Alte Smartphones statt neue Rechenzentren
Alessandro De Carli, Acurast Association
Die Nachfrage nach Rechenleistung steigt rasant – nicht zuletzt durch den Boom der künstlichen Intelligenz. Gleichzeitig geraten klassische Cloud-Rechenzentren wegen ihres hohen Energie- und Ressourcenverbrauchs zunehmend in die Kritik. Das Schweizer Unternehmen Papers AG verfolgt mit der Acurast Association deshalb einen ungewöhnlichen Ansatz: Statt immer neue Server zu bauen, nutzt die Plattform die Rechenleistung ungenutzter Smartphones. So entsteht ein weltweit verteiltes, dezentrales Netzwerk, das vorhandene Hardware weiterverwendet und damit Energie sowie CO₂ einsparen soll. Erste Anwendungen wie die Cybersecurity-Plattform Obsidio zeigen, wie sich diese Infrastruktur bereits heute produktiv nutzen lässt. Über die Idee, die technischen Hintergründe und das Potenzial des Konzepts spricht Computerworld mit Alessandro De Carli, CEO der Papers AG und Präsident der Acurast Association.
Computerworld (CW): Herr De Carli, Sie sprechen von einem «dezentralen Rechenzentrum für die Hosentasche». Was steckt hinter dieser Idee?
Alessandro De Carli: Meine beruflichen Wurzeln liegen in der Mobile Security. Ich habe bei der Credit Suisse an der Absicherung von Mobile-Banking-Anwendungen gearbeitet und später mit der Papers AG Sicherheitslösungen für Unternehmen und Finanzinstitute entwickelt. Dabei wurde uns bewusst, dass moderne Smartphones nicht nur sichere Geräte sind, sondern über enorm leistungsfähige Prozessoren verfügen. Gleichzeitig landen Millionen funktionstüchtiger Geräte nach wenigen Jahren in der Schublade. Daraus entstand die Idee, diese vorhandene Rechenleistung sinnvoll weiterzuverwenden.
Computerworld: Weshalb eignen sich ausgerechnet Smartphones dafür?
De Carli: In einem Smartphone steckt unglaublich viel Entwicklungsarbeit. Hersteller wie Apple investieren jedes Jahr Milliarden in neue Prozessoren. Gleichzeitig mussten diese Chips von Anfang an extrem energieeffizient sein, weil sie mit einer Batterie betrieben werden. Genau diese Kombination aus hoher Leistung, Sicherheit und niedrigem Energieverbrauch macht Smartphones zu interessanten Rechenknoten.
Millionen funktionstüchtiger Geräte landen nach wenigen Jahren in der Schublade.
CW: Wie wird aus einem alten Smartphone ein Teil des Netzwerks?
De Carli: Das ist sehr einfach. Über den App Store kann eine App installiert werden, welche die Rechenleistung dem Acurast-Netzwerk zur Verfügung stellt. Der Nutzer entscheidet bewusst, wann das Gerät eingesetzt wird. Die App läuft nicht unbemerkt im Hintergrund. Typischerweise werden Zweitgeräte oder ältere Smartphones verwendet, die beispielsweise über Nacht am Ladegerät hängen.
CW: Werden die Besitzer dafür entschädigt?
De Carli: Ja. Wer Rechenleistung bereitstellt, erhält dafür eine Vergütung in Form eines Tokens. Das funktioniert ähnlich wie bei anderen dezentralen Netzwerken. Das Protokoll belohnt jene Teilnehmer, die Rechenleistung zur Verfügung stellen. Die Token können anschliessend auch in klassische Währungen umgetauscht werden.
Die Acurast Association ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Zug. Er entwickelt und betreibt das dezentrale Acurast-Protokoll, das ungenutzte Smartphones zu einer globalen Rechenplattform verbindet. Ziel ist eine sichere, energieeffiziente und offene Alternative zu klassischen Cloud-Rechenzentren. Die Association verantwortet die Weiterentwicklung und Governance des Netzwerks.
acurast.com
CW: Wer nutzt diese Rechenleistung heute bereits?
De Carli: Ein wichtiger Anwendungsbereich ist die Cybersicherheit. Mit unserer Lösung Obsidio testen Schweizer Banken und andere Unternehmen ihre Infrastruktur gegen realistische DDoS-Angriffe. Dafür wird die Rechenleistung unseres weltweiten Netzwerks genutzt. Ein weiterer Anwendungsfall stammt aus den USA: Dort wird Acurast eingesetzt, um KI-Agenten einen unverfälschten Zugang zum Internet zu ermöglichen. Gerade im Bereich der künstlichen Intelligenz sehen wir derzeit grosses Potenzial.
