Huawei 27.02.2013, 10:17 Uhr

Zu schnell zu gross?

Huawei wächst momentan wohl schneller als jedes andere Unternehmen im ICT-Bereich hierzulande. Doch das Wachstum bringt auch Probleme mit sich: Vorwürfe wegen schlechten Arbeitsbedingungen und illegalen Arbeitern tauchen auf.
Beschäftigt Huawei Schweiz (Bild: CEO Felix Kamer) auch Angestellte, über deren Arbeitsverhältnis das AWA nicht informiert ist?
Läuft man an den Schreibtischen im Bürokomplex von Huawei in Dübendorf/ZH vorbei, sehen diese alle gleich aus: Ein weisses Pult, darauf ein Laptop, zwei, drei Netzwerkkabel die ungebraucht herumhängen und dahinter auf einem Stuhl Mitarbeiter, die stillschweigend ihre Arbeit verrichten. Einzige Abwechslung bieten die Tische, an denen weder Laptop noch Mitarbeiter sitzen ? Platz für noch mehr Wachstum ist also vorhanden. Und dieser ist auch nötig, wie Felix Kamer im Gesprch mit Computerworld vor einigen Tagen sagte. Denn es werden weiterhin dringend Mitarbeiter gesucht: «Wir haben momentan 20 - 25 freie Stellen und brauchen durch den gerade abgeschlossenen Swisscom-Deal zusätzlich 30 Leute,» sagt uns Felix Kamer im Rahmen des Mobile World Congress in Barcelona. Dass diese Situation nicht nur vorteilhaft ist, hat die NZZ am Sonntag festgestellt, die Huawei Schweiz als «sichtlich überfordert vom rasanten Wachstum in der Schweiz» bezeichnet. Felix Kamer bestätigt dies indirekt, indem er zugibt, dass die Mehrheit der 320 Angestellten von Drittfirmen zu Huawei gewechselt haben. «Das ist eine anspruchsvolle Ausgangssituation,» sagt Kamer zur «NZZaS».

Woher kommen die Angestellten?

Die Klage eines Huawei-Mitarbeiters, der sich an die «NZZaS» wandte und von einer «extrem hohen Fluktuation» sprach, scheint daher nicht unbegründet. Angeblich würden alle drei Monate Personalwechsel stattfinden. Kamer selber sagt zwar, dass «uns bisher weniger als fünf Prozent der Belegschaft verlassen haben». Er sagt aber auch, dass momentan ein Viertel der Belegschaft über einen Zeitarbeitsvertrag verfügt. So kommen zu den 320 Angestellten, die Huawei Schweiz direkt auf der Lohnliste hat, noch 100 Mitarbeiter hinzu, die über Agenturen angestellt sind. Diese werden vor allem dazu eingesetzt, die alten Netze zu warten und zu überwachen. «Wir wachsen sehr schnell und wollen auf diese Weise vor allem die Spitzen abdecken,» sagt Kamer in der «NZZaS». Doch wer genau sind diese Angestellten? Der angesprochene Huawei-Mitarbeiter sagt, dass chinesische Staatsangehörige mit einem Touristenvisum hier arbeiten würden, was natürlich auch den oftmals gehören Vorwurf des Lohndumpings auf den Tisch bringt. Beides kann Can Arikan, Sprecher des Amts für Wirtschaft und Arbeit in Zürich (AWA), nicht bestätigen. «Hinsichtlich Arbeitsbewilligungen sind die von Huawei eingereichten Gesuche von uns geprüft und als korrekt beurteilt worden,» sagt er am Telefon. Ungeklärt bleiben damit aber die Vertragsverhältnisse der Teilzeitangestellten die via Agentur vermittelt werden. «Es besteht aus unserer Sicht keine Rechtsgrundlage, um diese Vermittlungsverträge der europäischen Vermittlungsagenturen einzusehen, auch nicht im Rahmen einer Kontrolle,» sagt Arikan. Lesen Sie auf der nächsten Seite: Verletzt Huawei Richtlinien? Bei den Arbeitsbewilligungen geht es auch um die Frage, ob Huawei zu viele chinesische Arbeiter angestellt hat. Im Interview mit Computerworld betonte Kamer vor einigen Tagen den intensiven Kontakt mit dem Hauptsitz in China, wodurch er auf grosse Personalressourcen zurückgreifen kann. Es gebe einige Angestellte, die von China in die Schweiz geflogen werden. Momentan sind es rund 30 Mitarbeiter, die direkt aus dem Headquarter in China in der Schweiz sind, sagt er auf Nachfrage von Computerworld. Ein Unternehmen muss bei der Rekrutierung von ausländischem Personal den sogenannten «Inländervorrang» einhalten, wie das AWA auf Anfrage sagte. Das bedeutet, dass zuerst nachgewiesen werden muss, dass im europäischen Raum keine adäquaten Fachkräfte zur Verfügung stehen. Auch dies hat Huawei getan. Allerdings sind die nötigen Nachweise nicht wirklich schwer zu erbringen. Kamer gibt zu, dass eine Stellenanzeige im europäischen Raum genügt, um die Bedingungen zu erfüllen. Zudem gebe es Ausnahmefälle, bei denen direkt in China rekrutiert werden darf. Wenn beispielsweise spezifisches Know-How verlangt wird, das in Europa nicht vorhanden ist. Huawei nutze zwar auch die Möglichkeit, Personal auszubilden, so Kamer, doch in Projekten fehle diese Zeit oft. Dem AWA fehlt es manchmal an der Kompetenz und oft an den Ressourcen, um bei eingeflogenen Spezialisten abschliessend festzustellen, ob ein Projekt nicht gleichwertig von einem Schweizer oder EU-Bürger ausgeführt werden kann, sagt ein Ex-AWA-Mitarbeiter. Das Amt ist also in grossen Teilen auf die Ehrlichkeit des Gesuchsstellers angewiesen und zeigt sich bei grossen, internationalen Firmen kulant bei der Vergabe von Arbeitsbewilligungen von Menschen ausserhalb des EU-Raumes, wie auch im Tages-Anzeiger zu lesen war.

Der Kunde ist König

Kamer ist stolz auf die chinesische Philosophie, dass der Kunde oberste Priorität geniesst. «Wenn der Kunde ein Problem hat, setzen wir alles daran, dieses so schnell wie möglich zu lösen, der Rest interessiert nicht. Das klingt für den Kunden schön, für die Angestellten bedeutet es aber möglicherweise schwierige Arbeitsumstände. Denn mit dieser Begründung kann eigentlich jeder Mitarbeiter aus China legitimiert werden, da das AWA nur bei konkreten Vorwürfen aktiv werden kann. «Wir können nicht wie auf einer Baustelle einfach hinfahren und uns die Sachlage ansehen, da es sich in geschlossenen Gebäuden abspielt», sagt Can Arikan. «In solchen Fällen gilt es, die Verhältnismässigkeit zu wahren.». Trotz verhältnismässigkeit läuft momentan eine Untersuchung gegen Huawei, wie die «NZZaS» berichtet. Dabei geht es aber nicht um die Arbeitsbewilligungen sondern um den Vorwurf der schlechten Arbeitsbedingungen. Dieser wurden gemäss «NZZaS» vom gleichen Mitarbeiter erhoben, der die Visa-Klage einbrachte, gestützt durch eine weitere Person. Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, kann sich das AWA dazu nicht weiter äussern. Ausser: die beiden Parteien (Huawei und AWA) werden sich in Bälde treffen, damit die Vorwürfe aus der Welt geschafft werden können. Geschieht dies nicht, wird das AWA weitere Schritte prüfen müssen, sagt Arikan.


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