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Lesedauer 5 Min.

Souveränität wird zum Wettbewerbsfaktor

Unternehmen in der Schweiz experimentieren mit KI – doch Souveränität, Datenstandort und Compliance bleiben Herausforderungen. Sarah Levy, Head Swiss AI Platform bei Swisscom, erklärt, warum kontrollierte und lokal gehostete KI entscheidend ist und wie souveräne Plattformen Abhängigkeiten reduzieren. 

Sarah Levy: «Unternehmen wollen Innovation, aber ohne Kontrollverlust»

© Swisscom

Das Potenzial von KI ist gross, doch viele Unternehmen tun sich schwer mit der  Umsetzung. Sarah Levy ordnet ein. 

Computerworld: Die Swiss IT-Studie 2026 zeigt, für viele Unternehmen ist KI zwar ein wichtiges Thema, aber strategisch kaum verankert. Wie beurteilen Sie die Lage?

Sarah Levy: Die Ergebnisse bestätigen, was wir auch in der Praxis beobachten. Rund 39 % der Unternehmen nutzen KI bisher vor allem experimentell oder explorativ. Nur 21 % betrachten sie als strategischen Wachstumstreiber. Das hängt häufig mit Hürden wie unzureichender Datenqualität, fehlenden Governance-Strukturen und unklaren Verantwortlichkeiten zusammen. Auch die Erfahrung im sicheren Umgang mit KI fehlt oft. Gleichzeitig entwickeln sich KI-Technologien rasant, was viele Unternehmen überfordert. Sobald jedoch Grundlagen wie Datenhoheit, Sicherheit und ein stabiler Rahmen geschaffen sind, gelingt der Schritt in den produktiven Einsatz deutlich schneller. 

CW: Was bedeutet KI-Souveränität konkret für die Schweiz?

Levy: Die drei zentralen Bausteine von KI – Modelle, Daten und Infrastruktur – stammen heute weitgehend aus den USA oder China. Viele Daten liegen bei grossen US-Tech-Unternehmen, und auch die notwendige Rechenleistung beziehen wir weitgehend von Anbietern ausserhalb Europas. Diese Abhängigkeit kann in geopolitisch unsicheren Zeiten problematisch werden. Als Gesellschaft müssen wir entscheiden, ob wir bei dieser Schlüsseltechnologie lediglich Nutzer oder auch Gestalter sein wollen. Souveränität heisst nicht Abschottung, sondern Wahlfreiheit: Unternehmen sollen entscheiden können, ob sie sensible Daten lokal halten, Modelle kontrolliert betreiben oder Hyperscaler nutzen möchten.

CW: Die Swiss IT-Studie zeigt auch, dass viele KI-Initiativen noch im Pilotbetrieb sind. Wo liegen die grössten Hindernisse?

Levy: 32 % der Unternehmen nennen in der Studie die Datenqualität als Hauptproblem, gefolgt von den Kosten und regulatorischen Vorgaben. In der Praxis zeigt sich: Die Datenqualität wird zum Problem, wenn KI tiefer in Prozesse eingebettet werden soll und Unternehmen mit verteilten oder historisch gewachsenen Daten arbeiten. Es ist entscheidend, Informationen auffindbar und verantwortungsvoll nutzbar zu machen. Um die Kosten niedrig zu halten, ist empfehlenswert, klein zu starten, schnell Ergebnisse zu erzeugen und schrittweise zu skalieren. Zu langes Zuwarten birgt das Risiko, dass andere Organisationen Erfahrungsvorsprünge aufbauen. Beim Datenschutz zeigt sich, dass Projekte oft erst dann bewilligt werden, wenn klar ist, dass Daten im Land bleiben und nicht für Trainingszwecke verwendet werden.

CW: Swisscom hat dafür die Swiss AI Plattform entwickelt. Was zeichnet diese aus?