CW: Warum spielt KI dabei eine so wichtige Rolle?
De Carli: Die KI-Modelle werden immer effizienter und können zunehmend auf kleineren Geräten ausgeführt werden. Gleichzeitig wächst der Wunsch, sensible Daten nicht an grosse Cloud-Anbieter weiterzugeben. Unsere Plattform basiert auf sogenannten Trusted Execution Environments. Das bedeutet: Die Daten werden geschützt verarbeitet, selbst der Besitzer des Smartphones kann nicht sehen, welche Informationen gerade verarbeitet werden. Dieses «Confidential Computing» wird in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen.
CW: Kritiker könnten einwenden, dass eine solche Plattform auch missbraucht werden könnte.
De Carli: Dieses Risiko nehmen wir sehr ernst. Deshalb haben wir verschiedene Schutzmechanismen eingebaut. Wir sehen, welche Workloads auf das Netzwerk gelangen, und Unternehmen müssen sich beispielsweise für Sicherheitstests eindeutig authentifizieren. Natürlich kann man Missbrauch nie vollständig ausschliessen – das gilt aber ebenso für klassische Cloud-Plattformen. Entscheidend ist, das Risiko möglichst weit zu reduzieren.
«Wir verstehen Acurast nicht als Ersatz der Cloud, sondern als neue Infrastruktur für Anwendungen, bei denen Sicherheit, Datenschutz und Energieeffizienz entscheidend sind.»
Computerworld: Ihr Netzwerk umfasst mittlerweile rund 260'000 Smartphones. Wie kommt man auf eine solche Zahl?
De Carli: Das Netzwerk ist vollständig dezentral organisiert. Die Geräte gehören weder uns noch der Acurast Association. Menschen aus aller Welt stellen freiwillig ihre Zweitgeräte zur Verfügung. Entstanden ist diese Community organisch. Viele Nutzer haben selbst Anleitungen veröffentlicht oder andere auf das Projekt aufmerksam gemacht. Heute verfügen wir über 260'000 registrierte Geräte, von denen gleichzeitig rund 37'000 bis 40'000 aktiv Rechenleistung liefern.
CW: Welche Dimensionen erreicht diese Infrastruktur?
De Carli: Wir sprechen von mehreren Petabyte Speicher und über 170 Terabyte Arbeitsspeicher. Besonders interessant ist, dass heute weniger die reine Prozessorleistung als vielmehr der verfügbare Speicher zum Engpass für moderne KI-Anwendungen wird. Genau hier verfügen Smartphones über erstaunliche Reserven.
CW: Ist Nachhaltigkeit für Sie ebenso wichtig wie die technische Innovation?
De Carli: Absolut. Die Idee des verteilten Computings gibt es schon lange. Neu ist, dass wir heute allgemeine Rechenleistung bereitstellen können und nicht nur einzelne Spezialaufgaben lösen. Der ökologische Aspekt wird langfristig ein entscheidender Erfolgsfaktor sein. Wir verlängern die Lebensdauer vorhandener Hardware und vermeiden den Bau zusätzlicher Infrastruktur. Gleichzeitig eröffnen sich völlig neue Einsatzmöglichkeiten.
CW: Welche meinen Sie?
De Carli: Denken Sie an Regionen mit schwacher Infrastruktur oder an Gebiete, in denen Rechenzentren gar nicht verfügbar sind. Mit einigen Smartphones und einer Solaranlage lassen sich dort künftig KI-Dienste bereitstellen. Ebenso interessant sind Krisen- und Katastrophengebiete oder Anwendungen rund um digitale Souveränität und Datenschutz. In gut erschlossenen Ländern stehen dagegen heute vor allem Themen wie Cybersicherheit, vertrauliche KI-Anwendungen und sichere Internetzugänge im Vordergrund.
CW: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?
De Carli: Wir stehen noch am Anfang. Unser Team ist vergleichsweise klein, dennoch konnten wir bereits viel erreichen. Die Resonanz aus der Community und aus der Industrie zeigt uns, dass wir mit dieser Idee offene Türen einrennen. Ich bin überzeugt, dass dezentrale Rechenplattformen künftig eine wichtige Ergänzung zu klassischen Cloud-Infrastrukturen werden.
Computerworld: Vielen Dank, Herr De Carli, für dieses interessante Gespräch.
Zur Person
Alessandro De Carli ist CEO der Papers AG und Präsident der Acurast Association. Der Software-Ingenieur und Sicherheitsexperte gilt als Mitgründer von Acurast und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Mobile Security, dezentralen Systemen und Confidential Computing. Zuvor entwickelte er Sicherheitslösungen für Banken und Finanzinstitute.