Abschottung oder Öffnung in einer vernetzten Welt?
asut Swiss Telecommunications Summit
Die aktuellen geopolitischen Umbrüche fordern die Schweiz und auch die ICT-Branche heraus. Kritische Stimmen sprechen gar von einem Schattenkrieg über Cyber-Angriffe und der Verbreitung gezielter Desinformationen. So muss sich die Schweiz zwischen den grossen Wirtschaftsblöcken politisch, wirtschaftlich und technologisch behaupten. Mit weiter fortschreitender Digitalisierung und inmitten globaler Datennetze, Cloud-Infrastrukturen und KI-Systemen wird der Ruf nach mehr Souveränität und Kontrolle lauter. Doch wie kann eine moderne und von Vernetzung profitierende Volkswirtschaft auch künftig erfolgreich sein? Mögliche Antworten dazu gab das diesjährige asut Swiss Telecommunications.
Digitale Souveränität im geopolitischen Kräftefeld
Nach der Einführung durch asut-Präsidentin Judith Bellaiche begrüsste Moderatorin Carolin Roth die Botschafterin der Vereinigten Staaten für die Schweiz und Liechtenstein, Callista L. Gingrich. Das qualitativ hochstehende Bildungssystem der Schweiz, öffentliche Institutionen und die politische Stabilität schaffe nach wie vor Anreize für amerikanische Firmen, Forschung und Entwicklung in der Schweiz zu betreiben, sagte sie. Dabei stehe zurzeit das grosse Potential von KI im Fokus, um die Produktivität, das Gesundheitswesen und die Lebensqualität zu verbessern.
Myriam Dunn Cavelty und Finn Dammann im Gespräch mit Moderatorin Carolin Roth
Rüdiger R. SellinDass Infrastruktur auch als Machtfaktor genutzt wird, zeigen wiederholte Attacken auf Tiefseekabel, nationale Kommunikationsnetze und Satelliten. Finn Dammann (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und Myriam Dunn Cavelty (Center for Security Studies, ETH Zürich) betonten die Wichtigkeit kritischer Infrastrukturen als strategische Schlüsselressourcen und Fundament der Digitalisierung. Bei historisch entstandenen Kommunikationsinfrastrukturen stehe Europa jedoch besser dar als im Bereich IT-Plattformen oder Social Media, sagte Dammann. Gewisse Abhängigkeiten der Schweiz seien aber zu reduzieren, um die digitale Souveränität zu erhöhen – eine Aufgabe des klassischen Risiko-Managements, so Dunn Cavelty. Dazu gehöre auch die Klärung und Nutzung des Verhältnisses der Schweiz zur EU.
Digitale Infrastrukturen im Fokus
Digitale Ökosysteme fussen auf vernetzten Service-Netzwerken, in denen Plattformen, Partner und Daten in einer Infrastruktur verschmelzen. Um jedoch die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, müssen Resilienz, Effizienz, Innovation und Kontrolle Eingang in die Strategien von Staat und Wirtschaft einfliessen, sagte Thomas Knuchel (Accenture Schweiz). Lieferketten müssen in digitalen Ökosystemen neu gedacht werden, auch aus Sicht der Cybersicherheit. Hier bestehe bereits zwar seit längerem eine enge Kooperation zwischen Militär und Wirtschaft, und auch die hiesigen Kommunikationsnetze böten ein hohes Niveau. Allerdings nähmen die Angriffe auf Verwaltungen und Unternehmen zu, wobei Tempo und Umfang der Attacken laufend steigen, so Knuchel. Darum sei bereits beim Systemdesign eine hohe Resilienz vorzusehen und das fertige System dann auch praktisch zu testen. Speziell in der Industrie sieht er hier Verbesserungspotential.
Thomas Knuchel
Rüdiger R. SellinInternationale Regelwerke wie der US-Cloud Act oder die EU e-Evidence Richtlinie bedrohen nationale Hoheitsrechte, berichteten Carla A. Bünger (Phoenix Technologies) und Christian Sager (Bundesamt für Justiz). Unternehmen und Verwaltungen nutzen IT-Systeme und Cloud-Dienste und definieren ihre Daten-Strategien sorgfältig. Phoenix betreibt in der Schweiz sechs Rechenzentren sowie weitere IT-Infrastrukturen inklusive umfangreicher Software und hat reiche Erfahrungen beim Thema digitale Souveränität. Meist stammen die Hardware-Lieferungen neben Japan grösstenteils aus China, was nicht immer unkritisch sei, so Bünger. Sager berichtete von Schwierigkeiten im rechtlichen Umfeld von Cloud-Diensten, Datenhoheit und grenzüberschreitenden Prozessen. Ein Bremseffekt sei, dass die Schweiz global betrachtet ein kleines Land sei und dessen politische Mühlen der Schweiz langsam arbeiten.
