01.12.2017, 07:54 Uhr

«Der Markt für Edge-Computing bietet uns ungeahnte Möglichkeiten»

Dell EMC verspricht sich grosse Chancen vom IoT-Geschäft. Dell-Gründer Michael Dell kündigte eine milliardenschwere Investition an. Jacques Boschung, Senior Vice President EMEA Global Alliances and Telco bei Dell EMC, erläutert die Pläne des IT-Anbieters in der Schweiz.
Jacques Boschung ist Senior Vice President EMEA Global Alliances and Telco bei Dell EMC.
Das Internet der Dinge (IoT) ist seit einigen Jahren Thema in der IT-Branche und bei Anwenderunternehmen. Weshalb steigt Dell EMC erst jetzt in diesen Markt ein? Jacques Boschung: IoT ist kein neues Thema für Dell EMC. Im Gegenteil: Wir helfen unseren Kunden schon seit einigen Jahren bei ihren IoT-Projekten. Beispielsweise sind Dell-EMC-Lösungen bei Caterpillar und Vodafone bereits längere Zeit erfolgreich im Einsatz. Zudem vertreiben wir unsere IoT-Lösungen auch aktiv durch unsere Partner. Neu hingegen ist, dass wir eine dedizierte IoT-Abteilung eingerichtet haben, die Kunden bei der Implementierung und Steuerung flexibler Edge-to-DataCenter-to-Cloud-Architekturen unterstützt und massgeschneiderte End-to-End-Lösungen und -Services bereitstellt. Durch die Zusammenführung aller IoT-Produkte und -Dienstleistungen erleichtern wir es unseren Kunden und Partnern, die Vorzüge unseres umfassenden Angebots für das Internet of Things zu nutzen. Denn die IoT-Landschaft ist sehr komplex und fragmentiert. Unsere neue Abteilung arbeitet über alle Geschäftseinheiten von Dell Technologies hinweg, damit unsere Kunden durchgängige IoT-Lösungen erhalten, die ihren individuellen Geschäftsanforderungen gerecht werden und mit denen sie schnell einen Return-on-Investment erzielen. Dell möchte sich mit dem IoT-Business auch weniger abhängig vom Commodity-Geschäft mit PCs, Servern und Storage machen. Weshalb glauben Sie, dass dies funktionieren kann?
 Der Markt für IT- und Edge-Computing entwickelt sich rasant und bietet bisher ungeahnte Möglichkeiten, da die Anzahl der Geräte exponentiell wächst. Zu unseren Prioritäten zählt es, Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation zu unterstützen, damit sie für künftige Innovationen optimal aufgestellt sind. Gemeinsam bieten die strategisch miteinander verbundenen Unternehmen Dell, Dell EMC, Pivotal, RSA, SecureWorks, Virtustream und VMware das branchenweit umfassendste Portfolio an IoT-Lösungen. Es ist mir nicht bekannt dass ein anderes Unternehmen hier mit Dell mithalten könnte. Hinzu kommt unser Netzwerk von Allianzpartnern und Telekommunikationsunternehmen, durch das wir unseren Kunden einen zusätzlichen Mehrwert für ihr Geschäft bieten. Insgesamt haben wir über 80 Partner. Dazu zählen multinationale Konzerne wie Intel, Microsoft, GE und SAP, aber auch Start-ups wie Action Point, IMS Evolve und Zingbox. Auf den Punkt gebracht hat unsere Stärken im Bereich IoT kürzlich Patrick Moorhead, Präsident von Moor Insights and Technology, einem unserer Partner. In einem Interview sagte er der US-Zeitschrift Fortune: «Der grösste Unterschied besteht darin, dass Dell Technologies tatsächlich ein komplettes Paket für Infrastruktur, Management und Entwicklungsebenen bereitstellen kann.» Im Internet der Dinge können jegliche Geräte, die eine Verbindung mit dem Internet aufbauen können, auch Daten generieren. Die Lösungen von Dell EMC zeichnen sich dadurch aus, dass unser umfassendes, verteiltes Modell die Software und Hardware für IT-Infrastrukturkomponenten integriert, um so einen nahtlosen Fluss dieser Daten «from the Edge to the Data Center to the Cloud» zu schaffen. Wie spielen die einzelnen Sparten