Industrie 4.0 02.11.2018, 07:12 Uhr

Individualisierung in der Fertigung ist die Zukunft

Digital Factories versprechen einen hohen Grad an Produktdifferenzierung, ohne dabei auf die Skalierungseffekte der Massenproduktion verzichten zu müssen.
(Quelle: Phonlamai Photo / shutterstock.com )
Auf den ersten Blick könnte man sich in die nächste Star-Wars-Episode versetzt fühlen: Drohnen und andere auto­nome Transporteinheiten schweben lautlos durch die Hallen. Sie liefern Bauteile an Roboter, die im Takt Hand in Hand mit dem Menschen zusammenarbeiten. Doch das vermeintliche Science-Fiction-Szenario spielt sich nicht in einem Hollywood-Studio ab, sondern in einer Produktionshalle im österreichischen Graz. Hier fertigt Magna Steyr Fahrzeuge im Auftrag von BMW, Jaguar, Daimler und anderen namhaften Automobilherstellern.
Die Drohnen im Grazer Werk erfassen mit ihrer Sensorik die Lagerbestände für Ad-hoc-Recherchen und planmässige Inventurprozesse zum Abgleich der Lagerbestände mit dem ERP-System. Der Automobilzulieferer nennt das Forschungsprojekt «Autonomes Inventar». Bisher werden die Drohnen nur in geschlossenen Räumen eingesetzt.
Die digitale Fabrik ist bei Magna Steyr bereits weit vorangeschritten: Selbstlernende Roboter, fahrer­lose Transportsysteme und intelligente, Big-Data-getriebene Lösungen ermöglichen eine individuellere Fertigung.
Das Eingreifen in und die Unterstützung von Wertschöpfungsprozessen in Echtzeit ist aber nur dann möglich, wenn die Roboter und Drohnen in Echtzeit erkennen können, was in der Prozesskette wirklich passiert. So können Maschinen beispielsweise eine Wartungsanforderung selbsttätig an die zuständige Abteilung oder den jeweiligen Lieferanten richten. Die Fähigkeit von Mensch und Maschine, nahtlos und effizient zusammenzuarbeiten, verleiht dieser digitalen Fabrik eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit. Das Resultat ist ein kontinuierlicher Zufluss von Folgeaufträgen.
Magna Steyr erhielt kürzlich den Zuschlag von BMW und Toyota für die Serienproduktion zweier Varianten eines gemeinsam entwickelten Konzeptautos der beiden Hersteller. Die ersten 200'000 Fahrzeuge des BMW Z4 und des Toyota Supra rollen noch dieses Jahr in Graz vom Band.
BMW Z4: Rund 200'000 Exemplare des Roadsters - hier noch in Tarnkleidung - sollen noch in diesem Jahr die digitale Fabrik von Magna Steyr in Graz verlassen.
Quelle: BMW Group
Vor der Restrukturierung der Fabrik 2016 lag die zuletzt tatsächlich genutzte Kapazität bei rund 23'000 Ein­heiten und die Nachfrage war rückläufig. Mit der digitalen Fabrik hat das 100 Jahre alte Unternehmen eine Kehrtwende einleiten können und die Weichen für den Wachstumskurs gestellt.

Individualisierte Fertigung

Im Marktforschungsbericht „Digital Factories 2020 – Shaping the future of manufacturing» beleuchtet das Beratungsunternehmen PwC den Digitalisierungsstand der Fertigungsindustrie in Deutschland. Der Studie liegt eine Befragung von 200 deutschen Führungskräften zugrunde. Neun von zehn (91 Prozent) der befragten Industrieunternehmen investieren aktuell in den Aufbau von digitalen Fabriken in der Mitte Europas. 93 Prozent aller Organisationen, die digitale Fabriken auf- oder ausbauen, möchten zumindest einen Teil ihres Investitionskapitals in der Bundesrepublik einsetzen. Das bestätigt laut PwC das Vertrauen der Investoren in Deutschland, das sich als starker Standort für den Auf- und Ausbau digitaler Fabriken etabliert habe.
Die Unternehmen haben eine Vielzahl von Vorteilen im Visier. 98 Prozent der Entscheidungsträger in der PwC-Studie erhoffen sich von der digitalen Fabrik eine Steigerung von Effizienz und Erlös in Höhe von jeweils durchschnittlich 12 Prozent.
Die vom Branchenverband Bitkom anlässlich der Hannover-Messe befragten Unternehmen erwarten von Industrie-4.0-Anwendungen neben verbesserten Prozessen (68 Prozent) unter anderem eine verbesserte Kapazitätsauslastung (58 Prozent), geringere Produktionskosten (43 Prozent) und die schnellere Umsetzung von individuellen Kundenwünschen (41 Prozent). Die Möglichkeiten, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln oder bestehende zu verändern, haben demnach lediglich 10 Prozent der Befragten auf dem Radar.


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