Christian Sager und Carla A. Bünger im Gespräch mit Carolin Roth
Rüdiger R. SellinCEO-Runde
Christoph Aeschlimann (Swisscom), André Krause (Sunrise) und Massimiliano Nunziata (Salt Mobile) diskutierten, was das Thema digitale Souveränität für die Branche und ihre Kunden bedeutet. Themen wie internationale Kommunikation, Lieferketten, kritische Infrastrukturen, leistungsfähige und resiliente Netze sowie Fachkräftesicherung standen dabei im Fokus. Aeschlimann betonte die hohe Bedeutung der Supply Chain, auch weil die ICT-Branche stark von Asien und Amerika abhängig sei. Umso gründlicher seien mögliche Szenarien im Vorfeld zu erfassen und zu behandeln, damit bei Ausfall eines Lieferanten keine Engpässe entstünden.
Für Krause stehe neben Sicherheitsfragen auch eine deutliche Beschleunigung des zögernden Mobilfunkausbaus nötig, unter der alle drei Anbieter leiden. Neben Krause betonte auch Nunziata das hohe Sicherheits- und Qualitätsniveau der Schweiz. Die Herausforderung bestehe darin, dieses Niveau im dichten Regulationsdschungel zu halten. So hat Salt kürzlich ein Abkommen mit Elon Musks Starlink abgeschlossen, um eine gut funktionierende Alternative bieten zu können. Allerdings entstehe dadurch eine weitere Abhängigkeit von Amerika.– Ein weiteres Problem sei das steigende Kostenniveau, was Preiserhöhungen bedinge, den Umsatzverlust aber nicht ausgleiche, betonte Aeschlimann, der weitere CHF 100-150 Mio. einsparen will.
Christoph Aeschlimann, André Krause und Massimiliano Nunziata mit Carolin Roth
Rüdiger R. SellinGefahr für staatliche Souveränität
Die Schweiz hat keine Meerverbindung und verfügt über keine Rohstoffe. Ihr Wohlstand basiert auf Wissen, agiert im gegenwärtigen kognitiven Zeitalter jedoch eher als Beobachter. Marcel Salathé, KI-Experte und «digitaler Epidemiologe». (EPFL AI Center) forderte in seinem Weckruf mehr elektrische Energie, mehr Rechenleistung und ein besserer Zugang zu Daten. Wer sie nicht selbst bereitstellt, kauft künftig extern ein und verliert weiter an digitaler Souveränität, so Salathé. Die Schweiz verliert beim Thema KI zunehmend den Anschluss, denn China gebe hier ein hohes Tempo vor und verfüge bereits jetzt über ein grosses Know-how. Als nächsten Schritt entwickle KI auch Software, die Vorbereitungen laufen. Zudem explodiert die Nachfrage nach Tokens, Rechenleistung und Energie. Die dazu benötigten Kapazitäten würden in der Schweiz jedoch viel zu langsam gebaut und es drohe der Verlust digitaler Souveränität. Schliesslich verhindern die hiesigen Datenschutzgesetze jegliche Innovation – ähnlich wie die Strahlenschutzgesetze den Netzausbau. Eine schnelle Deregulierung sei dringend nötig, forderte Salathé.
Marcel Salathé
Rüdiger R. SellinPhilippe Rogge von Microsoft staunte als Belgier nicht schlecht, welche Gedanken und Sorgen sich die Schweiz über ihre digitale Zukunft mache, wenn er sein Heimatland betrachte. Leistungs- und Wissensniveau seien hierzulande dank hervorragendem Bildungswesen mit ausgeprägter ICT-Industrie sehr hoch. Gleichwohl bestünden Szenarien, welche den hiesigen Wohlstand gefährden. Diese seien zu adressieren, insbesondere beim Thema KI, dessen Potential noch nicht genutzt würde, meinte Rogge.
Philippe Rogge
Rüdiger R. SellinPolitikrunde
Die Nationalräte Franz Grüter, Min Li Marti, Barbara Schaffner und Gerhard Pfister diskutierten am Ende die zentrale Frage der Konferenz: Soll die Schweiz offen und vernetzt agieren oder sich im digitalen Réduit abschotten? Grütter empfindet die hiesige Regulierung und Gesetzgebung als wenig ICT-freundlich. Dies sei in Asien und den U.S.A. grundsätzlich anders, wo Innovation vor Regulation käme. Marti warnte davor, die Regulation zu schnell zu reduzieren, weil es dafür keine Mehrheiten geben würde. Schaffer bliess hingegen ins gleiche Horn wie Grütter und steht gegen die totale Datenkontrolle, weil sie investitionsfeindlich sei.
Pfister stellte fest, dass die Schweiz vor einer weiteren industriellen Investition stehe und glaubt an den Schweizer Pioniergeist. Ob der Eisenbahnbau zu Zeiten Alfred Eschers mit den Herausforderungen durch KI vergleichbar ist, darf jedoch bezweifelt werden. Grütter sieht Bereiche, in denen die Schweiz gut dastehe, sieht aber auch dunkle Wolken aufziehen, dies auch im Bereich Stromversorgung. Er forderte eine multinationale Zusammenarbeit mit vielen Lieferanten. Die Schweiz muss ihre Position in einer zunehmend vernetzten Welt gestalten und diese zwischen globaler Kooperation, digitaler Souveränität und Sicherheitsinteressen ausloten, so das Fazit der Runde.
Franz Grüter, Min Li Marti, Barbara Schaffner und Gerhard Pfister
Rüdiger R. Sellin