Swiss IT 2020: Sourcing-Strategien 22.05.2020, 16:44 Uhr

«Das Virus kann alle treffen – unabhängig wo die Leistung erbracht wird»

Die Coronakrise stellt den Sourcing-Mix vieler Unternehmen auf die Probe. Jetzt bloss kühlen Kopf bewahren, sagt Martin Andenmatten. Der Geschäftsführer von Glenfis erklärt, wie sich Firmen und ihre Partner besser gegen solche Krisen wappnen können.
(Quelle: Unsplash)
Computerworld: Der Pandemiefall hat viele Unternehmen hart getroffen. Hat die Coronakrise auch dazu geführt, dass sie nun ihre Make-or-Buy-Strategie überdenken?
Martin Andenmatten: Diese Frage lässt sich heute noch nicht beantworten – dafür ist es noch zu früh. Aber die Firmen werden ihre bestehende Strategie bestimmt neu beurteilen müssen. Eine funktionierende Infrastruktur – unabhängig vom Standort und Verfügbarkeit von Schlüsselpersonen – ist eine zentrale Anforderung an künftige Investitionsentscheide. Im Fokus der Architektur-Strategie wird Resilienz sein. Unternehmen müssen gegen solche Krisenszenarien, die wir aktuell durchleben, widerstandsfähig sein.
Martin Andenmatten ist Geschäftsleiter von Glenfis
Quelle: Glenfis
CW: Wie können sich Unternehmen gegen solche Krisen rüsten?
Andenmatten: Sie müssen ihre Business-Continuity-Strategie bezüglich den Auswirkungen eines Pandemiefalles überprüfen und wohl anpassen. Der Wegfall von kritischen Ressourcen, Infrastrukturen und Sourcing-Partnern sind Szenarien, die in der eigenen Resilienz- und Continuity-Strategie berücksichtigt werden müssen. Die Anforderungen an Sourcing-Partner bezüglich Widerstandsfähigkeit und Service-Lieferkette werden bedeutsamer. Viele Sourcing-Partner werden sich wohl nach einer Zertifizierung wie beispielsweisse ISO22301:2019 ausrichten, um den Nachweis eines geprüften Pandemie- und Continuity-Plans erbringen zu können. 
CW: Viele Unternehmen sind stark von ihren Partnern abhängig. Rächt sich das nun?
Andenmatten: Wir leben in einer vernetzten Welt mit vielen Partnern. Ohne diese Partner wären die meisten Firmen nicht dort, wo sie heute stehen. Die Abhängigkeit und die Verletzbarkeit durch Ausfall oder Teilausfall von Partnern wird in der aktuellen Situation schmerzlich spürbar. Was sich rächt, ist dass diese Szenarien in den meisten Fällen wohl nicht Bestandteil der Evaulation oder der Due Dilligence waren. Der Weg zurück und ohne Partner wird aber nicht funktionieren. Darüber müssen sich Unternehmen schnell im Klaren werden. Ich glaube nicht, dass Corona zu einem verstärkten Insourcing führen wird. Das Risiko ist nicht zwingend kleiner, wenn alles selber erbracht wird.
CW: Kann eine Änderung der Sourcing-Strategie helfen, diese Krise zu überwinden?
Andenmatten: Der Virus kann alle treffen – unabhängig wo die Leistung erbracht wird. Vielmehr wird es eine andere Qualität von Sourcing-Entscheidungen geben. Ein Cherry-Picking nach dem günstigsten Anbieter ohne genau zu verstehen, wie und wer alles in der Service-Lieferkette involviert ist, wird es eher weniger geben. Vielmehr werden sich Sourcing-Partner in Bezug auf eine Pandemie-Strategie und Resilienz stärker differenzieren und im Markt entsprechend besser positioniert sein.
CW: Welche Leistungen sollten Unternehmen selbst erbringen, welche nicht?
Andenmatten: Die Digitalisierung wird durch diese Krise eher vorangetrieben. Das Home Office hat gezeigt, wie wichtig digitale Zusammenarbeit in der Zukunft sein wird. Automatisierung und Cloud-Lösungen werden vorangetrieben. Die IT-Fertigungstiefe nimmt in vielen Firmen ab. Unternehmen beziehen Leistungen oft lieber von qualifizierten Partnern.
CW: Was bedeutet das für die IT-Abteilung im Unternehmen?
Andenmatten: Sie steckt im Sandwich zwischen den Bedürfnissen des Business und der externen Servicerprovider. Die IT-Organisation muss sich darum klar positionieren und am Steuer bleiben. Sie braucht dafür weniger technische Skills, dafür eine gute Kommunikation, Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen. Die IT muss zum strategischen Business-Partner werden. Und sie muss die Rolle des Service-Brokers und -Integrators wahrnehmen, um die besten Lösungen integrieren und orchestrieren zu können.
CW: Wie können IT-Organisationen die Nähe zum Business trotz Outsourcing wahren?
Andenmatten: Viele Unternehmen beklagen sich heute über die schwierige Zusammenarbeit mit der IT-Organisation. Es wird oft geklagt, dass die IT nicht das liefere, was sie verspricht, und das sie viel zu teuer sei. Outsourcing alleine macht das nicht zwingend besser. Aber IT-Organisationen können heute eine strategische Business-Partnerschaft mit dem Unternehmen suchen, um gemeinsam eine Strategie zu finden. Portfolio- und Demand-Management werden zentrale Führungsinstrumente der IT-Organisation. Das Business erkennt so, dass auf die Bedürfnisse eingegangen wird und dass mit den richtigen Sourcing-Partnern gute Lösungen für das Unternehmen entstehen.
CW: Wie sollen Unternehmen ihre Sourcing-Partner auswählen?
Andenmatten: Abhängig von der Kritikalität des Services, der bei einem Sourcing-Partner bezogen wird, ist die gesamte involvierte Service-Lieferkette zu betrachten. Welche Partner sind involviert? Gibt es ein Resilienz-Konzept für das gesamte Service-Ökosystem? Neben der Technologie ist insbesondere die Integration des Managements und der Support-Organisationen in das eigene Führungssystem von entscheidender Bedeutung.


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