«Pioniergeist macht den Unterschied»
Interview mit Sabrina Storck, SAP Schweiz
Schlagzeilen gibt es viele über SAP. Das Unternehmen bewegt die Gemüter wie kaum ein anderes. Wer den Giganten aus Walldorf nur als unnahbaren Technologiekonzern kennt, wird spätestens beim Gespräch mit Sabrina Storck eines besseren belehrt. Pioniergeist, Agilität und Kundennähe sind die Themen – ja, sind wir hier bei einem Startup gelandet?
Computerworld: Frau Storck, wie ist die Schweizer Niederlassung in die globale Unternehmensstruktur von SAP eingebunden? Haben Sie einen gewissen lokalen Spielraum oder sind Sie primär damit beschäftigt, Entscheidungen aus der Konzernzentrale auszuführen?
Sabrina Storck: Die Schweiz hatte und hat für SAP schon immer eine grosse Bedeutung. Allein schon die Tatsache, dass in Biel die erste Auslandsgesellschaft gegründet wurde, spricht für sich. Letztes Jahr durften wir ja das 40-jährige Jubiläum feiern. Dieser Schritt in die Schweiz hat die Internationalisierung von SAP und die globale Kundenakquise nicht nur geprägt, sondern auch vorangetrieben. Hier wurde quasi das internationale Business «erfunden», hier fand man auch die ersten grossen Kunden und konnte mit ihnen gemeinsam die Industrieprozesse im System abbilden. Dieser Schweizer Pioniergeist zeichnet uns heute noch aus. Wenn Sie SAP heute ansehen, finden Sie noch ganz viel Swissness, zum Beispiel in unserer Prozessexpertise oder in unserer Kundennähe. Und was unsere Produktentwicklung im globalen Kontext angeht, gehören viele Schweizer Unternehmen zu den Pionieren, welche innovativ an der Produkt-Roadmap von SAP mitgewirkt haben. Dieser Pioniergeist ist auch bei der Cloud-Strategie unserer Kunden zu spüren. Viele Schweizer Unternehmen haben sich schon sehr früh für diesen Weg entschieden.
CW: Dann ist die Schweiz so etwas wie ein Musterkind im Hause SAP?
Storck (lacht): Das wäre übertrieben, auch wenn wir im globalen Ranking gemessen an der Grösse des Landes einen beträchtlichen Umsatz beisteuern. Die Schweiz wird in Walldorf sehr wohl wahrgenommen und geschätzt. Auch in Sachen Produktstrategie ist unser Einfluss nicht unerheblich. Dabei hilft sicher auch die geografische Nähe. Unsere Vorstände pflegen einen sehr guten Kontakt zu den Schweizer Kunden. Alles in allem kommen einige Vorteile zusammen, welche die Schweiz mit rund 1000 Mitarbeitenden zu einem wichtigen Standort für SAP im internationalen Geschäft macht.
CW: Bezieht sich das heute primär auf die Revenue-Streams?
Storck: Nein, keineswegs. Wir sehen diesen Schweizer Pioniergeist – entschuldigen Sie, wenn ich das Wort etwas strapaziere – gerade auch bei den neuen IT-Themen wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz. Gerade kürzlich hat unser Kunde ABB mit SAP einen spannenden Case realisiert, bei dem der Aufwand für die Rechnungsprüfungen mittels KI von 20 auf 1 Tag reduziert werden konnte. Auch hier war ein Schweizer Unternehmen Vorreiter, welches international Schule macht. Wie gesagt, die Schweiz ist ein sehr wichtiger Markt für SAP – innovativ und impulsiv zugleich.
CW: Ich kann mir vorstellen, dass die Schweiz als Standort auch für die Gewinnung von Mitarbeitenden interessant ist.
Storck: Definitiv ja. Gerade der Standort Zürich und die unmittelbare Nähe zum internationalen Flughafen sind natürlich spannend. Zudem sind unsere Kunden schnell erreichbar. Ein grosser Standortvorteil ist auch die Nähe zu den ausgezeichneten Talent-Pools der Universitäten und Hochschulen. Das war mit ein Grund, warum SAP in der Schweiz eines der grossen Expertenteams für KI angesiedelt hat. Gleichzeitig treffen wir hier auf spannende Spin-offs und Startups. Auch aus technologischer Sicht können wir hier aus dem Vollen schöpfen und gleichzeitig junge Talente für SAP begeistern.
CW: Begonnen hat alles in Biel. Eine tolle Stadt, aber vielleicht nicht gerade der digitale Nabel der Schweiz. Warum gerade Biel?
Storck: Die Stadt und der See sind wirklich grossartig. Aber das war nicht der Grund. Damals suchte man bewusst einen Ort, um beide Sprachregionen zu bedienen und gleichzeitig in der Nähe der Bundeshauptstadt zu sein. Die Westschweiz hat nach wie vor für SAP eine grosse Bedeutung. Dieses Jahr haben wir unsere Präsenz noch einmal deutlich verstärkt. Einerseits wurden die Arbeitsplätze und Büros in Lausanne attraktiver gemacht und andererseits die Zusammenarbeit mit der EPFL verstärkt. Künftig werden wir in der Romandie auf dem Unlimitrust Campus in Prilly, unweit von Lausanne, zu finden sein.
CW: Viele Deutschschweizer Unternehmen tun sich etwas schwer, in der Westschweiz Fuss zu fassen. Wie erleben Sie die Romandie?
Storck: Wie gesagt, schon der Standort Biel wurde damals aufgrund der Mehrsprachigkeit gewählt. Es ist ein idealer Punkt, um von dort aus als deutschsprachiges Unternehmen ins Welsche einzutauchen. Man ist quasi mitten drin in der Schweiz. Danach wurden Fixpunkte in Zürich und Lausanne aufgebaut. Aus meiner Sicht ideal, denn so hat man drei Rotationspunkte. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich bin überzeugt, dass man – egal in welchem Landesteil – vor Ort mit lokalen Mitarbeitenden präsent sein muss, um das Netzwerk aus Kunden, Partnern, Behörden und Organisationen pflegen und leben zu können. Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist, dass man die gleiche Sprache spricht. In der Romandie gibt es hervorragende Branchenführer mit einem hohen Spezialisierungsgrad. Die Zusammenarbeit mit diesen Firmen ist für uns auch deshalb wichtig, weil sie eine grosse Ausstrahlung auf den ganzen Mittelstand haben.
CW: Entspringt dieses dezentrale Denken ebenfalls dem Schweizer Pioniergeist?
Storck: Das kann ich mir gut vorstellen. Dass SAP sowohl in der Deutschschweiz als auch in der Romandie so präsent ist, hat sehr viel mit unserer Strategie der Kundennähe zu tun. Wir haben zwar mit Zürich einen Hauptstandort, aber keine Zentrale. Wir bekennen uns klar zur Dezentralität im Sinne von lokaler Nähe zu Kunden, Partnern und Talenten. Bei Letzterem möchte ich speziell noch unsere Zusammenarbeit mit dem Innovation-Hub der EPFL «La Forge» erwähnen. Hier trifft bewährtes SAP-Wissen auf neue Ideen. Gerade beim Thema ein unglaublich spannender Mix.