E-Government 30.05.2018, 08:51 Uhr

Von Estland lernen heisst digitalisieren lernen

Wie lebt es sich in einer digitalisierten Gesellschaft? In Estland kann man sich dies schon heute betrachten. Wie es dazu kam und welche Zukunftspläne der baltische Staat hegt, erklärte der ehemalige Regierungs-CIO Taavi Kotka während einer Veranstaltung von Avantec in Zürich.
Taavi Kotka meint, dass nur eine komplett digitalisierte Gesellschaft den Kampf um virtuelle Talente gewinnen kann
(Quelle: Jens Stark / NMGZ )
Die Digitalisierung ist kaum in einem Land der Erde weiter gediehen als in Estland. Deshalb sei das Land auch gut gerüstet für den künftigen Kampf um «virtuelle Talente». Dies postuliert Taavi Kotka, der frühere CIO der estnischen Regierung, auf der Kundenveranstaltung «IT-Security Inside #18» des Zürcher IT-Sicherheitsspezialisten Avantec. Und den Schweizer Zuhörern im alten Börsensaal Aura gibt er betont sarkastisch den Ratschlag: «Tun Sie in Sachen Digitalisierung nichts. Denn im Kampf um die virtuellen Talente muss die Gesellschaft komplett digitalisiert sein. Wenn Sie also alles beim Alten belassen, haben wir als Estland einen Konkurrenten weniger!».
Wichtigstes Element, um eine digitalisierte Gesellschaft wie die estnische zu erreichen, sei ein grundlegendes Vertrauen in die Regierung, führt Kotka weiter aus. Dies sei mitunter einer der Faktoren, die Estland auf diesem Weg erfolgreich werden liess, und warum andere Länder scheitern könnten.

Leidensdruck und Zwang

Ein weiterer wichtiger Punkt sei der grosse Leidensdruck gewesen, so Kotka. Denn Estland ist im Vergleich zur Grösse mit gut 1,3 Millionen Einwohnern ein dünn besiedeltes Land. «Um unseren Bürgern als Staat Dienstleistungen anbieten zu können, konnten wir nicht Beamte in jedes Dorf schicken, sondern wir mussten eine Möglichkeit finden, dass die Bürger die Dienstleistungen am Computer erledigen können», berichtet der frühere Landes-CIO. Estland habe also gar keine andere Wahl gehabt, als den Weg der Digitalisierung zu beschreiten.
Auch eine gute Portion Zwang ist gemäss Kotka ausschlaggebend für den Digitalisierungserfolg. Er erwähnt in diesem Zusammenhang die Einführung der digitalen ID. Sowohl das benachbarte Finnland als auch Estland hätten hier dasselbe System eingeführt. Allerdings war das Projekt nur in Estland erfolgreich. Der Unterschied: «Für die Finnen war die digitale ID freiwillig. Die Esten mussten sich eine digitale ID zutun», so Kotka. «Mit Zwang lösen sie das Huhn-Ei-Problem», lautet daher Kotkas Fazit.
Dreh- und Angelpunkt für das digitale Zusammenspiel von Wirtschaft und Verwaltung sei schliesslich die Einführung einer einheitlichen Personennummer, die zur Identifikation bei Banken, Versicherungen und gegenüber der Regierung massgeblich ist. «Wenn ein estnisches Baby auf die Welt kommt, bekommt es automatisch vom Staat die Personennummer, noch bevor die Eltern sich über den eigentlichen Namen des Kindes geeinigt haben», witzelt er.

Ziel: 10 Millionen digitale Esten

Estland ist zudem auf dem Weg, seine digitale Gesellschaft zu öffnen. «Unser Ziel ist es, zum 10-Millionen-Volk zu werden», postuliert Kotka. «Leider liegt unser Land zu weit im Norden und offeriert keine Sozialleistungen, deshalb will niemand kommen». Die Lösung sei die Einführung einer E-Niederlassung. Kotka kann hierbei von ersten Erfolgen berichten.
Neben vielen digitalen Nomaden, die weltweit tätig und ohne festen Wohnsitz ständig unterwegs sind, hätten sich überraschender Weise viele Deutsche um eine estnische E-Residenz bemüht. Den Grund sieht Kotka darin, dass das Gründen eines Unternehmens auch einer so genannten «Ich AG» in Deutschland kompliziert ist, das Eröffnen einer Geschäftstätigkeit als E-Resident von Estland dagegen unkompliziert und günstiger obendrein. «In einer digitalisierten Welt werden Regierungen nicht nur mit Dienstleistungen für die eigenen Bürger aufwarten müssen, sondern auch für Bürger anderer Nationen», ist Kotka überzeugt.

Digitale Unsterblichkeit

Überhaupt spielt für Kotka die physische Präsenz seines Landes bald eine untergeordnete Rolle. «Estland ist schon von allen möglichen Völkern immer wieder überfallen worden, von den Dänen, den Schweden, mehrmals von den Deutschen, den Polen und zwei Mal von den Russen. Die Frage einer nächsten Invasion ist nicht das ‹ob›, sondern das ‹wann›», meint Kotka. Doch dank der Digitalisierung kann ihm zufolge Estland sogar dann als Nation weiterbestehen, wenn es das eigene Territorium nicht mehr kontrolliert. «Alle unsere Abläufe sind digitalisiert, sogar Wahlen und Abstimmungen, wir können somit im Grunde genommen völlig ortsunabhängig weiterbestehen».


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