Software aus der Community 13.02.2020, 12:45 Uhr

Open Source als Motor der Digitalisierung

Der Einsatz quelloffener Software bietet viele Chancen, ist aber nicht ohne Risiko. Nur der Umstieg auf Open-Source-Lösungen reicht nicht. Auch die Firmenkultur muss sich ändern.
(Quelle: klss / shutterstock.com)
Open-Source-Software (OSS) wie Linux, MySQL oder Open Office galt lange Zeit als Spielzeug für IT-Nerds. Das hat sich in den vergangenen Jahren drastisch geändert. Heute finden sich quelloffene Programme in beinahe jeder IT-Infrastruktur. «Alle Top-500-Supercomputer laufen mittlerweile unter GNU/Linux», weiss Matthias Kirschner, Präsident der Free Software Foundation Europe (FSFE). Auch drei Viertel aller Webserver basieren auf Open Source, das quelloffene mobile Betriebssystem Android hat einen Marktanteil von 80 Prozent, Content-Management-Systeme, Entwickler-Tools und Cloud-Umgebungen nutzen quelloffenen Code, ebenso Router, Smart-Home-Produkte und IoT-Geräte. «Open Source bildet heute die Basis nahezu aller digitalisierten Geschäftsprozesse», erklärt Jan Wildeboer, EMEA Evangelist des Open-Source-Spezialisten Red Hat – dessen Erwerb sich IBM 2018 rund 34 Milliarden Dollar kosten liess.
“Open Source ist heute die Basis nahezu aller ­digitalisierten ­Geschäftsprozesse„
Jan Wildeboer, EMEA Evangelist Red Hat
Auch in der Schweiz steht Open Source hoch im Kurs. Sowohl bei Unternehmen als auch bei Akteuren der öffentlichen Hand. Das ging aus der Open Source Studie 2018 hervor, die von der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit im Auftrag der Branchenverbände swissICT und CH Open durchgeführt wurde. Das Resultat zeigte: Von den 243 Antwortenden gaben rund 60 Prozent (59,7 %) an, die Bedeutung von Open Source Software habe in den letzten drei Jahren vor der Umfrage eher oder sogar stark zugenommen. Jeder dritte Studienteilnehmer (32,5 %) meinte, dass die Relevanz gleich geblieben sei. Nur 7 Prozent waren der Meinung, dass sie abgenommen habe.

180-Grad-Wende bei Microsoft

Dass Open-Source-Software aus der heutigen Geschäftswelt nicht mehr wegzudenken ist, hat auch Microsoft erkannt. 20 Jahre lang kämpfte das Unternehmen mit aller Macht gegen quelloffenen Code und lizenzfreie Programme. In den als «Halloween-Dokumente» bekannt gewordenen Strategiepapieren formulierte es Ende der 1990er-Jahre Abwehrmassnahmen – unter der Formel «Embrace, Extend and Extinguish»: Offene Standards sollten aufgenommen, um proprietäre Elemente erweitert und dann als neue, nicht offene De-facto-Standards in den Markt gedrückt werden, um die Open-Source-Konkurrenz auszu­löschen. Unternehmenschef Steve Ballmer bezeichnete Linux einst gar als «Krebsgeschwür», das mit seiner Open-Source-Lizenzphilosophie sämtliche Produkte kontaminiere, mit denen es in Berührung komme.
Under dem Ballmer-Nachfolger Satya Nadella kam es dann zu einem Richtungswechsel: Aus dem Open-Source-Feind ist längst einer der grössten Befürworter geworden. «Microsoft liebt Linux», erklärte Nadella auf dem «Microsoft Cloud Briefing 2014» in San Francisco. «Bereits 20 Prozent von Microsoft Azure ist Linux.»
Der Software-Hersteller beteiligt sich heute an zahlreichen Open-Source-Projekten und hat 2018 sogar die Entwicklerplattform GitHub übernommen. Diese 180-Grad-Wende in Redmond stiess in der Open-Source-Community zunächst auf Skepsis: «Wir konnten das gar nicht so recht glauben», berichtet Wildeboer. «Plötzlich klingt Microsoft so, als ob sie Open Source erfunden hätten.»


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