schulungs- und Informationsangebot der ERP-Anbieter sind die Kunden nicht zufrieden. Top-Noten erzielten dagegen, anbieter- und länderübergreifend, die Kernthemen Funktionalität und Stabilität der Software sowie Updates/Release-Wechsel. Nächste Seite: ERP-Anbieter - Gewinner und Verlierer Gewinner und Verlierer Lösungen für grössere Unternehmen: Trovarit hat zu insgesamt 50 ERP-Lösungen Kunden-Feedback erhalten und hat die Gesamtheit der Systeme in die Klassen kleinere Unternehmen (weniger als 100 MA), mittlere Unternehmen (100 bis 499 MA) und grössere Unternehmen (mehr als 500 MA) aufgeteilt. In jeder Klasse gibt es also eigene Gewinner und Verlierer. Unter den Lösungsanbietern für grössere Unternehmen darf sich die Bison-Tochter maxxness mit der Software "Bison Process x-trade" als Gesamtgewinner fühlen (Zufriedenheit mit dem Anbieter). Der Branchenspezialist hat sich auf Lösungen für den Filialhandel spezialisiert und bedient seine Kunden offensichtlich sehr zufriedenstellend. Die restlichen Player liegen relativ eng beieinander. SAP ERP weicht innerhalb der Kategorie "Lösungen für grössere Unternehmen" etwas nach oben ab. Die Anbieter  Infor (mit Infor AS) und IFS schneiden etwas schlechter als der Durchschnitt ab. Allerdings haben sich beide Anbieter im Urteil der Anwender stark verbessert. Bei Infor ERP LN lobten die Anwender insbesondere eine bessere "Anpassbarkeit & Flexibilität" (+0,220), eine höhere Integrationsfähigkeit über Schnittstellen (+0,171) und eine - allerdings auf niedrigem Niveau - verbesserte Releasefähigkeit. Bei IFS Applications erhielt der Anbieter selbst deutlich bessere Zufriedenheitsnoten als 2012, während sich die Software - so die Kunden - nur leicht gesteigert hat. Lösungen für mittlere Unternehmen: Lösungsanbieter für den Mittelstand fächern sich breiter auf. Sehr gut positioniert haben sich der Schweizer Anbieter Tosca, Sivas (Schrempp EDV) und die im deutschsprachigen Raum recht weit verbreitete Lösung APplus von asseco. Mit etwas Abstand, aber immer noch gut, folgen die österreichische BMD und proAlpha. Die beiden Schlusslichter in dieser Gruppe bilden Infor COM und Infor Blending (Chemie/Pharma). Bei APplus gaben die Anwender sehr starke Verbesserungen punkto "Formulare & Auswertungen" )+0,772) und punkto Release-Fähigkeit (+0,600) zu Protokoll. In Sachen Benutzerfreundlichkeit und Mobilität liegt der Anbieter Asseco zudem deutlich über dem Marktdurchschnitt. Spürbar verbessert hat sich auch die Servicequalität von Asseco. Der österreichische Finanzspezialist BMD musste dagegen im Vergleich zu 2012 Federn lassen und erzielte ein in der Breite schwächeres Ergebnis. Allerdings bewegt sich die Lösung von BMD immer noch auf einem insgesamt hohen Zufriedenheitsniveau. Die Mittelstandslösung Canias (IAS) ist nach mässigem Abschneiden 2012 in der aktuellen Studie 2014 wie Phönix aus der Asche gestiegen. Die Software verzeichnet auf breiter Front Verbesserungen. Mit einer ganzen Schulnote fallen die Steigerungen punkto Release-Fähigkeit (+1,107) und punkto Dienstleistungen zu Updates/Release-Wechseln (+0,941) aber besonders stark aus. Canias ist jedoch in der Schweiz bislang noch nicht präsent. Lösungen für kleinere Unternehmen: Unter den ERP-Systemen für die Kleineren stechen der Schweizer Anbieter OpaccOne und die SaaS-Lösung myfactory markant hervor. Sie gehören klar zu den Gewinnern. Ebenfalls ausgezeichnet