KI als Motor einer nachhaltigeren Landwirtschaft
Interview Feroz Sheikh, Syngenta Group
Computerworld (CW): SAP und Syngenta haben eine langfristige Partnerschaft für KI-gestützte Landwirtschaft angekündigt. Welches Problem wollten Sie mit dieser Zusammenarbeit ursprünglich lösen?
Feroz Sheikh: Unser Auftrag ist klar: Die Weltbevölkerung wächst, die verfügbare Anbaufläche hingegen nicht. Gleichzeitig müssen wir Ressourcen schonender einsetzen und nachhaltiger wirtschaften. Deshalb müssen Landwirte auf derselben Fläche höhere Erträge erzielen – mit weniger Wasser, weniger Dünger und geringerer Umweltbelastung. Genau hier setzen wir an. Syngenta verbindet Innovationen aus Chemie, Genetik und künstlicher Intelligenz, um Landwirte bei besseren Entscheidungen zu unterstützen. Das beginnt bei der Forschung neuer Saatgutsorten und Pflanzenschutzmittel, reicht über die Produktion und Lieferkette bis hin zur konkreten Empfehlung für den einzelnen Betrieb. Unser Ziel ist es, die gesamte Wertschöpfungskette intelligenter zu machen.
CW: Wie funktioniert dieses Konzept in der Praxis?
Feroz Sheikh: Wir verbinden Daten aus drei Bereichen. Erstens aus Forschung und Entwicklung, wo wir neue Wirkstoffe und Saatgutsorten entwickeln. Zweitens aus der Produktion und Lieferkette, wo wir Nachfrage prognostizieren und die Verfügbarkeit unserer Produkte optimieren. Und drittens direkt vom Feld. Dort liefern Sensoren, Drohnen und Wetterdaten Informationen über Boden, Temperatur oder Niederschlag. Diese Daten kombinieren wir mit unserem agronomischen Wissen. Dadurch können wir Landwirten Empfehlungen geben – etwa welche Saatgutsorte sich eignet, welches Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden sollte und in welcher Dosierung. KI unterstützt uns also sowohl bei der Entwicklung neuer Produkte als auch bei der Planung der Lieferketten und schliesslich bei den Entscheidungen auf dem Feld.
Unser Ziel ist es, die gesamte Wertschöpfungskette intelligenter zu machen.
CW: Entwickelt sich Syngenta damit zunehmend zu einem Technologieunternehmen?
Feroz Sheikh: Das wäre durchaus meine Vision. Natürlich bleiben wir ein Unternehmen für Saatgut und Pflanzenschutz. Aber Technologie wird immer stärker zu einem zentralen Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Ich freue mich, dass unser Management diese Entwicklung aktiv unterstützt und Digitalisierung als strategischen Erfolgsfaktor versteht.
CW: Akzeptieren die Landwirte diese neuen Technologien?
Feroz Sheikh: Ja, denn sie sehen den konkreten Nutzen. Wer Betriebsmittel gezielter einsetzt, verbessert seine Erträge, senkt Kosten und schont gleichzeitig den Boden. Die Herausforderung liegt eher im Zugang zu diesen Technologien. Ein Grossbetrieb in Brasilien verfügt über ganz andere Möglichkeiten als ein Kleinbauer in Indien oder Vietnam. KI hilft uns dabei, diese Unterschiede zu überbrücken. Dank Sprachmodellen können Landwirte Empfehlungen in ihrer jeweiligen Landessprache erhalten. Dadurch werden moderne Technologien auch für kleinere Betriebe zugänglich.
CW: Viele Unternehmen experimentieren derzeit mit KI. Oft fehlt jedoch ein klarer geschäftlicher Nutzen. Was ist Ihre Motivation?
Feroz Sheikh: Unser Ziel ist nicht, KI einzusetzen, weil sie gerade im Trend liegt. Wir konzentrieren uns bewusst auf wenige Projekte mit grossem Geschäftsnutzen – unsere sogenannten Lighthouse-Initiativen.Diese decken Forschung, Lieferkette sowie Vertrieb und Marketing ab. Dahinter steht die Überzeugung, dass KI Geschäftsprozesse grundlegend verändern kann. Es geht nicht primär um Kostensenkung, sondern darum, unser Unternehmen neu zu denken und Innovation schneller zu den Landwirten zu bringen.
SAP und Syngenta setzen auf AI in Agriculture
Die Syngenta Group und SAP haben Anfang 2026 eine mehrjährige strategische Partnerschaft angekündigt, um künstliche Intelligenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Landwirtschaft einzusetzen. Ziel ist es, KI-gestützte Prozesse von Forschung und Produktion über Lieferketten bis hin zu digitalen Services für Landwirte zu etablieren. Technologische Grundlage bilden SAP Cloud ERP, die SAP Business Data Cloud sowie SAP Business AI mit dem KI-Copiloten Joule. Durch die Zusammenführung von Unternehmens- und Agrardaten sollen Entscheidungen schneller und datenbasierter getroffen, Innovationen beschleunigt und gleichzeitig Datenschutz sowie die Kontrolle der Landwirte über ihre Betriebsdaten sichergestellt werden. Die Partner verfolgen damit das Ziel, Produktivität, Nachhaltigkeit und Resilienz der Landwirtschaft angesichts von Klimawandel und wachsender Weltbevölkerung zu verbessern.
CW: Welche Rolle spielen dabei Technologien von SAP?