von Dell EMC konkret zusammen? Unser neuer IoT-Geschäftsbereich wird von einem operativen Aufsichtsgremium geleitet, das alle Geschäftsbereiche von Dell Technologies umfasst. Das Gremium trägt dafür Sorge, dass Messaging, Investitionen, Produktentwicklung, Vertriebsstrategie und Partnerengagement aufeinander abgestimmt sind. Durch diese Zusammenfügung werden sich alle Teams stärker darauf konzentrieren, das Internet der Dinge durch unsere verschiedenen Lösungen auf den Markt zu bringen. Ihr Unternehmen hat erste Allianzen mit SAP angekündigt. Mit wem wollen Sie noch kooperieren? Partnerschaften hatten schon immer einen besonderen Stellenwert bei Dell EMC, und alleine im Bereich IoT setzen wir auf die Zusammenarbeit mit über 80 Firmen. Unser im letzten Jahr etabliertes IoT-Partnerprogramm hat es uns erlaubt, ein Partnernetzwerk zu schaffen, das unsere Kunden durch die fragmentierte IoT-Landschaft navigiert und ihnen bei der Identifizierung geeigneter Lösungen hilft. Bei der Lancierung des Partnerprogramms waren 25 Unternehmen beteiligt, darunter GE, Microsoft, SAP und die Software AG. Seitdem haben wir das Partnernetzwerk weiter ausgebaut – und werden dies auch weiterhin tun. Wir freuen uns über den Beitritt jedes neuen Unternehmens, das Lösungen ergänzend zu unserem Portfolio entwickelt. Ein besonderes Interesse gilt den Start-ups, die IoT-Nischenlösungen anbieten. Diese unterstützen wir durch Dell Technologies Capital, unseren Arm für Risikokapital. Dell Technologies Capital hat bisher in mehr als 70 Unternehmen investiert, von denen etwa 20 Prozent an der Entwicklung und Vermarktung von IoT, künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen beteiligt sind. Wie weit sind Schweizer Unternehmen beim Thema Internet of Things? Welches Marktpotenzial sehen Sie? 
Der Schweizer Markt hat ein riesiges Potenzial, das noch grösser ist als in manchen anderen europäischen Ländern. Denn die Schweiz ist ein sehr innovatives Land. Als Schweizer bin ich sehr stolz darauf, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung uns in ihrer Rangliste der innovativen Länder regelmässig weit oben platziert. Schweizer Unternehmen sind immer auf der Suche nach Möglichkeiten, ihren Kunden einen noch besseren Service zu bieten. Neue Technologien wie das IoT können dabei entscheidend sein. Denken Sie nur an die Möglichkeiten, die eine Kombination aus Blockchain und IoT für eine wichtige Schweizer Branche wie den Bankensektor bieten kann. In welchen Branchen sehen Sie das grösste Potenzial? Das Internet der Dinge ist für alle Branchen relevant, aber einige sind in diesem Bereich aktiver als andere. Im Folgenden möchte ich mich auf drei konzentrieren. Die Fertigungsindustrie ist logischerweise eine wichtige Branche für das Internet der Dinge, und die Industrie 4.0 ist in hohem Mass darauf angewiesen, Daten von allerlei Geräten zu erfassen und zu nutzen. In den kommenden Jahren wird sich der verarbeitende Sektor radikal wandeln: Einzelne geschlossene Produktionseinheiten werden sich zu intelligenten Fabriken entwickeln, indem sie Cyber-gebundene Fertigungssysteme einsetzen, um ihre Effizienz zu verbessern und die Abläufe im Produktionsprozess und in der Lieferkette zu optimieren. Diese Vernetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Menschen, zwischen Maschinen und zwischen Mensch und Maschine. Das Internet der Dinge ist ausschlaggebend beim Aufbau dieser Verbindungen. Welche Bereiche sehen Sie noch? Ein weiterer Sektor, der durch das Internet der Dinge völlig umgestaltet wird, ist der öffentliche Sektor. Intelligente Städte sind ohne IoT nicht denkbar. Die Informationstechnologie