abgeschnitten haben die Branchenspezialisten Poin.T (work ... for all) und Majesty von UB Soft, spezialisiert auf Feinwerk- und Medizintechnik. Generell, und das ist ein bekanntes Phänomen, werden ERP-Anbieter für kleinere Firmen ganz auffallend besser beurteilt als Anbieter für mittlere und grosse Unternehmen. Der Grund: ERP-Installationen für kleinere Unternehmen sind deutlich weniger komplex als die Grossen, sie werden nahe am Standard eingesetzt, meist als Standalone betrieben und von insgesamt weniger Anwendern benutzt. Der Schulungsaufwand fällt dadurch entsprechend kleiner aus. Branchenspezialisten, und die findet man häufig unter den Kleinen und Mittleren, punkten ausserdem mit einem tieferen Fach- und Branchenwissen als die grossen Generalisten. Die Spezialisten sind dadurch in der Lage, ihre Kunden intensiver und individueller zu betreuen. Sie erzielen eine höhere Kundenbindung. Anwenderfirmen fühlen sich insgesamt besser bei ihnen aufgehoben. Nächste Seite: So schneiden SAP und Microsoft ab SAP ERP - das denken die Anwender SAP ERP präsentiert sich sowohl in Sachen Gesamtzufriedenheit mit der Software als auch punkto Gesamtzufriedenheit mit dem Anbieter nahezu unverändert. Trotzdem fallen einige Veränderungen negativ auf. So wurde die Anwenderfreundlichkeit der Software, ausgehend von einem ausgesprochen niedrigen Niveau 2012, noch einmal deutlich schlechter bewertet (-0,279). Auch die Zufriedenheit mit der Anpassbarkeit und Flexibilität von SAP ERP ist deutlich abgesackt (-0,183). Ausserdem wird der Lösung bescheinigt, dass sie nur in sehr beschränktem Masse mobil einsetzbar sei.  Herausragende Noten erntet dagegen die internationale Einsetzbarkeit von SAP. Auch die Release-Fähigkeit und die Integrationsfähigkeit über Schnittstellen erzielten überdurchschnittlich gute Noten. Spürbar nachgelassen hat allerdings die Bewertung der Wartungspartner in Sachen Hotline (-0,284) und die Betreuung durch die Account-Manager (0,342). Die Bewertungen beziehen sich länderübergreifend auf SAP-Systeme in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es braucht seine Zeit... Offensichtlich stecken SAP-Anwender in einer Übergangsphase, mutmassen die Analysten von Trovarit. Denn SAP hat seit 2013 grosse Anstrengungen unternommen, die von den Anwendern gegeiselten Defizite zu beheben. Einerseits adressieren Neuerungen wie Hana, die Fiori-Apps und neue Cloud-Angebote unmittelbar die von Anwenderunternehmen kritisierten Schwachpunkte. Andererseits brauche es, so Trovarit, doch erhebliche Zeit, bis die Neuerungen auch ihren Weg zu den Anwendern gefunden haben. Microsoft und seine Partner Die Gesamtnote von Microsoft Dynamics AX leidet spürbar unter der Releasewechsel-Problematik. Denn die Release-Fähigkeit der Software wird um fast eine halbe Schulnote schlechter bewertet als noch 2012. Offenbar stellt das Ende 2011 vorgestellte modernisierte Release AX2012 Anwender und Wartungspartner vor erhebliche Herausforderungen. Unter anderem auch deshalb, weil viele ältere AX-Installationen in grossem Umfang individuell angepasst wurden. Weniger als ein Drittel der Studienteilnehmer haben die Umstellung auf das neue Release AX2012 bereits hinter sich beziehungsweise sind direkt mit AX2012 in den Produktivbetrieb gestartet. Auffallend ist jedoch, dass die Service-Qualität der Microsoft-Wartungspartner in den Augen der Anwender kaum unter den Umstellung