Feroz Sheikh: Für uns beginnt die Transformation im ERP-System. Früher wurden Daten oft aus dem ERP exportiert und anschliessend separat analysiert. Wir verfolgen einen anderen Ansatz: Das ERP selbst wird intelligent. Deshalb setzen wir auf SAP Business Data Cloud, Business AI und Joule als zentrale Bausteine unserer Architektur. Gleichzeitig entwickeln wir eigene KI-Agenten, die gemeinsam mit Joule arbeiten. So verbinden wir unser branchenspezifisches Wissen mit den Geschäftsprozessen im ERP. Wir teilen zudem die Vision eines AI-first Enterprise, wie SAP sie verfolgt. Deshalb fiel die Entscheidung für diesen Technologie-Stack.
CW: Was war auf diesem Weg die grösste Herausforderung?
Feroz Sheikh: Überraschenderweise nicht die Technologie. Die eigentliche Herausforderung ist der Wandel in den Köpfen. Unsere Mitarbeitenden verfügen über jahrzehntelange Erfahrung. Wenn jemand seit zwanzig Jahren Produktionsplanung betreibt, ist es nicht selbstverständlich, plötzlich einer KI-Prognose zu vertrauen. Deshalb investieren wir sehr viel in Change Management, Weiterbildung und Kommunikation. Die technische Umsetzung ist oft einfacher als die organisatorische Veränderung.
CW: Wie schaffen Sie Akzeptanz für diese Veränderungen?
Feroz Sheikh: Indem wir Ergebnisse zeigen. Wir sprechen nicht über den Hype, sondern über konkrete Verbesserungen. Wenn eine KI-Prognose nachweislich präziser ist als eine klassische Planung oder ein Landwirt mit unseren Empfehlungen bessere Resultate erzielt, überzeugt das wesentlich stärker als jede Präsentation. Dabei war die enge Zusammenarbeit mit SAP entscheidend. Unsere Ingenieure arbeiteten gemeinsam mit den Produktteams von SAP an konkreten Lösungen. Dadurch konnten wir glaubwürdige Anwendungsfälle entwickeln und schrittweise skalieren.
CW: Wem gehören die gemeinsam entwickelten Lösungen?
Feroz Sheikh: Es ist eine echte Partnerschaft. SAP entwickelt seine Plattform kontinuierlich weiter, während wir unser Fachwissen, unsere Prozesse und unsere Datenmodelle einbringen. Unsere Anforderungen fliessen teilweise in die Weiterentwicklung der SAP-Produkte ein. Gleichzeitig profitieren wir von neuen Funktionen der Plattform. Beide Seiten gewinnen dadurch.
Technologie wird immer stärker zu einem zentralen Bestandteil unseres Geschäftsmodells.
CW: Vertrauen spielt gerade in der Landwirtschaft eine zentrale Rolle. Wie stellen Sie sicher, dass die Daten der Landwirte geschützt bleiben?
Feroz Sheikh: Das ist für uns ein unverrückbarer Grundsatz. Die Daten gehören den Landwirten. Wir verstehen uns lediglich als Treuhänder dieser Daten. Ohne ausdrückliche Zustimmung verwenden wir sie nicht für andere Zwecke. Diese Regeln haben wir von Anfang an transparent definiert. Vertrauen ist die Grundlage jeder digitalen Zusammenarbeit mit unseren Kunden.
CW: Kann dieses Partnerschaftsmodell auch auf andere Branchen übertragen werden?
Feroz Sheikh: Davon bin ich überzeugt. Unternehmen bringen ihr Fachwissen ein, Technologiepartner liefern die Plattform. Genau diese Kombination schafft Innovation. Ich denke, viele Industrieunternehmen können von einem ähnlichen Modell profitieren – unabhängig davon, ob sie in der Chemie, im Gesundheitswesen oder in der Fertigung tätig sind.
CW: Wo steht Syngenta heute auf dieser Reise?
Feroz Sheikh: Wir haben grosse Fortschritte erzielt, aber wir sind noch nicht am Ziel. Unsere Forschung nutzt KI bereits entlang der gesamten Entwicklung neuer Produkte. Gleichzeitig modernisieren wir unsere Unternehmensplattform auf Basis von SAP S/4HANA und werden später in diesem Jahr auf RISE with SAP umsteigen. Auch unsere digitale Landwirtschaftsplattform Cropwise entwickelt sich sehr erfolgreich. Sie unterstützt inzwischen Landwirte auf rund 76 Millionen Hektaren Anbaufläche weltweit. Darauf sind wir stolz – gleichzeitig wissen wir, dass die eigentliche Transformation noch einige Jahre dauern wird.
CW: Welchen Einfluss hat das Feedback der Landwirte auf die Weiterentwicklung?
Feroz Sheikh: Einen sehr grossen. Wir verfolgen bewusst einen Human-in-the-Loop-Ansatz. KI unterstützt Entscheidungen, ersetzt sie aber nicht vollständig. Wir testen neue Funktionen gemeinsam mit Landwirten und integrieren deren Rückmeldungen direkt in unsere Produktentwicklung. Wenn ein Landwirt eine Empfehlung nicht übernimmt, liefert auch das wertvolle Informationen, um unsere Modelle weiter zu verbessern. Am Ende entscheidet der Erfolg unserer Kunden darüber, ob unsere Technologie erfolgreich ist. Deshalb bleibt ihre Rückmeldung der wichtigste Massstab für unsere Innovationen.
Zur Person
Feroz Sheikh ist Chief Information and Digital Officer (CIDO) der Syngenta Group und verantwortet die globale IT- und Digitalstrategie des Unternehmens. Vor seinem Wechsel zu Syngenta gründete und leitete er mehrere Technologie-Start-ups. Heute treibt er die digitale Transformation des Agrarkonzerns voran – mit Schwerpunkten auf Cloud-Plattformen, künstlicher Intelligenz, Datenmanagement und Cybersicherheit. Darüber hinaus engagiert er sich als stellvertretender Vorsitzender von AgGateway, einem internationalen Konsortium zur Standardisierung des digitalen Datenaustauschs in der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft.