Warum das Gesundheitswesen künstliche Intelligenz braucht

Zu den Risiken und Nebenwirkungen der Zukunft

Urs Stromer von ST-Consulting, Co-Initiator of Swiss Healthcare Start-ups und Präsident der IG eHealth, ist mit der Start-up-Szene vertraut und widmete seinen Vortrag diesem Thema. Laut Stromer werden sechs Gamechanger die Medizin von morgen verändern: Die Entwicklung von Sensorik, das Internet of Things, KI-Entwicklung in der Diagnostik, Software Roboter (sogenannte Bots), Augmented Reality (AR) und Gamification.
Als Beispiele dazu dienten etwa Gesichtserkennungssoftware, die anhand der Durchblutung im Gesicht kardiovaskuläre Erkrankung feststellen kann; Körperwaagen, die Daten direkt in die Cloud übermitteln können; interaktive Bots, die Ärzte mit automatisierten Symptomanalysen unterstützen; günstige Physiotherapie im Wohnzimmer mittels AR-Apps; oder das Potenzial von Gamification in der Prävention, damit Menschen gesund bleiben.
Weltweit haben sich 40 Unicorns im Healthcare-Bereich empor getan, beispielsweise Ooscat, Casper, Clover oder Smile. Die Produkte solcher Start-ups könnten Vorteile in der Entlastung von Routinearbeiten bieten, etwa mittels automatisierter Vor-Diagnose oder Betriebsdatenerfassung via dem Internet of Medical Things.
Dennoch mahnte Stromer zur Vorsicht: Digital Health setzt sowohl beim Patienten wie auch beim Arzt eine solide IT- und Medienkompetenz voraus. Weil grosse Teile der Diagnostik sich zum Patienten hin verlagern, wird sich der Alltag in der Praxis stark verändern. Neue Kompetenzen wie der richtige Umgang mit Assistenzsystemen sind gefragt. Stromer warnte auch vor Stolpersteinen wie einer möglichen europäischen Überregulation im Umgang mit medizinischen Daten.

Die Medizin ist keine exakte Wissenschaft

Direkt im Anschluss öffnete Ergon die Diskussion. Dabei kommentierte André Naef, Chief Technology Officer von dacadoo, dass das Unternehmen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens gemächlichen Fortschritt erlebe. «Es gibt gute Korrelation zwischen der Nutzung von Apps und Verbesserungen der Gesundheit», sagte Naef. Für den Nachweis der Ursächlichkeit bräuchte es jedoch unabhängige Kontrollgruppen. Denn möglicherweise nutzen solche Dienste gerade Menschen, die sich ohnehin mit ihrer Gesundheit beschäftigen.
«Das menschliche Leben ist aus Ingenieurssicht vergleichsweise unberechenbar», sagte Naef. Wie Kaiser erinnerte: Im Maschinenbau etwa ist Genauigkeit viel kritischer. In der Medizin gehe es jedoch um Tendenzen. Menschen sind medizinisch zu individuell.
Auch laut Stromer ist der Komplexität im Gesundheitswesen um semantische Nomenklaturen zu definieren viel höher als in anderen Branchen. «In der Finanzbranche gibt's nur einige hundert Währungen, welche sich mit Zahlen darstellen lassen. In der Medizin haben wir hunderttausend klinische Inhalte, die als Zahlen, Zustände, Bilder oder ganze Texte abgebildet werden müssen», sagte Stromer.
Doujak zeigte sich gespannt auf die 2020 kommende Einführung des EPDs und Dubacher sinnierte, ob KI uns im Feld tatsächlich weiterbringt. Die E-Health-Entwicklung gestalte sich gerade wegen der damit verbundenen Komplexität als knifflig. Er fragte: «Kann man solchen Systemen trauen, wenn nicht alles nachvollziehbar ist?»
Die Frage blieb offen, doch der gesamte Anlass sprach Bände über die wachsende Notwendigkeit von KI-Unterstützung.
Autor
Erich Cazzoli
ist freier Journalist aus Wettingen.


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