hat das Stadtmanagement in den letzten Jahren radikal verändert, und diese Entwicklung wird anhalten. Inwiefern? Die riesigen Datenmengen, welche Stadtverwalter nun sammeln und analysieren können, werden zu besseren, fundierteren Entscheidungen führen und einen optimierten Kundenservice ermöglichen. Und das dritte Segment? Der dritte Sektor, der enorm vom IoT profitieren wird, ist das Telekom-Geschäft. Telekom-Unternehmen gewährleisten die Verbindung zwischen den verschiedenen Geräten und müssen zugleich die Infrastruktur bereitstellen, um alle Daten zu speichern und zu verwalten. Sie müssen ihre Netze auf 5G aufrüsten und werden erhebliche Investitionen in die Edge-Infrastruktur tätigen. Durch meine tägliche Arbeit mit unseren globalen Allianzpartnern stehe ich in sehr engem Kontakt mit den grössten europäischen Telekommunikationsanbietern und ich nehme ein enormes Interesse am Internet der Dinge und Multi-Access Edge Computing (MEC) wahr. Aber auch in der Fertigungsindustrie, Landwirtschaft oder im öffentlichen Sektor sehe ich riesiges Potenzial. Unsere grossen internationalen Systemintegratoren legen ebenfalls einen Schwerpunkt auf IoT, zum Beispiel Autos mit ihrem CODEX-Ansatz. Mit welchen Kunden haben Sie in der Schweiz Projekte geplant? Können Sie Beispiele nennen? 
Wir arbeiten derzeit mit mehreren Schweizer Kunden aus verschiedenen Bereichen an IoT-Projekten, unter anderem in den von mir erwähnten Branchen. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich aufgrund der hohen Sensibilität der Projekte im Moment nicht weiter ins Detail gehen kann. Wie ist das IoT-Geschäft in der Schweiz organisiert und wer wird es leiten? Die lokalen Organisationen ändern sich nicht, da die IoT-Division auf einer internationalen Struktur beruht. Durch die Gründung der neuen Abteilung werden sich jedoch alle lokalen Einheiten noch stärker darauf konzentrieren, IoT auf den Markt zu bringen. Jedes einzelne Teammitglied mit marktorientierten Aufgaben wird dazu beitragen, unsere Kunden im Bereich IoT zu unterstützen. Das Schweizer Managementteam um die beiden Länderchefs Achim Freyer und Frank Thonüs wird sicherstellen, dass unserem IoT-Angebot die nötige Aufmerksamkeit zukommt. Wo wollen Sie mit dem IoT-Geschäft in der Schweiz in einem Jahr stehen? 
Dell EMC ist in der Schweiz bereits in einigen Geschäftsbereichen Marktführer, und wir wollen diese Führungsposition auf das IoT-Geschäft ausdehnen. Ich denke, wir sind einzigartig positioniert, um im Internet der Dinge Trends zu setzen. Vor allem in Branchen wie der Fertigungsindustrie, der Telekommunikation oder dem öffentlichen Sektor würde ich uns gern vorne sehen. Welche Schwierigkeiten müssen Sie bis dahin noch überwinden? 
Dell EMC hat bereits eine starke Position auf dem Schweizer Markt, und der Zusammenschluss von Dell und EMC vor einem Jahr hat uns zu einem noch wichtigeren Partner für unsere lokalen Kunden gemacht. Durch unser breites Lösungsangebot und unser umfassendes Ökosystem haben wir uns eine einzigartige Ausgangslage geschaffen. Schon alleine die Tatsache, dass wir nun einen eigenen IoT-Geschäftsbereich haben, wird uns enorm helfen. Der Bereich des Internet der Dinge ist riesig und entwickelt sich ständig weiter. Die grösste Herausforderung wird es daher wohl sein, Schritt zu halten mit diesen Entwicklungen und nahe an allen Innovationen zu bleiben. Um das zu gewährleisten, investiert Dell EMC stetig in Forschung und Entwicklung. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir der beste Partner sind, um das Thema IoT in Angriff zu nehmen.


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