leidet. Die Bewertung der Dienstleistung bleibt insgesamt auf recht gutem Niveau. Offenbar kreiden die Anwender die Umstellungsprobleme nicht den Wartungspartnern, sondern vorrangig der Software und damit dem Hersteller Microsoft an. Microsoft Dynamics NAV liegt unter den Mittelstandslösungen im hinteren Mittelfeld. Die Anwenderzufriedenheit mit der Software selbst ist mit einem "gut" weitgehend stabil geblieben. Nach erheblichen Verbesserungen im Testjahr 2012 bescheinigen die Kunden der Software eine überdurchschnittliche Flexibilität und eine gute internationale Einsatzbarkeit. Gleiches gilt für die Benutzerfreundlichkeit. Die Anwenderschulungen haben sich im Vergleich zu 2012 spürbar verbessert. Kleine Abstriche verzeichnet dagegen die Anwenderzufriedenheit mit Dienstleistungen rund um den Betrieb der Software. Ein Schwachpunkt im Vergleich mit der Konkurrenz bleibt allerdings die Release-Fähigkeit. Nächste Seite: ERP-Trends - was sich Anwender wünschen Top-Thema Usability An der Spitze der Anwenderwunschliste steht das Dauerthema Benutzerfreundlichkeit. Für 60 Prozent der Studienteilnehmer ist das Thema Usability von sehr hoher beziehungsweise herausragender Relevanz. Darauf folgen mit einer Zustimmungsquote von 33 Prozent der mobile Einsatz und eine Rollen- und kontextbasierte Benutzerführung zu etwa 27 Prozent. Anwendern brennt der Alltagseinsatz ihrer ERP-Lösung unter den Nägeln, und hier schlägt sich sicher nieder, dass es mit der Benutzerfreundlichkeit der ERPs in der Vergangenheit nicht so weit her war. Die Entwicklungsinitiativen vieler Hersteller lassen jedoch auf deutliche Fortschritte hoffen. Technologisch weiter sind die Anbieter in Sachen Mobilität - jedenfalls wenn man an Laptops und Tablet-Computer denkt. Aber auch hier gibt es noch viel zu tun. Der Einsatz auf Smartphones setzt wegen des deutlich reduzierten Displays eine völlig neue Oberflächengestaltung voraus. Eine Reihe von ERP-Anbietern arbeiten fieberhaft daran. Problematisch ist es zurzeit allerdings noch um die Offline-Fähigkeit bestellt. Angesichts der Lücken in den Mobilfunknetzen ist offline jedoch eine Notwendigkeit im mobilen Einsatz. Auf den weiteres Plätzen der Anwenderwunschliste folgen Internationalisierung (20%), "Enterprise Application Itegration / Schnittstellen-Management" (etwa 19%) und ein umfassendes Enterprise Information Management (15%). Insgesamt wünschen sich Anwender mehr Durchgängigkeit in der Informationsverarbeitung, über Unternehmensebenen, Aufgabenbereiche, Standorte und Regionen hinweg. Ziel ist es offenbar, Informationen umfassender und gezielter zu bewirtschaften. ERP-Cloud in DACH kaum präsent Die Cloud jedoch sei, so konstatiert Trovarit, im deutschsprachigen ERP-Markt noch nicht angekommen. Nur 5,7 Prozent messen dem Beschaffungsmodell Cloud Computing eine grosse Relevanz bei - wenn es um ERP geht. Social Media halten 5,2 Prozent für wichtig, das Hypethema Industrie 4.0 landet mit mageren 4,1 Prozenten auf der Liste der Treiber für Veränderungen im ERP-Umfeld auf dem letzten Platz. Bei den Bezahlformen für die Nutzung für ERP-Software dominiert weiterhin mit einem Anteil von 94 Prozent der LIzenzkauf. Der Anteil von alternativen Modellen wie Miete (4%) oder "Performance Payment / Pay-per-Use" (1%) ist zumindest zurzeit noch verschwindend gering (zum Download der Ergebnisse).


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