Levy: Die Swiss AI Platform ist modular aufgebaut und deckt unterschiedliche Bedürfnisse ab. GPU as a Service ermöglicht Zugriff auf das erste NVIDIA SuperPOD-System der Schweiz und erleichtert rechenintensive Projekte ohne eigene Infrastruktur. Über Inference Endpoints stehen Sprachmodelle, Speech-to-Text-Funktionen und leistungsfähige LLMs bereit, die sich einfach per API integrieren lassen. Der AI Work Hub unterstützt Data-Science- und Machine-Learning-Teams beim Entwickeln, Trainieren und Analysieren von Modellen und umfangreichen Datensätzen. Das GenAI Studio bietet einen einfachen Zugang zu generativen KI-Funktionen wie Wissensdatenbanken, Chatflows und optimierten Prompts. Ein weiterer zentraler Baustein ist der Swiss AI Assistant. Er ist die sichere Schweizer Alternative zu internationalen Diensten und gewährleistet volle Datenhoheit. Die Plattform wird bereits von vielen Kunden genutzt. Kundendaten bleiben vollständig unter ihrer Kontrolle, werden nicht für Trainingszwecke verwendet und verbleiben in Rechenzentren, die dem Schweizer Datenschutzrecht und internationalen ISO-Standards unterliegen.

CW: Für die Hälfte der befragten Unternehmen ist der Datenstandort «relevant». Wie erklären Sie diese Sensibilität?

Levy: Die Sensibilität für den Datenstandort hat zwei Gründe. Erstens wächst das Bewusstsein für technologische Abhängigkeiten. Wo Daten verarbeitet werden, beeinflusst, wer im Ernstfall Zugriff hat und wie Verträge gestaltet werden können. Das ist eine konkrete Frage der Haftung, der Auditierbarkeit und des Berufsgeheimnisses. Zweitens verlangen Risiko-, Compliance- und Datenschutzabteilungen klare Nachweise darüber, wo Daten liegen, wie sie verarbeitet werden und wer Zugriff erhält. Der Datenstandort schafft somit Kontrolle, Sicherheit und Vertrauen.

CW: Können Sie typische Praxisbeispiele nennen?

Levy: Typische Anwendungsfälle finden sich in der öffentlichen Verwaltung, etwa für KI-Assistenten für Zusammenfassungen, Übersetzungen oder Wissensabfragen über umfangreiche interne Dokumente. Bei der Kantonspolizei unterstützt ein Weisungsassistent den Alltag, indem er zum Beispiel Antworten auf Fragen zum Vorgehen bei Kontrollen oder administrativen Aufgaben liefert. Ein weiterer Use Case ist die automatisierte Transkription von Einvernahmen. Im Bankenbereich helfen interne KI-Assistenten dabei, komplexe und regulatorische Dokumente wie FINMA-Rundschreiben und Richtlinien zu erschliessen und Fragen zur Kreditvergabe oder Kontoeröffnung effizient zu beantworten. 

CW: Viele KMU kämpfen laut Studie mit der Frage nach dem richtigen Use Case... 

Levy: Genau da setzen wir mit strukturierten Workshops an: Wir kombinieren Wissensvermittlung mit einer tiefgehenden Use-Case-Analyse und priorisieren gemeinsam mit den Fachbereichen. Der grösste Fehler ist, KI nur der Technologie wegen einzusetzen. Entscheidend ist der Business-Nutzen und die frühzeitige Einbindung der Mitarbeitenden – denn Akzeptanz ist ein kritischer Erfolgsfaktor.

CW: Abschliessend: Wie entwickelt sich das Thema KI-Souveränität in den nächsten Jahren?

Levy: Souveräne KI wird in den nächsten Jahren zum echten Standortvorteil: Je stärker Unternehmen generative KI einsetzen, desto wichtiger wird die Kontrolle über Infrastruktur, Datenverarbeitung und Wertvorstellungen in den Modellen. In einer unsicheren Welt suchen viele Organisationen Sicherheit. Eine souveräne Infrastruktur beschleunigt die Entwicklung, hält Wertschöpfung im Land und stärkt die Unabhängigkeit. Deshalb baut Swisscom die Swiss AI Platform weiter aus und unterstützt Unternehmen beim sicheren KI-Einsatz. Die Schweiz wird zwar keine globale KI Supermacht, kann aber in Europa zur Taktgeberin in verantwortungsvoller und souveräner KI werden – gerade weil Vertrauen, Datenschutz und Stabilität hier zentrale Werte sind. 

Zur Person

Sarah Levy
Als Head of Swiss AI Platform verantwortet Sarah Levy bei Swisscom die souveräne KI Plattform für den Schweizer Markt. Zudem orchestriert sie das KI-Portfolio für Geschäftskunden und gestaltet den digitalen Wandel auf Unternehmens- und Marktebene mit einem klaren Fokus auf den verantwortungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

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