Die Storage-Konzerne suchen neue Wege

IBM – der tastende Gigant

Mit über 350'000 Angestellten – nach einem Peak von 434'000 im Jahr 2012 – zählt IBM immer noch zu den ganz Grossen im IT-Business. In den vergangenen Jahren hat IBM vor allem unter den CEOs Samuel Palmisano und Virginia Rometty diverse Versuche hinter sich gebracht, eine neue Orientierung für sein Geschäft zu finden. Auf der einen Seite stehen der Verkauf der PC- und Notebook-Produktion an den chinesischen Konkurrenten Lenovo, die Aufgabe der Midrange-Server-Umgebung AS/400 und der schleichende, bis auf den heutigen Tag offiziell aber geleugnete Rückzug aus dem Mainframe-Geschäft. Auf der anderen Seite gab es immer neue Zukäufe und Investitionen bei Services, Software, Cloud-Computing und Open Source. Einige dieser Akquisitionen hat IBM sich richtig viel Geld kosten lassen (müssen): Netezza kostete 1,7 Milliarden Dollar, Sterling 1,4 Milliarden, SPSS 1,2 Milliarden, SoftLayer 2 Milliarden und Red Hat zuletzt sage und schreibe 34 Milliarden Dollar.
34-Milliarden-Deal: IBM-Chefin Ginni Rometty und Red-Hat-CEO James Whitehurst gehen eine Wette auf die Cloud ein.
Quelle: IBM
Storage war über Jahrzehnte – sowohl hardware- wie softwareseitig – ein wichtiger Posten im Produktportfolio von IBM. Mit Innovationen bei Festplatten, Tapes und Storage-Software gab der Konzern lange den Ton an. Auch fehlte es nicht an Investitionen in diesen klassischen IT-Bereich – sogar etwas gegen den Trend. Selbst in Speicher-Hardware hat IBM investiert: 2012 wurde Texas Memory Systems (Solid State Storage) übernommen, vorher schon 2008 XIV (Enterprise-Hardware) und 2010 Stor­wize (Midsize-Hardware einschliesslich Software-Funktionen wie Komprimierung). 2015 kam Cleversafe als Anbieter von objektbasierter Storage-Software hinzu (Kaufpreis: 1,39 Milliarden Dollar).
Eine geradlinige Strategie ist das nicht unbedingt. Es macht eher den Eindruck, als wolle der Konzern bei Storage Präsenz zeigen und bestehende Kundenkontakte pflegen. Der Kontakt zu den Resellern wird sorgfältig und teils immer noch im luxuriösen Stil besserer Zeiten aufrechterhalten. So kamen etwa auf einer exklusiven Veranstaltung im April 2019 aus ganz Europa eingeflogene Kunden und Reseller zusammen, um zuerst in der mondänen Villa Miani auf einem der Hügel Roms ein wenig Produktpräsentation über sich ergehen zu lassen. Abends ging es dann in das angemietete Kapitolinische Museum – mit Führungen durch die Altertümer und Abendessen auf der Terrasse. So eine üppige (und teure) Kontaktpflege leisten sich heutzutage nur noch wenige IT-Hersteller. Anlass war lediglich ein neues Release von Spectrum Scale, der Management-Lösung für Shared-Disk-Dateien auf verschiedenen Servern, einer Weiterentwicklung und Umfirmierung des IBM General Parallel File Systems (GPFS).
Wie in der guten alten Zeit: IBM gönnte sich in diesem Frühjahr eine üppige Produktvorstellung in einer Villa in Rom.
Quelle: Hartmut Wiehr
Während das IBM-Speicher-Portfolio weitgefächert und vor allem für Bestandskunden interessant ist, haben sich die Hoffnungen in einige der grösseren Akquisitionen der Vergangenheit nicht erfüllt. So zog sich Moshe Yanai, der in der Speicherbranche aufgrund vieler Erfindungen und Patente berühmte Gründer von XIV, schon bald nach dem Verkauf seines Start-ups an IBM wieder zurück und nahm einige seiner Ideen (und ein paar Millionen Dollar) in seine nächste Neugründung Infinidat mit. Andere ehemalige XIV-Mitarbeiter sind seinem Beispiel gefolgt und haben das Start-up E8 ins Leben gerufen. Und Gal Naor, der Gründer von Storwize, hielt es nach der Übernahme durch IBM ebenfalls nicht lange bei der neuen Muttergesellschaft. Auf Präsentationen seiner Neugründung StorONE spricht er (wie auch ehemalige XIV-Mitarbeiter) nicht gerade freundlich über die «Nicht-Integration» ins IBM-Speicher-Portfolio – ein Phänomen, das viele oft sehr teure Übernahmen in der IT-Industrie kennzeichnet. Interne Konkurrenz zwischen alten Produktabteilungen, die in eine Art Abwehrkampf eintreten, Abwanderung von Mitarbeitern der gerade eingekauften kleineren Firma, die sich in dem riesigen neuen Mutterkonzern mit seinen internen Strukturen und Verhaltensweisen nicht zurechtfinden oder nicht in ein anderes Land umziehen wollen, gehören fast schon traditionell zu den Folgen von Akquisitionen. Und manches Mal wird auch nur ein unliebsamer Konkurrent vom Markt weggekauft.
Sieht man sich den Quartalsbericht von IBM für das vierte Quartal 2018 an, fällt besonders auf, dass der Hardware-Bereich («Systems Hardware») im Jahresvergleich 23 Prozent weniger Umsatz zu verzeichnen hatte. Besonders stark mit 44 Prozent sind die Mainframe-Umsätze gesunken, während die Verkäufe von Storage-Hardware um 7 Prozent zurückgingen. Und der gesamte Bereich Hardware als solcher findet sich bezeichnenderweise nicht mehr in den aktu­ellen «Total Strategic Imperatives», zu denen Analytics, Cloud (und Cloud as a Service), Mobile, Security und Social zählen.
Die Umstrukturierung des Konzerns ist also noch in vollem Gang, Software und Services dominieren immer mehr, Storage wird für das Business von IBM immer uninteressanter. Der Anteil von IBM am weltweiten Storage-Markt für Unternehmen beträgt denn auch nur noch 2,5 Prozent. Der Tag, an dem die Führung von IBM auch diesen Geschäftsbereich komplett aufgibt, dürfte nicht mehr allzu weit entfernt sein.


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